VON OLIVER BURGARD
KURZ-INFO +++ Bauingenieure sind Experten für Gebäude - von der Planung bis zum Abriss +++ Computersimulationen werden immer wichtiger +++ Am Anfang wird mehr gerechnet als konstruiert +++ Öko- und Energiethemen stehen hoch im Kurs +++ Viele Absolventen arbeiten fernab der Baustelle +++
Worum geht es?
Ob Wolkenkratzer, Windkraftanlage oder der naturnahe Umbau eines Flussbetts - Bauingenieure sind in vielen Bereichen gefragt: bei der Planung, der Konstruktion und der Instandhaltung, aber auch bei Ausbau oder Abriss und Recycling. Sie sind Experten für Materialkunde, Baustatik, Baurecht, Abfallwirtschaft, Verkehrswesen, Wasserbau und Gebäudemanagement. Im Vordergrund stehen Technik und Funktionalität, weniger die Gestaltung. Das unterscheidet das Fach von der Architektur.
Wie ist das Studium aufgebaut?
Am Anfang wird vor allem gerechnet. Mathematik und technische Mechanik stehen im Mittelpunkt. Welchen Druck muss ein Hausfundament aushalten? Welche Kräfte wirken auf eine Brücke, wenn ein ICE darüberfährt? Das macht vielen Studenten zu schaffen. »Aber die Grundlagen sind wichtig, weil man ansonsten später nicht versteht, wie man Konstruktion und Statik berechnen muss. Nach den ersten beiden Semestern kommt mehr Anwendung hinzu, da wird es spannender«, sagt Bernhard Stratemeier, 23, der an der TU Braunschweig im vierten Semester studiert. Denn im zweiten Jahr rücken die eigentlichen Ingenieurfächer in den Vordergrund. Sie lassen sich grob in Planung und Konstruktion einteilen. Zu den planerischen Fächern zählen Verkehrswesen, Wasserbau und -wirtschaft sowie Vermessungs- und Bodenkunde. Zu den konstruktiven Fächern gehören Statik, Holzbau, Massivbau sowie Bautechnologie. Gegen Ende des Studiums setzt man eigene Schwerpunkte. Die Palette reicht je nach Hochschule von der Abfallwirtschaft über den Brückenbau bis zur Verkehrsplanung.
Ihr Wissen weisen die Studenten in Klausuren nach, sie halten Referate und schreiben Hausarbeiten. Zudem fertigen sie Entwürfe an, als Zeichnung oder am Rechner, etwa für den Bau einer Kläranlage oder für ein neues Autobahnkreuz. Häufig werden unterschiedliche Leistungsnachweise kombiniert. Im letzten Semester schreiben die angehenden Bauingenieure ihre Bachelorarbeit. Manche Arbeiten sind praxisnah angelegt, Studenten entwickeln zum Beispiel Infrastrukturprojekte für Stadtteile in der Umgebung; andere eher theoretisch. Dann geht es etwa um die Darstellung von neuen Konstruktionsmethoden.
Das Studium an Universitäten ist eher grundlagenorientiert. Die Studenten sollen lernen, theoretisches Wissen in immer neuen Zusammenhängen anzuwenden - etwa bei der Entwicklung von Baustoffen und Konstruktionsmethoden. Wie es in einem Ingenieurbüro zugeht, erfahren die meisten im Pflichtpraktikum (sechs bis zwölf Wochen), das sie vor dem Studium oder in den Semesterferien absolvieren.
Fachhochschulstudenten starten oft bereits im ersten Semester ein Projektstudium. In kleinen Arbeitsgruppen planen sie etwa ein Wohn- oder Geschäftshaus oder eine Halle. Im dritten Studienjahr arbeiten die meisten FH-Studenten ein Semester lang praktisch, zum Beispiel in einem Ingenieurbüro oder in der Bauverwaltung. FH-Studiengänge mit einem solchen eingebauten Praxissemester dauern sieben Semester, den Bachelor an den anderen FHs und den Unis gibt es dagegen schon in der Regelstudienzeit von sechs Semestern. Ungefähr jeder dritte Bachelor hängt noch einen Masterabschluss dran, wobei die Auswahl immer öfter nicht nur über die Bachelornote, sondern auch über ein Auswahlgespräch läuft. Die Chancen stehen gut, weil das Fach eher Schwierigkeiten hat, genügend Studienbewerber zu gewinnen. Mit einer Bachelornote, die schlechter als 2,5 ist, sinken die Chancen auf einen Masterplatz allerdings.
In den Masterstudiengängen bilden einige Hochschulen Generalisten aus. Andere bieten umgekehrt Spezialisierungen in Vertiefungsfächern an. Dabei stehen Ökothemen hoch im Kurs - vor allem Energiewirtschaft und Umwelttechnik. Die Zahl berufsbegleitender Masterprogramme, die oft von Firmen unterstützt werden, steigt. Davon profitieren Bachelorabsolventen, die direkt ins Berufsleben starten. Sie können später einen passenden Master dranhängen.
Neue Entwicklungen?
Längst beschäftigen sich Bauingenieure nicht mehr nur mit den Klassikern Beton, Holz und Stahl, sondern verwenden auch Materialien wie Kunststoffmatten oder Glasfaser. Außerdem untersuchen sie, wie sich unterschiedliche Baustoffe kombinieren lassen.
Ein Trend ist der verstärkte Einsatz von Computersimulationen im Studium. Studenten simulieren etwa das Tragverhalten von Gebäuden oder in Geländemodellen die veränderten Sichtverhältnisse nach dem Neubau einer Straße. Ein Beispiel für elektronisches Lernen bietet die TU Darmstadt: Dort bearbeiten Studenten im Fachgebiet Stahlbau Aufgaben im hochschulinternen Wiki. Umweltfragen werden für Bauingenieure immer wichtiger, auch wenn sie sich nicht auf dieses Gebiet spezialisiert haben. »Wenn man ein Hochhaus plant, dann muss man die Veränderung des Stadtklimas oder die neuen Windverhältnisse in der Straße als Ingenieur heute mitbeachten«, sagt Gerhard Müller, Professor für Baumechanik an der Technischen Universität München.
Eignung, Hürden, Irrtümer
Die Mehrzahl der Studiengänge ist nicht zulassungsbeschränkt, einige Hochschulen wie die RWTH Aachen und die FH Kaiserslautern erwarten aber ein Praktikum vor dem Studium. »Das ist sehr hilfreich, selbst wenn es keine Pflicht ist«, empfiehlt der Student Bernhard Stratemeier. Er absolvierte nach seinem Abitur zuerst ein Praktikum in einem Architekturbüro und später in einer Zimmerei. »Wer nicht auf einer Baustelle gestanden hat, dem fehlt das Gefühl für das Fach.« Immer wieder brechen Studenten ab, weil sie das Studium zu unkreativ finden. »Viele Studienanfänger wissen nicht, dass die Architekten das Künstlerische machen und wir Ingenieure diese Entwürfe dann planen und berechnen«, sagt Marcus Ruff, 21, der im dritten Semester Bauingenieurwesen an der HTWK Leipzig studiert. Andere Studenten steigen in den ersten Semestern aus, weil sie in Mathematik und Physik überfordert sind. Die Durchfallquoten bei Klausuren - die man allerdings wiederholen kann - liegen bei bis zu 40 Prozent.
Berufsfelder
Den Bauingenieur stellt man sich gewöhnlich als Bauleiter mit Helm vor, der Kräne und Betonmischer koordiniert. Zwar ist Bauleitung nach wie vor ein klassisches Karriereziel, aber viele Absolventen arbeiten am Schreibtisch fernab der Baustellen. Sie entwerfen als Mitarbeiter von Ingenieurbüros, Baufirmen oder Behörden Pläne für Gebäude und Anlagen oder koordinieren die Umsetzung von Bauvorhaben. Manche Bauingenieure sind Experten für Projektentwicklung, einige pflegen als IT-Fachleute Netzwerke und Software, andere arbeiten als Sachverständige und schreiben in Streitfällen Gutachten. Die Sanierung und der Umbau nimmt im Arbeitsalltag von Bauingenieuren mittlerweile genauso viel Raum ein wie die Planung und Konstruktion von Neubauten.
Wegen ihrer breiten theoretischen Ausbildung haben Bauingenieure auch in anderen Branchen Erfolg - beim Fahrzeugbau oder in der Medizintechnik. Sie arbeiten in Entwicklungsabteilungen, berechnen die Stabilität von Kotflügeln oder testen den Strömungswiderstand künstlicher Herzklappen. Solche Laufbahnen sind für Bauingenieure jedoch eher die Ausnahme.
Die Unis empfehlen ihren Studenten, den Master zu machen: »Dabei kann man die Chance nutzen, ins Ausland zu gehen oder sich in seiner Lieblingsdisziplin zu spezialisieren«, sagt Gerhard Müller, der Professor aus München. Für eine Laufbahn im höheren öffentlichen Dienst etwa ist dieser Abschluss Voraussetzung, doch es wird derzeit diskutiert, das zu ändern. Bachelorabsolventen von der FH seien dank ihrer anwendungsbezogenen und breiten Ausbildung etwa bei Ingenieurbüros als Bauplaner oder als Bauleiter auf der Baustelle gefragt, sagt Horst Werkle, Professor für Bauingenieurwesen an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung in Konstanz.
Bauingenieure können auch freiberuflich arbeiten oder ein eigenes Büro gründen. »Ich würde aber jedem Absolventen empfehlen, Praxiserfahrung zu sammeln und sich ein breites Wissen anzueignen, bevor er sich selbstständig macht«, sagt Horst Werkle. Die Quote der Selbstständigen liegt bei Bauingenieuren mit knapp 25 Prozent deutlich höher als in anderen Ingenieurberufen.
MITARBEIT: CHRISTIAN FUCHS
BÜCHER UND LINKS
Wolfgang Henning: Studienführer Bauingenieurwesen; 2., aktual. Aufl.; Lexika Verlag, Eibelstadt 2008; 168 S., 15 Euro. Eine Einführung ins Studium mit vielen Beispielen
Birgit Giesen: Staufenbiehl. Ingenieure. Das Karrierehandbuch, Wintersemester 2010/2011; Staufenbiel-Verlag, Köln 2010; 194 S., 15 Euro. Informiert über Branchen, Berufsbilder und Karrieremöglichkeiten.
www.werde-bauingenieur.de: Das Portal des Hauptverbands der Bauindustrie enthält Infos zu den Studienangeboten und bietet Einblicke in die Arbeit von Bauingenieuren.
www.think-ing.de: Ist ein Ingenieurstudium das Richtige für mich? Die Seite informiert über Ausbildungswege und Berufsbilder. Außerdem gibt es einen Eignungstest.
Stimme vom Campus:Studenten berichten von ihrem Fach Bauingenieurwesen