Wie ist das Studium aufgebaut?
In den ersten beiden Semestern des Bachelorstudiums befassen sich die Studenten mit Grundbegriffen wie Gesellschaft, Ordnung, Macht, soziale Ungleichheit oder Integration. Zudem erhalten sie einen Überblick über die Geschichte der Soziologie und über die Theorien von Denkern wie Karl Marx, Max Weber, Émile Durkheim, Niklas Luhmann oder Georg Simmel. Die Texte seien oft schwierig, sagt Maja Urbanczyk, die in Tübingen Soziologie im siebten Semester studiert. »Aber es lohnt sich. Man bekommt viele Denkanstöße und erweitert seinen Horizont. « Seit sie zum Beispiel die Rational-Choice- Theorie kennengelernt habe, hinterfrage sie ihr eigenes Verhalten viel häufiger und überlege, ob sie nun gerade rational handele oder nicht. Zu den Grundlagen des Soziologiestudiums gehört auch eine Einführung in die Sozialstrukturanalyse, mit deren Hilfe man eine Gesellschaft nach bestimmten Merkmalen aufschlüsseln kann, etwa nach Bildungsgrad oder Einkommen. Großen Raum nimmt die empirische Sozialforschung ein: Die Studenten lernen, wie man Massendaten mit Computerprogrammen erhebt und auswertet. Sie üben aber auch qualitative Methoden, mit denen sich die Einstellung von Menschen erfassen lässt, etwa durch Interviews oder Beobachtungen, die protokolliert werden. Ab dem zweiten Studienjahr besuchen die Studenten Seminare und Vorlesungen zu den sogenannten Spezialsoziologien. Dabei setzen sie individuelle Schwerpunkte. In der Mediensoziologie lernen sie zum Beispiel, wie man Facebook- Profile nach wissenschaftlichen Kriterien analysiert. Die Techniksoziologie fragt nach dem Zusammenspiel von Mensch und Maschine. Hier wird zum Beispiel erforscht, wie sich die Kommunikation durch die Verbreitung von Smartphones verändert. »Bei solchen Themen merkt man schnell, dass das Fach viel mit einem selbst zu tun hat, man hinterfragt automatisch sein eigenes Verhalten und das anderer Menschen«, sagt Maja Urbanczyk. »Das Fach ist zwar sehr theoretisch, aber eben auch extrem nah an den Menschen und ihrem Alltag.« Vorlesungen, Seminare und Übungen schließen mit Hausarbeit, Klausur oder mündlicher Prüfung ab. Zusätzlich verlangen die Unis, dass die Studenten während des Studiums Praktika absolvieren, die sie sich selbst organisieren (zum Beispiel in der Personalabteilung einer Firma oder in einer sozialen Einrichtung). Die Vielfalt des Fachs bietet die Chance, früh ein eigenes Profil zu entwickeln. Ausflüge in andere Fächer sind oft Pflicht und sollten zum gewählten Schwerpunkt passen. Zu einer Spezialisierung in Techniksoziologie passt etwa Informatik, und wer später in der Personalentwicklung arbeiten will, kann Soziologie mit BWL kombinieren. Die Angebote der Unis unterscheiden sich stark. Große soziologische Institute wie jene in Bielefeld, Bremen, Frankfurt/Main, Hamburg oder Mannheim haben eine größere Auswahl als solche mit nur zwei, drei Professoren. Die große Mehrheit der Soziologie-Bachelor hängt ein Masterstudium an. »In der Soziologie gilt der Master als Regelabschluss«, sagt Martina Löw, die Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Im Masterstudium konzentrieren sich die Studenten auf zwei Schwerpunkte und ein Projekt, zu dem oft ein Forschungspraktikum gehört. Sie lernen, wie man eine empirische Studie durchführt, etwa indem man einen Fragebogen entwickelt, um herauszufinden, ob sich Schüler für Politik interessieren.
Neue Entwicklungen
Soziologen untersuchen derzeit, wie sich die globalisierte Wirtschaft, die grenzüberschreitende Kommunikation und die Einwanderung auf die Gesellschaft auswirken. An Bedeutung gewonnen hat auch das Konzept der Transnationalisierung, mit dem das Entstehen von Gemeinschaften jenseits von Nationalgesellschaften erfasst werden soll. Soziologen fragen zum Beispiel danach, worin sich das Konsumverhalten von Jugendlichen in New York, Shanghai und Berlin ähnelt oder unterscheidet. Die Internationalität des Fachs drückt sich auch darin aus, dass Veranstaltungen nicht selten auf Englisch stattfinden. Die meisten Institute fördern Auslandssemester und kooperieren dafür mit soziologischen Instituten in anderen Ländern. »Ein Auslandsaufenthalt verändert den Blick auf Kulturen und Gesellschaften - man hält seine eigene Kultur danach nicht mehr für selbstverständlich «, sagt die Soziologieprofessorin Martina Löw von der TU Darmstadt. Soziologische Themen werden vermehrt mit anderen Disziplinen zusammengeführt. HinterNamen wie Sozialwissenschaften oder Social Sciences steckt eine Mischung aus Soziologie, Politik- und Wirtschaftswissenschaft. Europastudien oder European Studies, die viele Hochschulen als Bachelor- und Masterprogramme anbieten, enthalten ebenfalls oft soziologische Themen und Methoden.
Eignung, Hürden, Irrtümer
Viele Studienanfänger überrascht es, wie theoretisch das Studium ist und dass Mathematik für Soziologen wichtig ist. »Statistik gehört überall dazu, daran kommt man nicht vorbei«, sagt Löw. Ein Mathegenie muss man zwar nicht sein, doch Mathehasser haben es schwer. Um die Fachliteratur zu bewältigen, sollten die Studenten Spaß an theoretischen, oft schwer verständlichen Texten haben und solide Englischkenntnisse mitbringen. Spaß an der Auseinandersetzung sollte man ebenfalls mitbringen, denn trotz aller Theorie wird in den Seminaren oft lebhaft diskutiert. Genau das gefällt dem Heidelberger Siebtsemester Alexander Fürstenberg besonders gut: »Querdenken und mitreden ist erwünscht. Das theoretische Wissen benutzen wir als Basis, um eigene Standpunkte zu entwickeln.« Die Zulassungsvoraussetzungen zum Bachelor variieren stark. In Münster wurden im Wintersemester 2011/12 Abiturienten mit einer Note von 1,8 oder besser zugelassen, in Frankfurt am Main reichte ein Abi-Schnitt von 3,1. Gute Zensuren in Deutsch und Mathe können die Chancen erhöhen, denn sie werden an den meisten Hochschulen stärker gewichtet. Die Zulassung zum Master hängt meist von der Bachelornote ab. Vielerorts braucht man eine Eins vor dem Komma, um ohne Wartezeit zugelassen zu werden. Insgesamt gibt es aber keine Engpässe bei den Studienplätzen.
Berufsperspektiven
Das Klischee von der Soziologie als brotloser Kunst hält sich zwar hartnäckig, hat aber mit der Realität wenig zu tun. Ihre analytische Denkweise und ihre Kenntnisse in Statistik machen Soziologen zu Allroundern, die je nach individueller Spezialisierung in unterschiedlichen Branchen Arbeit finden. Allerdings müssen die Studenten möglichst früh den Berufseinstieg vorbereiten und den Kontakt zur Praxis suchen. Besonders gefragt sind die Absolventen in der Meinungsforschung. Des Weiteren arbeiten sie wie Politologen in der Politikberatung oder machen bei Public-Affairs-Agenturen Lobbyarbeit. Sie konkurrieren mit Sozialpädagogen und Psychologen um Leitungspositionen in der Jugend und Altenhilfe. Auch in Personalabteilungen von Unternehmen und Behörden sind sie beschäftigt, wobei sie immer häufiger Aufgaben übernehmen, die früher Betriebswirten oder Juristen vorbehalten waren - beispielsweise führen sie Bewerbungsgespräche oder entwickeln Konzepte für die Weiterbildung von Mitarbeitern. In der Verwaltung unterstützen Soziologen etwa die Stadtplanung oder auch den Strafvollzug. Mit dem Bachelor kann man zum Beispiel in der Sozialarbeit oder über Trainee-Programme in manchen Unternehmen einsteigen. Knapp achtzig Prozent der Absolventen haben einer Studie des Hochschul-Informations-Systems von 2010 zufolge nach einem Jahr den Berufseinstieg geschafft und im Schnitt 32 600 Euro verdient.
MITARBEIT OLIVER BURGARD
BÜCHER UND LINKS
Sighard Neckel/Ana Mijic/Christian von Scheve/Monica Titton (Hrsg.): Sternstunden der Soziologie. Wegweisende Theoriemodelle des soziologischen Denkens; Campus Verlag, Frankfurt a.M. 2010; 501 S., 24,90 Euro. Erklärt, wie Soziologen die Welt sehen.
Uwe Schimank/Nadine M. Schöneck (Hrsg.): Gesellschaft begreifen; Einladung zur Soziologie; Campus Verlag, Frankfurt a.M. 2008; 195 S., 18,90 Euro. Persönliche Berichte zeigen, wie Soziologen ihre Themen finden.
Michael Corsten: Grundfragen der Soziologie; UTB, Stuttgart 2011; 322 S., 19,90 Euro. Stellt zentrale Begriffe, Themen und Denkansätze vor: mit Lernkontrollfragen.
Jan Wenke: Studi-Kompass Politik und Sozialwissenschaften. Stark Verlag, Hallbergmoos 2011; 396 S., 14,95 Euro. Übersichtliche Sammlung von Studiengängen.
soziologie.de: Homepage der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) mit Links zu Studiengängen, Bibliotheken, Datenbanken und Zeitschriften.
soziologie-forum.de: Hier kann man sich über soziologische Theorien, Jobs oder Studiengänge austauschen.