Wie ist das Studium aufgebaut?
Bachelorstudiengänge bieten mit unterschiedlichen Ausrichtungen vor allem Fachhochschulen an: Bei der Pflegetheorie steht die Versorgung der Pflegebedürftigen im Mittelpunkt, beim Pflegemanagement liegt der Fokus auf Fragen der Leitung und Organisation von Einrichtungen. Absolventen von Studiengängen mit Schwerpunkt Pädagogik bringen an Berufsbildenden Schulen angehenden Pflegefachkräften bei, erforderliche Maßnahmen zu erkennen und umzusetzen, zum Beispiel Verbände zu wechseln. Sie studieren neben Pflege meist noch ein zweites Fach. Das Studium dauert in der Regel sechs oder sieben Semester. Anfangs eignen sich alle Studenten Grundwissen in den Pflegewissenschaften, BWL, Psychologie, Sozialwissenschaften, Medizin und Sozialrecht an. »Ich war überrascht, wie tiefgründig medizinisch das Studium ist«, sagt Marielle Schirmer, die im vierten Semester Pflege an der Hochschule Fulda studiert. Vorlesungen sind im Pflegestudium selten. Gängiger sind Seminare, in denen gerade so viele Studenten sitzen wie Schüler in einer Klasse. Die angehenden Pflegewissenschaftler setzen sich etwa mit den verschiedenen Bedürfnissen von Demenz- oder Rheuma-Patienten auseinander und lernen Arbeitsumfelder der Pflege kennen, zum Beispiel Alten- oder Wohnheime. Oft steht Gruppen- oder Projektarbeit auf dem Stundenplan. Marielle Schirmer etwa übte an lebensgroßen Puppen Fälle aus dem Pflegealltag. In Ethikseminaren wird unter anderem darüber diskutiert, wie man mit der Bitte eines Krankenhauspatienten umgeht, ihm Zigaretten zu holen. »Spezielle Seminare sollen die Studenten sensibilisieren, ethische Probleme zu erkennen«, sagt Johannes Korporal, emeritierter Professor an der Alice Salomon Hochschule Berlin. Ihr Wissen weisen die Studenten in mündlichen Prüfungen, Hausarbeiten, Klausuren und Projektarbeiten nach. Studienbegleitende Praktika und Praxissemester, etwa in einem Krankenhaus oder einer ambulanten Pflegeeinrichtung, sind die Regel. Josef Huber hat beispielsweise während seines Praxissemesters in einem Krankhaus daran mitgearbeitet, ein Konzept für eine papierlose Station umzusetzen: Dabei werden alle Daten der Patienten, über ihre Erkrankung und Behandlung, elektronisch erfasst und bearbeitet. Weniger als die Hälfte der Pflegestudenten setzt nach dem Bachelor ihr Studium mit einem Master fort, schätzt Korporal. In breit angelegten pflegewissenschaftlichen Masterprogrammen werden vor allem die Bereiche Gesundheit, Soziales, Versorgung und Sozialrecht behandelt. »Noch gibt es nicht viele spezialisierte Masterstudiengänge - doch es werden mehr, weil der Bedarf an Fachpersonen mit Spezialkenntnissen und Pflegewissenschaftlern wächst«, sagt der Professor.
Neue Entwicklungen
»Die Erstausbildung verlagert sich immer mehr an die Hochschulen«, berichtet Korporal. Häufig werde in einem dualen Modell die Ausbildung zur Pflegefachkraft mit der wissenschaftlichen Ausbildung an einer Hochschule verknüpft. Während die Zahl der Bachelorprogramme, die für die praktische Pflege ausbilden, zunimmt, werden pädagogische und wirtschaftliche Schwerpunkte verstärkt erst im Master angeboten. In jüngster Zeit sind zudem einige Hochschulen gegründet worden, die ausschließlich für den Gesundheitssektor ausbilden - etwa die Hochschule für Gesundheit in Bochum. Durch die Akademisierung gewinnt die Pflege gegenüber der Medizin an Autonomie. »Pflegefachkräfte werden mehr Verantwortung übernehmen - auch gegenüber den Ärzten«, sagt Korporal. »Der Arzt stellt immer häufiger ledigSpelich die ärztliche Diagnose, die Pflegefachkraft entscheidet eigenverantwortlich über die Behandlung. « Verstärkt befasst sich die Pflege damit, wie Patienten ihre Gesundheit erhalten können. Die Lehrinhalte berücksichtigen, dass die Menschen älter werden, wodurch die Pflege bei chronischen Krankheiten zunehmen und ambulante Pflege wichtiger wird. An Bedeutung gewonnen haben auch die Palliativ- und Hospizpflege sowie die Versorgungsforschung, die etwa die Häufigkeit von chronischen Wunden untersucht.
Eignung, Hürden, Irrtümer
Nach wie vor setzen viele Hochschulen eine abgeschlossene Ausbildung in einem Pflege- oder Gesundheitsfachberuf sowie Berufserfahrung voraus - die Studenten sind deswegen oft älter als in anderen Fächern. So war das auch bei Josef Huber, der rückblickend sagt: »Eine Ausbildung vor dem Studium ist sinnvoll, weil man dadurch den Pflegealltag besser versteht.« Doch mit den dualen Bachelorprogrammen steht das Fach auch Abiturienten ohne Ausbildung offen. Die Bewerber müssen meist ein Praktikum vorweisen und bei einer mit der Hochschule kooperierenden Pflegeeinrichtung eine Ausbildungsstelle haben. Ansonsten ist die Mehrzahl der Pflegestudiengänge zulassungsfrei. An manchen Hochschulen gibt es einen NC, teils muss man ein Bewerbungsschreiben mitschicken oder zu einer Einstufungsprüfung antreten. Masterplätze sind genug vorhanden. Mancherorts ist eine Bachelornote von 2,5 oder besser Voraussetzung. »Insgesamt hat die Bedeutung der Note deutlich abgenommen«, fügt Professor Johannes Korporal hinzu. Viel häufiger müsste die Ausrichtung des Erststudiums und der Ausbildung passen. Pflegestudenten müssen körperlich und seelisch belastbar sein. Wem schon der Gedanke an eitrige Wunden Schauer über den Rücken jagt, der sollte etwas anderes studieren. Die Auseinandersetzung mit Leid und Tod gehört dazu. Pflegewissenschaftler sollten sich außerdem für das Gesundheitssystem interessieren und mit Zahlen klarkommen. Um Rechnungswesen und Bilanzanalysen kommt man gerade in den auf Management ausgerichteten Studiengängen nicht herum. Einzelne Hochschulen bieten Einsteigern deshalb Brückenkurse an. Wer dual oder berufsbegleitend studiert, muss mit einer großen Arbeitsbelastung klarkommen. Marielle Schirmer studiert an der Hochschule Fulda im dualen System. Die praktische Ausbildung liegt in den Semesterferien: »Das ist schonledig stressig, denn direkt nach den Prüfungen am Semesterende arbeiten wir vier Wochen lang in der Klinik«, sagt die Studentin.
Berufsperspektiven
Je nach Schwerpunkt zieht es die Pflegewissenschaftler in unterschiedliche Berufe. Pflegemanager etwa leiten später Alten- oder Pflegeheime oder entwickeln die Pflege in einem Krankenhaus weiter, sie kümmern sich um die Qualitätssicherung, organisieren die Schichten und die Finanzen. Andere haben Führungsaufgaben bei Krankenkassen oder Wohlfahrtsorganisationen. Wer Pflegepädagogik studiert hat, bildet selbst Fachkräfte aus - in Krankenhäusern, Pflegeheimen oder an Berufsfachschulen. Pflegewissenschaftler arbeiten als Experten für Krankenkassen, Behörden oder als selbstständige Gutachter. Sie beurteilen etwa, wie viel Pflege jemand benötigt. Pflegeberater wiederum helfen Menschen bei der Versorgung ihrer Angehörigen, erstellen Pflegekonzepte oder vermitteln Versorgungsangebote. Pflegeabsolventen finden oft direkt nach dem Bachelor eine Stelle. Master kommen jedoch leichter in Führungspositionen; für die Geschäftsführung großer Einrichtungen oder die Pflegedirektion ist der höhere Abschluss Pflicht. In einer Studie des Hochschul-Informations-Systems von 2010 gaben rund 90 Prozent der Absolventen an, innerhalb eines Jahres eine Stelle gefunden zu haben (Einstiegsgehalt: 37 100 Euro). Die Berufsaussichten bewertet auch Johannes Korporal als gut: »Die meisten Absolventen haben wenig Probleme, eine Tätigkeit mit großen Möglichkeiten zu finden, die zu ihnen passt und Perspektiven bietet.«
MITARBEIT: JOACHIM BUDDE
BÜCHER UND LINKS
Silvia Käppeli: Pflegewissenschaft in der Praxis. Eine kritische Reflexion; Verlag Hans Huber, Bern 2011; 312 S., 32,95 Euro. Pioniere der Pflegewissenschaft in Deutschland bereichten in diesem Sammelband von den Anfängen des Fachs und analysieren aktuelle Fragen.
pflegestudium.de: Die Homepage bietet Informationen, Links und eine Übersicht aller Pflege- und Gesundheitsstudiengänge in Deutschland.
gesundheitsmanagement-studieren.de: Hier werden verschiedene Studiengänge und Einsatzfelder im Bereich Gesundheit und Pflege vorgestellt. Außerdem gibt es Erfahrungsberichte von Studenten.