Wie ist das Studium aufgebaut?
Zu Beginn folgt das Physikstudium einem straffen Stundenplan mit Vorlesungen, begleitenden Übungen und Laborpraktika. In den ersten vier bis fünf Semestern werden die drei Gebiete Mathematik, Theoretische Physik und Experimentalphysik etwa zu gleichen Teilen behandelt. Praktisch alle physikalischen Phänomene werden mathematisch beschrieben. Mathematik ist quasi die Grammatik der Physik. Vier Stunden Vorlesungen in Analysis oder Linearer Algebra pro Woche sind in den ersten Semestern üblich. Z-usätzlich bearbeiten die Studenten Übungsaufgaben und besprechen die Lösungen in Gruppen mit studentischen Tutoren. »Die Mathe-Blätter waren jede Woche aufs Neue eine große Herausforderung - umso schöner das Gefühl, eines erfolgreich gelöst zu haben«, sagt Karl-Philipp Strunk, der im vierten Semester an der Universität Konstanz studiert. Die Theoretische Physik dreht sich um klassische Mechanik, Elektro- und Thermodynamik, Quantenmechanik und Statistische Physik. Im Mittelpunkt der Veranstaltungen stehen auch hier wieder mathematische Zusammenhänge, Herleitungen und Beweise. In der Experimentalphysik geht es um Elektrodynamik und Optik, Wärmelehre, Atom- und Molekülphysik, Magnetismus, Kern- und Elementarteilchenphysik - Themen, die den Studenten meist aus der Schule vertraut sind. Allerdings ist das Niveau höher. Während der Vorlesungen werden viele Experimente vorgeführt. Wöchentlich bereiten die Studenten das Gelernte in Übungsaufgaben nach. Bei den Praktika im Labor führen meist zwei Studenten gemeinsam Versuche durch. Hier werden praktische Fähigkeiten trainiert, beispielsweise der Umgang mit modernen Messinstrumenten. »Ich bin ein Praktiker. Die Experimente machen richtig Laune. Auch weil sie so unterschiedlich sind«, schwärmt Strunk. Er hat zum Beispiel die Fließeigenschaften von Wasser und das Spektrum des Lichts untersucht. Als Leistungsnachweis stellen sich die Studenten vor jedem Versuch einem mündlichen Test und schreiben Versuchsprotokolle. Der Vorlesungsstoff wird in der Regel am Semesterende in Klausuren abgefragt. Zusätzlich gebe es mündliche Prüfungen, in denen es um das »große Ganze« gehe, wie es René Matzdorf, Professor für Experimentelle Oberflächenphysik an der Universität Kassel, formuliert: »Es ist die Stärke von Physikern, die großen Zusammenhänge zu verstehen.« Die Bachelorstudiengänge sind an den meisten Hochschulen ähnlich aufgebaut. Bei den Wahl- und Ergänzungsveranstaltungen gibt es aber eine große Bandbreite. Welchen Themen man sich vertiefend nähern kann, hängt von den Schwerpunkten des jeweiligen Instituts ab. Das Angebot deckt Forschungsgebiete wie beispielsweise Astrophysik, Halbleiterphysik oder Nanostrukturwissenschaften ab. Gut die Hälfte aller Unis bieten nicht-naturwissenschaftliche Nebenfächer an. In Heidelberg oder Frankfurt können Studenten etwa auch Wirtschaftswissenschaften oder Philosophie wählen. Die Deutsche Physikalische Gesellschaft empfiehlt Physikstudenten, den Master zu machen. »Umfragen haben gezeigt, dass der Bachelor-Abschluss von der Industrie noch nicht so sehr geschätzt wird«, sagt auch Matzdorf. Die meisten Studenten folgen bisher diesem Rat. Masterstudienplätze gibt es dennoch genügend. Im allgemeinen Physik-Master wählen die Studenten vertiefende Schwerpunkte wie Laserphysik oder Halbleiterphysik. Manchmal werden auch spezielle Programme angeboten. Die Auswahl reicht von »Polymerwissenschaften«, etwa in Dortmund und Halle-Wittenberg, bis zum Studiengang »Photonics«, bei dem sich die Studenten in Karlsruhe und Jena mit allem beschäftigen, was mit der Anwendung von Licht zu tun hat.
Neue Entwicklungen
In den vergangenen Jahren sind einige Bachelorstudiengänge entstanden, welche die Physik mit einer anderen Disziplin verbinden. Es finden sich Angebote wie Bauphysik an der Hochschule für Technik in Stuttgart, Biophysik in Bayreuth und Frankfurt sowie Wirtschaftsphysik in Ulm. Biophysiker etwa beschäftigen sich mit der Funktionsweise von Kanälen in Zellmembranen oder mit der Thermodynamik von Stoffwechselvorgängen. Im Studiengang Wirtschaftsphysik übertragen die Studenten Theorien, Gesetze und Modelle der Physik auf Abläufe in der Wirtschaft und optimieren Prozesse. Daneben gibt es an einigen Fachhochschulen den ingenieursnahen Studiengang »Physikalische Technik«, unter anderem in Berlin, Jena, Lübeck und Münster. Dabei liegt der Fokus eher auf der Anwendung von physikalischen Technologien, etwa in der Optik oder der Akustik.
Eignung, Hürden, Irrtümer
Viele Unis bieten Studienanfängern Vorkurse in Mathe an, in denen sie ihr Wissen auffrischen können, bevor es losgeht. Denn in den Vorlesungen ist man schnell über den Schulstoff hinaus. »Eine mathematische Begabung und logisches Denken helfen beim Physikstudium«, sagt der Kasseler Professor René Matzdorf. Aber für den Beginn seien gute Schulkenntnisse ausreichend. Doch Achtung: Wer bei den Übungsaufgaben schlampt, verpasst rasch den Anschluss und tut sich am Ende des Semesters schwer. Insgesamt gilt: Wer sich durch die harten Anfangssemester durchbeißt, hält normalerweise auch bis zum Ende des Studiums durch. Aktuelle Studien zeigen, dass die Arbeitszeit des Durchschnittsstudenten in der Physik bei rund
40 Semesterwochenstunden liegt. »Es gab Momente, in denen ich dachte, dass ich es mit einem anderen Fach leichter hätte«, gesteht die Stuttgarter Studentin Katharina Zeuner. »Doch dann kam der Aha-Effekt, ich verstand die Zusammenhänge. Das hat mich darin bestätigt, dass die Physik mein Ding ist.« Der Bachelorstudiengang Physik ist in der Regel zulassungsfrei. Die Master-Eignung wird in unterschiedlichen Verfahren getestet - meist aber über die Bachelornote. Einige Universitäten setzen zudem auf ein persönliches Gespräch oder Motivationsschreiben.
Berufsperspektiven
Physiker sind beruflich flexibel einsetzbar, weil sie analytisch denken können und Probleme strukturiert angehen. In der Wirtschaft findet man sie überall dort, wo Firmen ihr Wissen über Stoffe und Naturgesetze nutzen wollen, um neue Technologien zu entwickeln - etwa in der Photonik-, Mikroelektronik- oder Energiebranche. Physiker sind auch bei IT-Unternehmen gefragt oder arbeiten bei Versicherungen, für die sie zum Beispiel Risikoszenarien berechnen. Insgesamt arbeiten, laut einer Studie der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, drei Viertel aller Physiker in angrenzenden Feldern, etwa der Informatik. Rund zehn Prozent sind in der Unternehmensleitung, -beratung und -prüfung tätig. »Die Berufsaussichten nach dem Master sind hervorragend«, sagt auch Professor René Matzdorf. Besonders wer in der Forschung arbeiten oder eine leitende Funktion in der Industrie übernehmen wolle, dem empfehle er eine Promotion. Laut einer Studie des Hochschul-Informations-Systems von 2010 waren drei von vier Absolventen nach zwölf Monaten regulär erwerbstätig (Einstiegsgehalt: 33 000 Euro). Gute Berufsaussichten haben auch Physiklehrer, die derzeit deutschlandweit gesucht werden. Wie das Studium aufgebaut ist, unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland.
MITARBEIT: ALINA SCHADWINKEL
BÜCHER UND LINKS
Max Rauner/Stefan Jorda: Big Business und Big Bang. Berufs- und Studienführer Physik; 2. Auflage; Wiley-VCH, Weinheim 2008; 278 S., 17,90 Euro. Reportagen über Berufe für Physiker.
Michael Brooks: Die großen Fragen - Physik. Spektrum Akademischer Verlag 2011, 208 S., 19,95 Euro. Das Buch weckt den Forscher im Leser - wem das gefällt, zu dem könnte ein Physikstudium passen.
physikstudieren.de: Überblick über Physik-Studiengänge im Wikipedia-Format.
dpg-physik.de/karriere/studium.html: Studieninfos, Praktikumsbörse und nützliche Links.
physikerboard.de: Plattform zum Wissensaustausch rund um physikalische Themen.
Das Fach im CHE ExcellenceRanking