Wie ist das Studium aufgebaut?
Zu Beginn lernen die Studenten Mathematik und Physik, hören Vorlesungen über elektrische Netzwerke sowie über Analog- und Digitaltechnik, aber auch über Mechatronik und Informatik. Der Stoff wird am Ende des Semesters in Klausuren geprüft. Wer sich durch die ersten, oft als trocken und anstrengend empfundenen Semester gekämpft hat, darf danach auf Erfolgserlebnisse hoffen. »Man versteht dann, wofür man die ganze Theorie braucht«, sagt Philipp Hübner, der am Karlsruher Institut für Technologie studiert. »Zum Beispiel Mathe: Egal, wie abstrakt eine Funktion anfangs erscheinen mag - spätestens in den Übungen des nächsten Semesters wird sie auf eine konkrete Fragestellung angewendet.« Ab dem dritten oder vierten Semester nutzen die Studenten ihr theoretisches Wissen im Projektlabor, wo sie in Gruppen an konkreten Aufgaben arbeiten. In den höheren Semestern des Bachelors setzen sie dann Schwerpunkte. Zur Auswahl stehen unter anderem Energieversorgung, Mikrosystemtechnik, Technische Informatik oder Automatisierungstechnik. Letztere steuert zum Beispiel ganze Gebäude: Dank Automatisierungstechnik spenden Sonnensegel stets im richtigen Winkel Schatten, und Maschinen in Industrieanlagen überhitzen nicht in der Mittagssonne. In Krankenhäusern transportieren von Elektroingenieuren erdachte automatische Systeme die schmutzige Wäsche in die Wäscherei und stellen sicher, dass die OP-Säle auch im Notfall mit Strom versorgt sind. Ihre Bachelorarbeit schreiben die Studenten dann zu einem Thema aus ihrem Spezialgebiet. Danach können sie direkt in den Beruf starten. Die meisten schließen allerdings noch ein Masterstudium an. Schätzungsweise 80 Prozent der Universitäts- und mehr als 60 Prozent der Fachhochschulabsolventen studieren nach dem ersten Abschluss noch weiter. Im Masterstudium vertiefen die Studenten ihr Wissen in einem Teilgebiet der Elektrotechnik. Zum Beispiel können sie an der Universität Hannover Medizin- oder Energietechnik wählen oder am Karlsruher Institut für Technologie die Mikro-, Nano- und Optoelektronik. Personalführung und Projektmanagement gehört in Masterprogrammen oft ebenfalls dazu. Wer direkt nach dem Bachelor in den Beruf einsteigt, wird zum Beispiel in der Montage, im Vertrieb oder im Marketing eingesetzt. Bachelorabsolventen sollten darauf achten, dass der Begriff »Ingenieur« in ihrem Zeugnis auftaucht, rät Heyno Garbe, Professor für Elektrotechnik an der Uni Hannover. »Die Ingenieurgesetze legen fest, dass Bachelorabsolventen der Elektrotechnik die Berufsbezeichnung Ingenieur tragen dürfen.«
Neue Entwicklungen
Die Elektro- und Informationstechnik hat in der Vergangenheit eine Fülle von Neuerungen hervorgebracht - und die Entwicklung in Fachgebieten wie der Nanotechnologie oder der Medizintechnik geht in hohem Tempo weiter. Elektrotechniker in der Nanotechnologie arbeiten mit kleinsten Bauteilen, die maximal 30 Nanometer messen. Damit lassen sich Datenträger bauen, die die Datenmenge einer ganzen DVD auf der Fläche eines 1-Cent-Stücks speichern können. Die Medizintechnik erforscht unter anderem neue Operationsverfahren oder Systeme, die die Körperfunktionen des Patienten überwachen, während er unter Narkose ist. An Bedeutung gewinnt das Ambient Assistant Living. Es soll alten Menschen ein selbstständigeres Leben ermöglichen, indem zum Beispiel der Pflegedienst automatisch alarmiert wird, wenn sie in ihrer Wohnung stürzen. Hard- und Software verschmelzen weiter, zum Beispiel bei Handys oder Autos. Damit stehen Elektro- und Informationstechniker vor neuen Aufgaben. Auch der Energiesektor bietet viele Herausforderungen. Zum Beispiel arbeiten Elektroingenieure an intelligenten Versorgungsnetzen, sogenannten Smart Grids, die sicherstellen, dass Strom nur dann verbraucht wird, wenn er günstig zur Verfügung steht. Inzwischen gibt es auch häufig neue Bachelorstudiengänge, in denen sich die Studenten auf ein Teilgebiet der Elektrotechnik spezialisieren, beispielsweise auf Nachrichtentechnik oder Energietechnik. Das nütze den Absolventen später jedoch nicht immer, sagt Michael Schanz, Arbeitsmarktexperte beim Verband der Elektrotechnik, Elektronik, Informationstechnik (VDE). Viele Arbeitgeber legten nach wie vor großen Wert auf eine breite Grundlagenausbildung. Diese schaffe im Gegensatz zu Spezialwissen die Voraussetzung, um auf technische Veränderungen zu reagieren.
Eignung, Hürden, Irrtümer
Wer experimentierfreudig ist, ein Faible für Mathe und Physik hat und vielleicht schon während der Schulzeit erste Schaltkreise gebaut hat, dem wird das Studium der Elektro- und Informationstechnik gefallen. »Ich hatte schon immer Spaß an Elektrobaukästen, außerdem ist mein Vater Chemieingenieur - das hat mir die Studienwahl erleichtert «, sagt Christopher Beck, der im dritten Semester an der Universität Erlangen-Nürnberg studiert. Sein Schlüsselerlebnis im Studium: »Als ich mir eine Kindheitsfrage selber beantworten konnte: Wie funktioniert eigentlich mein Computer? Nun baue ich selber die Prozessoren dafür.« Frauen sind bei den Elektrotechnikern in der Minderheit. Mit Eignung habe das wenig zu tun, betont Heyno Garbe, der Professor aus Hannover. »Unter den Topstudenten sind überproportional viele Frauen, sie arbeiten sehr präzise - solche Leute brauchen wir.« Viele Studenten empfinden die Grundlagenseminare in Mathe und Physik als Durststrecke. »Das Arbeitspensum ist sehr hoch. Es reicht nicht, zwei Wochen vor den Klausuren mit dem Lernen anzufangen«, sagt Philipp Hübner, der Student aus Karlsruhe. »Aber bei mir war die Begeisterung fürs Fach immer größer als der Lernfrust.« Manche Hochschulen haben örtliche Zulassungsbeschränkungen. Der notwendige Abi-Schnitt variiert von Hochschule zu Hochschule. Er kann bei 2,5 liegen, aber auch höher. Einige Hochschulen achten besonders auf die Noten in Mathe und Naturwissenschaften. Allgemein wird ein acht- bis zwölfwöchiges betriebliches Praktikum vor Studienbeginn empfohlen. »Dieses Praktikum sollte Tätigkeiten wie die Installation von Schalt-, Mess-, oder Kommunikationsgeräten beinhalten«, sagt Harald Jacques, Professor für Mess-, Steuer- und Regelungstechnik an der Fachhochschule Düsseldorf. Christopher Beck hat vor seinem Bachelorstudium ein zehnwöchiges Industriepraktikum gemacht - eine gute Erfahrung, wie er findet: »Ich war in der Anlagenwartung eines Chemiebetriebes, da konnte ich richtig mit anpacken.« Manche Fachhochschulen haben für ihre Masterstudiengänge einen Numerus clausus, der in der Regel bei 2,5 oder besser liegt.
Berufsperspektiven
Elektrotechniker werden dringend gebraucht - von Unternehmen, die Rundfunk- und Nachrichtentechnik entwickeln, genauso wie von Automobilzulieferern, Energiekonzernen, Handyfirmen und Herstellern von Medizintechnik. »Es ist ein Studiengang mit tausendundeiner Berufsmöglichkeit «, sagt Michael Schanz vom VDE. Die Absolventen sollten ihm zufolge erst einmal im klassischen Einsatzbereich, der Forschung und Entwicklung, in Firmen Erfahrung sammeln. Mit etwas Berufserfahrung könnten die Elektrotechniker dann in die Projektplanung oder den Vertrieb wechseln, wo ihr Expertenwissen ebenfalls benötigt wird. »Im Moment fehlen der Industrie jedes Jahr 5000 Fachkräfte, und die Zahl wird weiter steigen, weil mehr Elektrotechniker in Rente gehen als nachkommen«, sagt der Düsseldorfer Professor Harald Jacques. Als grobe Faustregel gilt: In der Forschung und Entwicklung werden tendenziell eher Universitätsabsolventen gesucht, die fachübergreifend arbeiten. FH-Absolventen werden hingegen bevorzugt, wenn es um konkrete Problemlösungen und Abläufe im Berufsalltag geht. Die wenigsten Unternehmen trennen jedoch strikt. Entscheidend sind die spezifischen Kompetenzen der Bewerber. Rund zwei Drittel der Uni-Absolventen und mehr als 80 Prozent der FH-Absolventen fanden laut einer Studie des Hochschul-Informations-Systems in Hannover von 2010 innerhalb von zwölf Monaten eine Stelle. Ihr Einstiegsgehalt lag bei durchschnittlich 41 200 (Uni) bzw. 44 400 (FH) Euro.
MITARBEIT: LISA SRIKIOW
BÜCHER UND LINKS
Verband der Elektrotechnik, Elektronik, Informationstechnik e. V.: Faszination Elektro- und Informationstechnik. Infos über Studium und Beruf; 42 S., zum Download unter
bit.ly/zs12e-technik: Übersichtliche Darstellung der Kerngebiete des Fachs sowie Informationen zu möglichen Wegen in den Beruf..
Ekkehard D. Schulz: 55 Gründe, Ingenieur zu werden. Murmann Verlag, Hamburg 2010; 254 S., 16 Euro, Beschreibt launig, warum Ingenieure den schönsten Beruf der Welt haben.
think-ing.de: Infos über Berufsfelder, Studiengänge und Abschlüsse für angehende Ingenieure der Elektrotechnik und sieben weiterer Fachrichtungen. Mit Schwerpunktthemen für Schülerinnen.
vde.de/YoungNet: Website des Verbands der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik (VDE) für Schüler und Studenten mit Info-Veranstaltungen.
komm-mach-mint.de: Diese Website richtet sich an Mädchen und Frauen, mit Infos über den Ingenieurberuf und Berichten von Frauen, die von ihrem Studium und Beruf erzählen.