Wie ist das Informatik-Studium aufgebaut?
In den ersten Semestern des Bachelorstudiums beschäftigen sich die Studenten mit den Grundlagen des Programmierens und der Kommunikation in Rechnernetzen, aber auch mit Mathematik von Algebra über Analysis bis hin zu Logik. Sie bekommen eine Vorstellung davon, wie Rechner funktionieren, und lernen unterschiedliche Programmiersprachen kennen. »Wir haben schon früh kleine Spiele wie Bauernschach programmiert. Das hat richtig Spaß gemacht!«, sagt Lisa Wagner, 21, Bachelorstudentin im vierten Semester an der Uni Passau. Letztlich lernen die Studenten so, analytisch zu denken: Wie muss ein Programm aufgebaut sein? Wie kann ich beweisen, dass es korrekt ist? In den höheren Semestern vertiefen die Studenten ihr Wissen in Teildisziplinen wie Software-Engineering und Kommunikationsnetze. Dabei lernen sie, leistungsfähige Software zu entwickeln, zu warten und in bestehende Systeme zu integrieren; aber auch, wie man komplexe Netzwerke im Internet konfiguriert.
Unis wie Fachhochschulen lehren jeweils die wissenschaftlichen Grundlagen und Methoden, jedoch mit unterschiedlicher Ausrichtung: Die Unis gehen an viele Fragen grundsätzlicher heran und wollen auf diese Weise vor allem langlebiges Wissen vermitteln. Die Fachhochschulen vermitteln Theorien und Konzepte besonders in Verbindung mit konkreten Anwendungen.
Die Praxisanteile im Informatikstudium unterscheiden sich je nach Hochschule. Bei Lisa Wagner an der Universität Passau gibt es ein Software-Engineering-Praktikum, bei dem ein Team aus sechs Leuten ein komplizierteres Programm schreibt. Das Projekt läuft über ein Semester, findet aber neben dem normalen Uni-Betrieb statt und nicht innerhalb eines Unternehmens. Nils Schröder, 27, studiert im sechsten Semester an der Fachhochschule Flensburg, wo ein Praktikumssemester Pflicht ist. Außerdem plante er in einer Übung mit zwei Kommilitonen die Netzwerk-Infrastruktur für ein Unternehmen. »Wir sollten ein Angebot erstellen, das Projekt durchführen und dokumentieren wie richtige Berater, nur eben fiktiv«, berichtet der Wirtschaftsinformatikstudent.
Wirtschaftsinformatikstudenten beschäftigen sich neben dem Programmieren mit den Grundlagen der Betriebswirtschaft, etwa mit Produktentwicklung, Marketing und Finanzierung. Hinzu kommt Wirtschaftsrecht, dabei lernt man zum Beispiel Unternehmensformen wie die AG oder die GmbH kennen. In den höheren Semestern vertiefen die Studenten ihr Wissen welcher Schwerpunkt überwiegt, hängt auch davon ab, bei welchem Fachbereich der Studiengang angesiedelt ist, bei den Informatikern oder bei den Wirtschaftswissenschaftlern.
Inzwischen gibt es an etwa der Hälfte der Standorte, an denen Informatik gelehrt wird, auch Wirtschaftsinformatik. Das gilt vor allem für Fachhochschulen. »Das Interesse der Industrie an Absolventen, die solide Grundlagen in der Informatik haben, aber auch Bilanzen lesen und in für die elektronische Geschäftsabwicklung geeignete Systeme und Prozesse abbilden können, ist gestiegen«, sagt Ulrich Bühler, Professor für IT-Sicherheit an der Hochschule Fulda.
Viele Hochschulen haben die Umstellung auf Bachelor und Master dazu genutzt, ihren Studiengängen ein klareres Profil zu geben. So gibt es neben allgemeinen Informatikmastern, die sich aber in ihren Schwerpunkten durchaus unterscheiden, eine Reihe von speziellen Studiengängen wie beispielsweise Automobilinformatik, Bioinformatik, Medizininformatik und Medieninformatik. Diese Vielfalt erhöht die Wahlmöglichkeiten, allerdings müssen Studienanfänger bedenken, dass sie sich damit früh auf ein Fachgebiet festlegen.
Lisa Wagners Studiengang an der Uni Passau
zum Beispiel heißt Internet Computing. Neben
dem traditionellen Curriculum der Informatiker
wird hier der Schwerpunkt auf das Verständnis
und die Entwicklung internetbasierter Informationssysteme
gelegt. Das umfasst auch Vorlesungen
in Urheberrecht und Datenschutz.
2010 haben gut die Hälfte der Informatikstudenten
an FHs und rund 70 Prozent der
Informatik studenten an Universitäten nach dem
Bachelor einen Master angeschlossen, wie eine
Befragung des Forschungsinstituts Incher ergab.
HansUlrich
Heiß, Professor am Institut für
Kommunikationsund
Betriebssysteme der TU
Berlin, rät zum Master: »In der Industrie werden
vor allem Informatiker mit Master gesucht.« Aber
auch Bachelorabsolventen hätten gute Karten,
betont sein Kollege Ulrich Bühler. Wer jedoch
seine Chancen auf einen späteren Führungsposten
vergrößern wolle, solle einen Master anschließen.
Neue Entwicklungen
Zurzeit entstehen für Informatiker viele neue Arbeitsfelder
an den Schnittstellen zu anderen Disziplinen.
Für mobile Anwendungen, Fragen der
Informationssicherheit sowie das Zusammenspiel
von Mensch und Maschine werden Informatiker
benötigt, die über ihr Fach hinausblicken können.
In den vergangenen Jahren hat zudem das internet
of things and services an Bedeutung gewonnen.
Damit sind Technologien gemeint, die Maschinen mit dem Internet verbinden, um selbstständig
Dienste anbieten zu können. Denkbar wäre etwa ein Rauchmelder mit Internetverbindung, der bei
einem Brand die Feuerwehr ruft. Weitere Disziplinen
mit wachsender Relevanz sind CloudComputing
und big data analytics. »Es wird eine der
größten Herausforderungen sein, aus den unüberschaubaren
Datenmengen im Internet nützliche
Informationen herauszuziehen«, sagt Heiß.
Eignung, Hürden, Irrtümer
Informatikstudenten sollten Freude an Mathematik
und logischem Denken haben. Einen
MatheLeistungskurs
muss man nicht zwingend belegt haben. Zwar sei die Durchfallquote in
Fächern wie Lineare Algebra schon sehr hoch,
»aber wenn man sich disziplinieren kann, klappt
es, weil man im ersten Semester wirklich bei null
anfängt«, sagt Lisa Wagner.
Beruflich haben Informatiker mit Technik
zu tun, die immer komplexer wird. Sie arbeiten
aber häufig für Menschen, die von dieser Technik
wenig verstehen. Ihnen gegenüber muss der
Informatiker vor allem als Berater auftreten und
die Sprache der Informatik verständlich übersetzen.
»Der Informatiker, der im stillen Kämmerlein
vor sich hin tüftelt, ist out«, sagt auch
Ulrich Bühler. Schließlich haben viele Informatiker
im Arbeitsalltag Kontakt zu Kollegen aus
anderen Disziplinen. Das merke man schon an
der Uni, sagt Lisa Wagner. »Ich hatte Angst, dass
man die ganze Zeit nur im Keller vor dem
Rechner sitzt. In Wirklichkeit ist das Studium
sehr teamorientiert.« Ein Klischee stimmt jedoch:
Es gibt immer noch recht wenig Frauen.
An manchen Hochschulen ist die Zulassung
zum Bachelorstudium nicht beschränkt. Einige
haben dafür einen NC, das heißt, es zählt die
Durchschnittsnote des Abiturs. Ein Auswahltest
wie an der TU München ist die Ausnahme. Einen
Platz für das Masterstudium bekommen Bachelorabsolventen
in der Regel mit der Abschlussnote
»gut«, manchmal reicht auch ein Befriedigend.
Einige Hochschulen prüfen zusätzlich die Eignung
der Bewerber, etwa in einem Gespräch.
Berufsperspektiven für Informatik-Studenten
Die meisten Informatiker arbeiten in kleinen
und mittelständischen Unternehmen daran, Abläufe
mithilfe von ITSystemen
zu verbessern.
Viele sind auch bei Dienstleistungsunternehmen
angestellt, die sie einsetzen, um bei Kunden
Netzwerke neu einzurichten oder zu warten. Sie
arbeiten als Hardoder
Softwareentwickler, als
Berater, in der Marktforschung und im Datenschutz.
In der Automobilindustrie kümmern sich
Informatiker darum, dass die vielen Mikroprozessoren
unter der Motorhaube effizient zusammenarbeiten.
In der Logistikbranche sorgen
sie dafür, dass Transportunternehmen weltweit
wissen, wann sich welches Paket gerade wo befindet.
Für Banken entwickeln sie Systeme für
Onlineüberweisungen, und in Behörden sind sie
dafür zuständig, dass die Daten von Millionen
Bürgern erfasst und ausgewertet werden können.
Auch Bachelor können direkt in den Beruf
einsteigen. 80 Prozent der Unternehmen akzeptieren
bei Informatikern den Abschluss, das ergab eine Befragung des Kölner Staufenbiel-Instituts.
Insgesamt sieht es sehr gut aus für Informatiker:
Laut einer Studie des Hochschul-Informations-
Systems von 2010 schafften 95 Prozent der Universitätsabsolventen
innerhalb eines Jahres den
Berufseinstieg; bei der Fachhochschule waren es
88 Prozent. Das Einstiegsgehalt lag bei rund
40 000 Euro.
MITARBEIT: ARIANE BREYER
BÜCHER UND LINKS
Heinz Peter Gumm/Manfred Sommer: Einführung in die Informatik. Überarb. Aufl.; Oldenbourg Verlag, München 2012; 912 S., 39,80 Euro. Erklärt die Grundlagen der Informatik prägnant und verständlich. Für alle, die wissen möchten, was sie im Studium erwartet.
Jens Gallenbacher: Abenteuer Informatik. IT zum Anfassen von Routenplaner bis Online-Banking; 3. Aufl.; Spektrum Verlag, Heidelberg 2012; 436 S., 34,95 Euro. So lösen Informatiker Probleme. Buch für Einsteiger mit Experimenten
gi.de: Homepage der Gesellschaft für Informatik. Unter »Themen« gibt es die Broschüre »Was ist Informatik?« zum kostenlosen Download.
einstieg-informatik.de: Auf der Seite des Fakultätentags Informatik finden Schüler Infos über Schnuppermöglichkeiten, Tests und Veranstaltungen. Außerdem gibt es eine Liste aller Informatik-Studiengänge in Deutschland.