Wie ist das Chemie-Studium aufgebaut?
Von Anfang an spielt die Praxis im Labor eine
große Rolle: Hier verbringen die Studenten etwa
die Hälfte ihrer Wochenstunden. Im ersten
Semester geht es vor allem darum, Arbeitsabläufe
und Geräte kennenzulernen. Die Studenten
lernen, wie sie Massen und Volumina exakt abmessen.
Später nehmen sie umfangreiche Analysen
vor. Sie bekommen zum Beispiel ein Gemisch
vorgesetzt und müssen herausfinden, wie
es sich zusammensetzt. »Hin und wieder geht
auch mal was zu Bruch. Das müssen wir an der
Ausgabe im Keller des Institutes nachkaufen«,
sagt Max Mader, 19, der im zweiten Semester
an der LMU München studiert. Ein Becherglas
kostet zwei Euro, eine Bürette, eine Glasröhre
mit Hahn am unteren Ende, 50 Euro. »So eine
ist mir zum Glück noch nicht runtergefallen.«
Die Theorie wird den Studenten in Vorlesungen
vermittelt: Sie hören Organische, Anorganische,
Physikalische und Analytische
Chemie. »Auch in den Vorlesungen werden
Experimente vorgestellt oder anschauliche Beispiele
aus dem Alltag gegeben«, sagt Kirill
Faust. Nachbardisziplinen wie Mathe und
Physik gehören ebenfalls zur Ausbildung. Im dritten Studienjahr beginnen die Bachelorstudenten,
eigene Schwerpunkte zu setzen. Sie
können sich zum Beispiel für Medizinische Chemie
entscheiden, sich verstärkt mit Polymeren,
der Basis von Kunststoffen, befassen oder in der
Theoretischen Chemie lernen, wie man am Computer
Reaktionen simuliert. Einige Hochschulen
bieten neben regulären Studiengängen auch
Mischfächer an, die vom ersten Bachelorsemester
an stärker spezialisiert sind. In der Wirtschaftschemie
etwa belegen Studenten auch BWL,
VWL und Recht. Darüber hinaus gibt es Studiengänge
wie Lebensmittelchemie, Biochemie
oder ausschließlich an Fachhochschulen Angewandte
Chemie.
Nahezu alle Chemiestudenten von der Uni
machen nach dem Bachelor den Master. In einem
allgemeinen Chemie-Master entscheidet man
sich meist für einen Schwerpunkt aus den drei
Kernfächern Organische, Anorganische oder
Physikalische Chemie. Daneben gibt es immer
mehr spezialisierte Masterprogramme wie etwa
Bauchemie oder Medizinische Chemie.
Auch mit dem Master ist für viele noch nicht
Schluss: »Neun von zehn Chemikern schließen
eine Promotion an«, sagt Stephan Gilow, Geschäftsführer
des Führungskräfteverbands Chemie.
Von Chemikern, die in der Industrie oder
an wissenschaftlichen Instituten forschen wollen,
werde nach wie vor ein Doktortitel erwartet.
Bei der Wirtschaftschemie und bei der Angewandten
Chemie starten mehr Absolventen
mit dem Bachelor- oder dem Masterabschluss
direkt in den Beruf, gehen dann aber oft nicht
in die Forschung. Einen Sonderfall bilden die
Lebensmittelchemiker: Unter ihnen dominiert
das Staatsexamen. Damit arbeiten sie häufig in
der Lebensmittelüberwachung.
Neue Entwicklungen
Chemiker beschäftigen sich mehr und mehr mit
medizinischen Themen, die sich auf der Ebene
von Atomen und Molekülen abspielen. Auch im
Studium rücken biochemische Inhalte stärker in
den Vordergrund, und die Vernetzung von
Medizinern, Biologen und Chemikern wird
wichtiger. »An Fahrt aufgenommen hat auch die
Materialforschung«, sagt Wolfram Koch, der
Geschäftsführer der Gesellschaft Deutscher
Chemiker. Chemiker forschen zum Beispiel
daran, wie man Brennstoffzellen mithilfe neuartiger
Materialien effizienter machen kann,
oder arbeiten an Photovoltaikzellen, die auf organischen Farbstoffen beruhen. Angesichts
der Endlichkeit des Erdöls suchen Chemiker
nach Möglichkeiten, nachwachsende Rohstoffe
in Bioraffinerien in Energie zu verwandeln.
Die Analysetechniken haben sich in den
letzten Jahrzehnten entscheidend verbessert.
»Wir können molekulare Prozesse heute viel genauer
beobachten und so maßgeschneiderte
Lösungen entwickeln«, sagt Wolfram Koch.
Eignung, Hürden, Irrtümer
Ein Chemie-Leistungskurs ist nützlich, aber nicht
zwingend notwendig. »Ich finde Chemie an der
Uni nur minimal schwieriger als in der Schule,
aber das Tempo ist viel, viel höher«, sagt Max
Mader, der Student aus München. Zu schaffen
machen vielen die Prüfungen in Mathe und
Physik, auch die Physikalische Chemie gilt als
schwierig. Sehr nützlich ist es, die Brückenkurse
zu nutzen, die viele Hochschulen vor Semesterbeginn
anbieten, um die Studenten auf einen
gemeinsamen Wissensstand zu bringen.
Wer Chemie studieren will, sollte Spaß an der
Laborarbeit haben denn die Stunden am Labortisch
machen einen großen Teil des Studiums und
meist auch der ersten Jahre des Berufslebens aus.
An manchen Unis gibt es sogar ein Vorpraktikum,
bei dem Anfänger vor dem Semesterstart testen
können, ob ihnen die Laborarbeit liegt. Schließlich
ist im Labor Präzision gefragt, man muss
sauber, genau und sicher arbeiten. Und man muss
Geduld haben. Versuche müssen oft stundenlang
beaufsichtigt werden. Außerdem müssen sie vorbereitet
und im Anschluss mit Protokollen nachbearbeitet
werden. »Das ist schon zeitaufwendig«,
sagt Max Mader. »Wenn man noch ein soziales
Leben führen will, wird es manchmal eng.«
Die Verkehrssprache unter Chemikern ist
Englisch. Spätestens bei der Recherche für die
Bachelorarbeit sollten die Fachbegriffe auch in
Englisch bekannt sein. »Da wächst man rein«,
beruhigt Wolfram Koch. Tatsächlich hört es sich
schlimmer an, als es ist: Statt Bunsenbrenner
heißt es dann eben bunsen burner.
Die klassischen Chemiestudiengänge sind meist
frei zugänglich. In Wirtschafts- oder Lebensmittelchemie
gibt es hingegen oft einen Numerus
clausus, der in den vergangenen Semestern oft
im Einser- oder Zweierbereich lag.
Berufsperspektiven für Chemiker
Nach wie vor geht ein Großteil der Absolventen
in die chemisch-pharmazeutische Industrie:
Rund ein Drittel der Chemiker arbeiten dort. Sie
forschen etwa mit dem Ziel, neue Medikamente
zu entwickeln. Obwohl man beim Stichwort
Chemie oft als Erstes an große Konzerne wie
BASF denkt, gibt es viele kleine und mittelständische
Chemieunternehmen. Auch in der Automobilbranche,
der Konsumgüterindustrie, dem
verarbeitenden Gewerbe, der Baubranche und der
Papierherstellung werden Chemiker gesucht.
In den Dokumentationsabteilungen großer
Unternehmen verfolgen Chemiker Forschungsergebnisse
und wählen aus, was für den Arbeitgeber
von Bedeutung ist. Auch in Vertrieb und
Marketing werden immer mehr Chemiker eingesetzt.
Wer später als Chemielehrer unterrichten
will, muss sich vor dem Studium informieren,
denn die Ausbildung ist in jedem Bundesland
anders.
Laut der Gehaltsdatenbank personalmarkt.de
verdient die Hälfte der Berufseinsteiger mit bis
zu drei Jahren Berufserfahrung mehr als 44 700
Euro jährlich. Arbeitet man in einem Unternehmen,
das dem Bundesarbeitgeberverband Chemie
angehört, gilt der Tarifvertrag von 2012,
demzufolge promovierte Angestellte im zweiten
Berufsjahr 67 540 Euro erhalten.
Ein Viertel der Chemiker in der Industrie ist
zurzeit älter als 50 Jahre. »Es wird also in den
nächsten Jahren einen hohen Nachwuchsbedarf
geben«, schätzt Stephan Gilow vom Führungskräfteverband
Chemie.
MITARBEIT: MEIKE FRIES, NADJA KIRSTEN
BÜCHER UND LINKS
Gesellschaft Deutscher Chemiker: Chemie studieren; 8. übera. Aufl., 2013, 104 S. Kann kostenlos als PDF unter gdch.de/studium heruntergeladen werden. Beschreibt Studium und Berufsmöglichkeiten.
Arnhild Witte: Studienführer Biologie, Chemie, Pharmazie. Lexika-Verlag, Eibelstadt 2011; 216 S., 15 Euro. Überblick über Studium und Berufseinstieg.
gdch.de: Auf der Homepage der Gesellschaft Deutscher Chemiker gibt es gut aufbereiteten Infos und Tipps für Schüler und Studenten.
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