Wie ist das Studium aufgebaut?
Im Bachelor ähneln sich die Inhalte an allen
Hochschulen. In den ersten Semestern lernen die
Studenten die Grundbegriffe des Fachs kennen.
Sie untersuchen zum Beispiel, unter welchen
Bedingungen Armut oder Rassismus entstehen,
sie üben, gesellschaftliche Entwicklungen zu analysieren
sowie Daten zu erheben und auszuwerten.
An manchen Hochschulen sind auch Besuche
bei sozialen Einrichtungen Bestandteil des Unterrichts.
Außerdem lernen Studenten die geschichtliche
Entwicklung des Faches kennen. Tjorven
Hettwer hat ihre erste Hausarbeit darüber geschrieben,
wie sich die Erziehung in Kinderheimen
durch die 1968er Bewegung verändert hat.
Neben Seminararbeiten und Klausuren müssen
die Studenten auch Referate halten und mündliche
Prüfungen bestehen. Bisweilen erhalten sie
ihre Leistungsnachweise auch dafür, dass sie das,
was sie in einem Seminar gelernt haben, in einem
Rollenspiel vorstellen. Auch praktische Projekte
werden angerechnet, etwa wenn man sich als
Mentor für benachteiligte Jugendliche engagiert.
Mindestens hundert Tage müssen die Studenten
während ihres Studiums in sozialen Einrichtungen,
bei Vereinen oder Behörden verbringen.
Viele Hochschulen arbeiten mit bestimmten
Einrichtungen zusammen, sodass Studenten dort
leicht einen Praktikumsplatz bekommen. An
manchen Hochschulen gibt es statt mehrerer
kürzerer Phasen ein Praxissemester. Stefan Zierer,
23, studiert Soziale Arbeit im vierten Semester an
der Uni Duisburg-Essen. Sein Praktikum hat er
bei der Bahnhofsmission in Essen gemacht. Er
begleitete Sehbehinderte vom Zug zum Taxi, traf
Jugendliche, die sich den ganzen Tag am Bahnhof
aufhielten, und teilte Getränke an Obdachlose
aus. Seine Erfahrung: »Menschen, die auf der
Straße leben, nehmen die Welt ganz anders wahr
als ein Student mit geregeltem Leben. Man muss
sie verstehen lernen. Es ist nicht mein Job, ihnen
meine Sicht der Dinge aufzudrängen.«
In den meisten Bundesländern ist die berufliche
Praxis durch Praxisphasen bereits im Studium
integriert (»einphasiges Modell«), und die
Absolventen sind mit dem Bachelorabschluss
staatlich anerkannte Sozialarbeiter. Nur in wenigen
Bundesländern, etwa in Niedersachsen, gibt
es noch das »Anerkennungsjahr«. Dort sind die
Absolventen nur dann staatlich anerkannt, wenn
sie nach dem Studium ein Jahr lang Berufserfahrung
gesammelt haben (»zweiphasiges Modell«).
Eine berufliche Spezialisierung treffen Studenten
meist erst mit der Wahl ihres Masters. Die
Angebote werden immer zahlreicher. Studenten
können sich zum Beispiel auf Jugendhilfe spezialisieren
oder auf Mediation. Klinische Sozialarbeit
bereitet auf die Arbeit im Krankenhaus vor
(Hochschule Coburg, Katholische Hochschule
für Sozialwesen Berlin, Alice Salomon Hochschule
Berlin), Sozialinformatik schult für die
Entwicklung von Datenbanken und Softwarepaketen
für soziale Einrichtungen (KU Eichstätt-
Ingolstadt). Viele Hochschulen (etwa die Hochschule
Niederrhein, die FHs in Dresden, Münster,
Nürnberg, Mittweida sowie die Uni Duisburg-
Essen) bieten Sozialmanagement an, ein Studienfach,
in dem es um Budgetplanung, Marketing
und Personalentwicklung geht. Außerdem gibt es
forschungsorientierte Masterstudiengänge.
Nur rund die Hälfte der FH-Studenten in
Sozialer Arbeit gab bei einer Befragung des
Hochschul-Informations-Systems an, einen
Master machen zu wollen. Das sind deutlich
weniger als in anderen Studiengängen. Prinzipiell
qualifiziert zwar auch der Bachelorabschluss für
den Berufseinstieg, doch wer später ein Sozialamt
oder ein Jugendzentrum leiten möchte, sollte den
Master dranhängen das geht auch berufsbegleitend.
Wer schon weiß, dass er in die Wissenschaft
will, sollte darauf achten, dass dies an seiner
Hochschule möglich ist. FHs ermöglichen eine
Promotion in Kooperation mit einer Uni.
Neue Entwicklungen
Sozialarbeiter sehen sich zunehmend als die Anwälte
derer, mit denen sie zusammenarbeiten.
»Die Arbeit der Sozialpädagogen bekommt wieder
eine politische Dimension wie zuletzt in den
siebziger Jahren«, sagt Professor Peter Schäfer.
»Da die gesellschaftlichen Strukturen den Menschen
beeinflussen, geht es immer häufiger auch
darum, diese Strukturen zu verändern.« Sozialarbeiter
kümmern sich dann nicht nur um den
Einzelnen, sondern haben auch seinen Stadtteil
im Blick. Während Beratung schon immer eine
Kernaufgabe war, übernehmen Sozialarbeiter
zunehmend eine Vermittlerrolle, zum Beispiel
zwischen Krankenhaus und Krankenkasse
oder als betrieblicher Sozialarbeiter zwischen
Vorgesetzten und Mitarbeitern. Daher belegen
sie schon im Studium häufig Kurse in Mediation.
Auch der Übergang von der Schule in den Beruf
ist gerade in den Fokus gerückt, denn viele Jugendliche brauchen an diesem Punkt Unterstützung. Die Betreuung und Pflege alter Menschen steht in vielen Studiengängen im Mittelpunkt.
Die Studenten lernen, wie man alten Menschen hilft,
ihre Selbstständigkeit zu erhalten,
zum Beispiel in dem man sie dabei unterstützt,
Pflegedienste und Haushaltshilfen zu koordinieren.
Eignung, Hürden, Irrtümer
Viele Studenten sind enttäuscht,
wenn es bei Sozialer Arbeit nicht gleich um die Praxis geht.
Doch die Theorien sollen ihnen verschiedene Wege der Problemlösung aufzeigen,
die sie in den Praxisphasen dann anwenden können.
»Man hat mit Menschen zu tun,
die sonst durch das Raster fallen«,sagt Stefan Zierer.
»Ihnen zu vermitteln,
dass sie etwas wert sind,
und manchen dabei zu helfen,
wieder in die Spur zu kommen,
finde ich toll.
«Viele Studenten sind überrascht,
welch hohen Stellenwert Recht und Verwaltung im Studium einnehmen.
Doch um ihre Klienten beraten zu können,
müssen sich Sozialarbeiter auch im Sozialgesetzbuch auskennen.
»Ich finde das Studium sehr anspruchsvoll und manchmal auch anstrengend,
aber wenn man sich reinhängt,
ist es zu schaffen«,sagt Tjorven Hettwer,
die Studentin aus Berlin.
Nicht jeder eignet sich dafür.
»Für Soziale Arbeit braucht man Einfühlungsvermögen«, sagt Professor Peter Schäfer.
»Man muss eine professionelle Haltung entwickeln,
muss Informationen vertraulich behandeln können,
zuverlässig sein und sich zurücknehmen können.
«Und man müsse bereit sein,
die eigenen Vorstellungen zu hinterfragen.
Zum Beispiel:
Was bedeutet für mich ein Leben in Würde?
Die Entwicklung der Persönlichkeit gehört zum Studium.
Auch die Selbstreflexion wird geübt.
Typisch sind Rollenspiele,
bei denen sich die Studenten in andere Menschen hineinversetzen.
»Wenn ich eine Sozialarbeiterin darstelle«, schildert Tjorven Hettwer,
»versuche ich,
die Gefühle des anderen aufzugreifen:
Ich merke,
du wirst wütend,
wenn wir über deinenVater sprechen.« Da Lebenserfahrung ein Vorteil sein kann,
wird Soziale Arbeit auch häufig von Älteren studiert,
die vorher zum Beispiel schon als Erzieher gearbeitet haben.
Für Jüngere kann es ratsam sein,
vor dem Studium ein Freiwilliges Soziales Jahr zu machen.
So kann man ausprobieren,
ob einem ein sozialer Beruf liegt
und sich die Zeit manchmal sogar als Praktikum anrechnen lassen.
Die meisten Studiengänge sind zulassungsbeschränkt.
Der NC liegt meist zwischen 2,0 und 2,5.
Manche Hochschulen erwarten ein Praktikum vor der Einschreibung,
andere wie die FH Potsdam laden zu Auswahlgesprächen ein.
Beim Master muss man noch häufiger mit Aufnahmegesprächen rechnen und damit,
dass ein Motivationsschreiben verlangt wird;
der NC liegt in der Regel bei 2,0.
Es ist also nicht garantiert,
dass man an seiner Wunschhochschule unterkommt.
Berufsperspektiven
Beratung ist eine zentrale Aufgabe:
Sozialarbeiter und Sozialpädagogen unterstützen Hartz IV-Empfänger beim Papierkrieg mit Behörden,
entwickeln Freizeitprogramme in der offenen Jugendarbeit oder bieten Ehe- und Erziehungsberatung an. Anspruchsvolle Einsatzorte sind
Gefängnisse oder die Straße. Dort sind sie als
Streetworker unterwegs und helfen Junkies beim
Entzug. Sie unterstützen verschuldete Menschen
bei Verhandlungen mit der Bank, helfen Einwanderern,
eine Wohnung zu finden, oder erstellen
Finanz- und Personalpläne für soziale Einrichtungen.
Sozialpädagogen mit Schwerpunkt Kindheitspädagogik
arbeiten in Kindertagesstätten, oft
in leitenden Funktionen, sie betreuen aber auch
Kinder und Jugendliche in Ganztagsschulen.
Die wichtigsten Arbeitgeber sind kirchliche
Verbände, etwa Caritas und Diakonie, Einrichtungen
der freien Wohlfahrtspflege wie die Arbeiterwohlfahrt
oder das Deutsche Rote Kreuz
sowie Non-Profit-Organisationen und Stiftungen.
Der öffentliche Sektor bietet Arbeitsplätze in
Schulen, Kindergärten oder Krankenhäusern.
Auch manche Unternehmen schätzen die Fähigkeit
der Absolventen, auf Menschen einzugehen,
und setzen sie in der Personalentwicklung ein.
Die Arbeitsmarktaussichten sind laut Peter
Schäfer hervorragend: »Die Absolventen werden
uns förmlich aus der Hand gerissen.« Dem Hochschul-
Informations-System zufolge hatten fast
90 Prozent der Bachelorabsolventen nach einem
Jahr einen Job. Die Beschäftigungsverhältnisse
sind allerdings oft zeitlich begrenzt, es wird viel
auf Projektbasis gearbeitet. Außerdem bekommen
Sozialarbeiter im Schnitt weniger Gehalt als andere
Akademiker: im ersten Berufsjahr etwa
21 200 Euro.
MITARBEIT: FRIEDERIKE LÜBKE
BÜCHER UND LINKS
Rudolf Bieker: Soziale Arbeit studieren. Leitfaden für wissenschaftliches Arbeiten und Studienorganisation. Kohlhammer, Stuttgart 2011; 260 S., 24,90 Euro. Gibt praktische Tipps, wie man Literatur recherchiert, Hausaufgaben schreibt und sich organisiert.
Johannes Schilling/Susanne Zeller: Soziale Arbeit. Geschichte Theorie Profession. 5. durchges. Aufl.; UTB, Stuttgart 2012; 300 S., 29,99 Euro. Beschreibt die Entwicklung eines Fachs und das Arbeitsfeld und gibt Tipps und Beispiele für die Prüfungsvorbereitung.
dgsainfo.de. Hier nennt die Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit Tagungen und Fachgruppen zu Themen wie Promotionsförderung und Sozialwirtschaft.
gesundheitsmanagement-studieren.de. Beschreibt den Studiengang Soziale Arbeit sowie Arbeitsmöglichkeiten und weist auf verwandte Studiengänge hin.
bit.ly/zs13bvsozialearbeit: Die Homepage des Deutschen Berufsverbands für Soziale Arbeit bietet auch einen Überblick zum Studium.