Wie ist das Studium aufgebaut?
In den ersten beiden Semestern des Bachelorstudiums
befassen sich die Studenten mit
Grundbegriffen wie Gesellschaft, Ordnung,
Macht, soziale Ungleichheit oder Integration.
Zudem erhalten sie einen Überblick über die
Geschichte der Soziologie und über die Theorien
von Denkern wie Karl Marx, Max Weber,
Émile Durkheim, Niklas Luhmann oder Ulrich
Beck. Wegen der vielen unterschiedlichen Themen
und der anspruchsvollen Texte falle der
Einstieg nicht leicht, sagt Walid Ibrahim, 23,
der in Potsdam Soziologie im sechsten Semester
studiert. »Ziemlich planlos« habe er sich in den
ersten Monaten an der Uni gefühlt, »aber davon
darf man sich nicht entmutigen lassen. Ab dem
zweiten oder dritten Semester hat man die
wichtigsten Theorien im Griff, dann fällt das
Studium leichter und macht auch mehr Spaß.«
Zu den Grundlagen des Soziologiestudiums
gehört auch eine Einführung in die Sozialstrukturanalyse,
mit deren Hilfe man eine Gesellschaft
nach bestimmten Merkmalen aufschlüsseln
kann, etwa nach Bildungsgrad oder Einkommen.
Großen Raum nimmt die empirische
Sozialforschung ein: Die Studenten lernen, wie
man große Datenmengen mit Computerprogrammen
erhebt und auswertet. Sie üben aber
auch qualitative Methoden, mit denen sich Alltagsroutinen
erfassen lassen, etwa die teilnehmende
Beobachtung: »Dadurch lassen sich ganz
alltägliche Prozesse untersuchen, zum Beispiel
die Abläufe beim Mittagessen in einer Familie«,
erklärt Martina Löw, Professorin in Darmstadt
und Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für
Soziologie. Eine andere qualitative Methode, die
zum soziologischen Handwerkszeug gehört, ist
das biografische Interview. Durch die Aufzeichnung
von Lebensgeschichten sammeln
Soziologen Informationen, die es ihnen ermöglichen,
gesellschaftliche Entwicklungen zu
untersuchen und zu bewerten.
Ab dem zweiten Studienjahr besuchen die
Studenten Seminare und Vorlesungen zu den
sogenannten Spezialsoziologien. Dazu gehören
Themen wie Arbeit, Bildung und Politik, aber
auch Gesundheit, Kultur, Medien und Technik.
Die Studenten haben die Möglichkeit,
individuelle Schwerpunkte zu setzen und
Themen zu vertiefen. In der Mediensoziologie
lernen sie zum Beispiel, wie man Facebook-Profile
nach wissenschaftlichen Kriterien analysiert.
Die Techniksoziologie fragt nach dem
Zusammenspiel von Mensch und Maschine.
Hier wird beispielsweise erforscht, wie sich die
Kommunikation durch die Verbreitung von
Smartphones verändert. Vorlesungen, Seminare
und Übungen schließen mit Hausarbeit,
Klausur oder mündlicher Prüfung ab.
Außerdem führen die Studenten kleine Forschungsprojekte
durch, in denen sie die Anwendung
von soziologischen Methoden trainieren. Walid Ibrahim untersuchte im Methodenseminar
die Kommentare von Usern in verschiedenen
Onlinemedien. Sein Ergebnis: »Auf den
Facebook-Seiten
von FAZ oder Bild wird viel
polemischer diskutiert als auf faz.net und bild.de.«
Oft werden in den Forschungsprojekten auch
Interviews durchgeführt. Der Mannheimer Viertsemester
Christian Resch, 20, entwickelte in einer
Arbeitsgruppe einen Fragebogen, um herauszufinden,
ob die BWLStudenten
an seiner Universität
mehr Geld für Kleidung ausgeben als
ihre Kommilitonen in anderen Fächern: »Wir
haben unsere Probanden im Hörsaal angesprochen
und interviewt, das war erstaunlich einfach.«
Zusätzlich müssen die Studenten während des
Studiums Praktika absolvieren, die sie sich selber
organisieren (zum Beispiel in der Personalabteilung
eines Unternehmens oder in einer sozialen Einrichtung). Auch Ausflüge in andere Fächer
sind oft Pflicht. Zu einer Spezialisierung in Techniksoziologie
etwa passt Informatik, und wer
später in der Personalentwicklung arbeiten will,
kann Soziologie mit BWL kombinieren.
Die Angebote der Unis unterscheiden sich
stark. Große soziologische Institute wie jene in
Bielefeld, Bremen, Frankfurt/Main, Hamburg
oder Mannheim erlauben eine breitere Auswahl
als solche mit nur zwei, drei Professoren. »Vor
dem Studium sollte man sich gründlich informieren
und die Schwerpunkte der einzelnen Hochschulen
kennen«, empfiehlt Christian Resch.
Die große Mehrheit der Bachelorstudenten
macht hinterher noch einen Master. »In der Soziologie
gilt der Master als Regelabschluss«, sagt
die Professorin Martina Löw. Das Masterstudium
bietet die Möglichkeit zur Spezialisierung. Man kann ausgewählte Themen vertiefen, und meist
gehört ein Forschungspraktikum dazu. Darin
lernen die Studenten etwa, wie man einen Fragebogen
entwickelt, um herauszufinden, ob sich
Schüler für Politik interessieren.
Neue Entwicklungen
Soziologen untersuchen derzeit verstärkt, wie sich
die globalisierte Wirtschaft, die grenzüberschreitende
Kommunikation und die Einwanderung
auf die Gesellschaft auswirken. An Bedeutung
gewonnen hat auch das Konzept der Transnationalisierung,
mit dem das Entstehen von Gemeinschaften
jenseits von Nationalgesellschaften erfasst
werden soll. Soziologen fragen zum Beispiel
danach, worin sich das Konsumverhalten von
Jugendlichen in New York, Shanghai und Berlin
ähnelt oder unterscheidet. Die Internationalität
des Fachs drückt sich auch darin aus, dass Seminare
und Vorlesungen nicht selten auf Englisch
stattfinden. Die meisten Institute fördern Auslandssemester
und kooperieren dafür mit soziologischen
Instituten in anderen Ländern. Martina
Löw sagt: »Ein Auslandsaufenthalt verändert
den Blick auf Kulturen und Gesellschaften. Man
hält seine eigene Kultur danach nicht mehr für
selbstverständlich.« Ein neues Thema auf dem Gebiet der Gesundheits- und Techniksoziologie
ist die Verschmelzung von Mensch und
Technik. Zwei Beispiele dafür sind künstliche
Organe und Herzschrittmacher oder das Smartphone
als unentbehrlicher Helfer im Alltag.
Zunehmend werden soziologische Themen
mit anderen Disziplinen zusammengeführt.
Hinter Namen wie Sozialwissenschaften oder
Social Sciences steckt eine Mischung aus Soziologie,
Politik- und Wirtschaftswissenschaft.
Europastudien oder European Studies, die viele
Hochschulen als Bachelor- und Masterprogramme
anbieten, enthalten ebenfalls oft soziologische
Themen und Methoden.
Eignung, Hürden, Irrtümer
Viele Studienanfänger überrascht es, wie theoretisch
das Studium ist und dass Mathematik für
Soziologen wichtig ist. »Statistik gehört überall
dazu, daran kommt man nicht vorbei«, sagt Löw.
Ein Mathegenie muss man zwar nicht sein, doch
Mathehasser haben es schwer. Um die Fachliteratur
zu bewältigen, sollten die Studenten Spaß an
theoretischen, oft schwer verständlichen Texten
haben und solide Englischkenntnisse mitbringen.
Spaß an der Auseinandersetzung sollte man ebenfalls
mitbringen, denn trotz aller Theorie wird
lebhaft diskutiert. »In fast allen Seminaren verbringen
wir die Hälfte der Zeit mit Diskussionen,
nur in den Vorlesungen geht es ruhig zu«, sagt der
Mannheimer Student Christian Resch.
Die Zulassungsvoraussetzungen zum Bachelor
variieren stark. In Münster zum Beispiel
wurden im Wintersemester 2012/13 Abiturienten
mit einer Note von 1,8 oder besser zugelassen,
in Frankfurt am Main reichte ein Abi-Schnitt
von 3,1. Gute Zensuren in Deutsch und Mathe
können die Chancen erhöhen, denn sie werden
an den meisten Hochschulen stärker gewichtet.
In Tübingen muss man einen Auswahltest absolvieren.
Die Zulassung zum Master hängt meist
von der Bachelornote ab. Insgesamt gibt es zwar
keine Engpässe bei den Studienplätzen, es kann
jedoch sein, dass man die Uni wechseln muss,
um weiterzustudieren. Denn für besonders nachgefragte
Masterprogramme braucht man eine
Eins vor dem Komma, um ohne Wartezeit zum
Master zugelassen zu werden.
Berufsperspektiven
Das Klischee von der Soziologie als brotloser
Kunst hält sich zwar hartnäckig, hat aber mit der
Realität wenig zu tun. Ihre analytische Denkweise
und ihre Kenntnisse in Statistik machen Soziologen zu Allroundern, die je nach Spezialisierung
in unterschiedlichen Branchen Arbeit
finden können. Allerdings müssen die Studenten
über Praktika möglichst früh den Berufseinstieg
vorbereiten. Besonders gefragt sind die Absolventen
in der Meinungs- und Marktforschung. Des
Weiteren arbeiten sie in der Politikberatung oder
machen bei Public-Affairs-Agenturen Lobbyarbeit.
Sie konkurrieren mit Sozialpädagogen
und Psychologen um Leitungspositionen in der
Jugend- und Altenhilfe. Auch in Personalabteilungen
von Unternehmen und Behörden sind sie
beschäftigt, wobei sie immer häufiger Aufgaben
übernehmen, die früher Betriebswirten oder Juristen
vorbehalten waren beispielsweise führen
sie Bewerbungsgespräche oder entwickeln Konzepte
für die Weiterbildung von Mitarbeitern. In
der Verwaltung unterstützen Soziologen etwa die
Stadtplanung oder auch den Strafvollzug.
Allein mit dem Bachelor kann man in der
Sozialarbeit oder über Traineeprogramme und
Volontariate in manchen Unternehmen oder Verlagen
einsteigen. Mit dem Masterabschluss fällt der
Einstieg ins Berufsleben aber in der Regel leichter.
Knapp achtzig Prozent der Absolventen haben
einer Studie des Hochschul-Informations-Systems
von 2010 zufolge nach einem Jahr den Berufseinstieg
geschafft und im Schnitt 32 600 Euro verdient.
MITARBEIT OLIVER BURGARD
BÜCHER UND LINKS
Sighard Neckel/Ana Mijic/Christian von Scheve/Monica Titton (Hrsg.): Sternstunden der Soziologie. Wegweisende Theoriemodelle des soziologischen Denkens; Campus Verlag, Frankfurt a.M. 2010; 501 S., 24,90 Euro. Erklärt, wie Soziologen die Welt sehen.
Michael Corsten: Grundfragen der Soziologie; UTB, Stuttgart 2011; 322 S., 19,90 Euro. Stellt zentrale Begriffe, Themen und Denkansätze vor; mit Lernkontrollfragen.
Jan Wenke: Studi-Kompass Politik und Sozialwissenschaften. Stark Verlag, Hallbergmoos 2011; 396 S., 14,95 Euro. Übersichtliche Sammlung von Studiengängen.
Gerhard Zacharias: Studienführer Sozialwissenschaft. Soziologie, Politikwissenschaft; 8. Aufl.; Lexika Verlag, München 2012; 287 S., 15 Euro. Zentrale Themen des Fachs, Infos über Bachelor- und Masterprogramme und Studiengänge mit besonderem Profil.
soziologie.de: Homepage der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) mit Links zu Studiengängen, Bibliotheken, Datenbanken und Zeitschriften. Besonders interessant: aktuelle Debatten im Sozblog.
soziologie-forum.de: Hier kann man sich über soziologische Theorien, Jobs oder Studiengänge austauschen.
bit.ly/zs13selbsttestsoz: Selbsttest der Uni Mannheim.