CHE Hochschulranking 2013/14

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  • Soziologie / Sozialwissenschaften studieren

  • KURZ-INFO Soziologen erklären das menschliche Handeln in der Gesellschaft. Die Studenten müssen selbst Schwerpunkte setzen. Die Texte sind oft schwierig. Immer wichtiger wird der Vergleich verschiedener Kulturen. Häufig arbeiten Soziologen in der Meinungs- oder Marktforschung. VON MISCHA TÄUBNER

    Worum geht es?
    Die Soziologie versucht, menschliches Handeln zu erklären. Anders als die Psychologie geht sie nicht vom Einzelnen aus, sondern untersucht das Zusammenspiel von Menschen und Menschengruppen. Soziologische Analysen setzen Kenntnisse aus unterschiedlichen Disziplinen voraus. Will man zum Beispiel erklären, warum in modernen Gesellschaften die Scheidungsrate zunimmt, spielen juristische, wirtschaftliche und psychologische Aspekte eine Rolle.

  • Wie ist das Studium aufgebaut?
    In den ersten beiden Semestern des Bachelorstudiums befassen sich die Studenten mit Grundbegriffen wie Gesellschaft, Ordnung, Macht, soziale Ungleichheit oder Integration. Zudem erhalten sie einen Überblick über die Geschichte der Soziologie und über die Theorien von Denkern wie Karl Marx, Max Weber, Émile Durkheim, Niklas Luhmann oder Ulrich Beck. Wegen der vielen unterschiedlichen Themen und der anspruchsvollen Texte falle der Einstieg nicht leicht, sagt Walid Ibrahim, 23, der in Potsdam Soziologie im sechsten Semester studiert. »Ziemlich planlos« habe er sich in den ersten Monaten an der Uni gefühlt, »aber davon darf man sich nicht entmutigen lassen. Ab dem zweiten oder dritten Semester hat man die wichtigsten Theorien im Griff, dann fällt das Studium leichter und macht auch mehr Spaß.« Zu den Grundlagen des Soziologiestudiums gehört auch eine Einführung in die Sozialstrukturanalyse, mit deren Hilfe man eine Gesellschaft nach bestimmten Merkmalen aufschlüsseln kann, etwa nach Bildungsgrad oder Einkommen. Großen Raum nimmt die empirische Sozialforschung ein: Die Studenten lernen, wie man große Datenmengen mit Computerprogrammen erhebt und auswertet. Sie üben aber auch qualitative Methoden, mit denen sich Alltagsroutinen erfassen lassen, etwa die teilnehmende Beobachtung: »Dadurch lassen sich ganz alltägliche Prozesse untersuchen, zum Beispiel die Abläufe beim Mittagessen in einer Familie«, erklärt Martina Löw, Professorin in Darmstadt und Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Eine andere qualitative Methode, die zum soziologischen Handwerkszeug gehört, ist das biografische Interview. Durch die Aufzeichnung von Lebensgeschichten sammeln Soziologen Informationen, die es ihnen ermöglichen, gesellschaftliche Entwicklungen zu untersuchen und zu bewerten. Ab dem zweiten Studienjahr besuchen die Studenten Seminare und Vorlesungen zu den sogenannten Spezialsoziologien. Dazu gehören Themen wie Arbeit, Bildung und Politik, aber auch Gesundheit, Kultur, Medien und Technik. Die Studenten haben die Möglichkeit, individuelle Schwerpunkte zu setzen und Themen zu vertiefen. In der Mediensoziologie lernen sie zum Beispiel, wie man Facebook-Profile nach wissenschaftlichen Kriterien analysiert. Die Techniksoziologie fragt nach dem Zusammenspiel von Mensch und Maschine. Hier wird beispielsweise erforscht, wie sich die Kommunikation durch die Verbreitung von Smartphones verändert. Vorlesungen, Seminare und Übungen schließen mit Hausarbeit, Klausur oder mündlicher Prüfung ab. Außerdem führen die Studenten kleine Forschungsprojekte durch, in denen sie die Anwendung von soziologischen Methoden trainieren. Walid Ibrahim untersuchte im Methodenseminar die Kommentare von Usern in verschiedenen Onlinemedien. Sein Ergebnis: »Auf den Facebook-Seiten von FAZ oder Bild wird viel polemischer diskutiert als auf faz.net und bild.de.« Oft werden in den Forschungsprojekten auch Interviews durchgeführt. Der Mannheimer Viertsemester Christian Resch, 20, entwickelte in einer Arbeitsgruppe einen Fragebogen, um herauszufinden, ob die BWLStudenten an seiner Universität mehr Geld für Kleidung ausgeben als ihre Kommilitonen in anderen Fächern: »Wir haben unsere Probanden im Hörsaal angesprochen und interviewt, das war erstaunlich einfach.« Zusätzlich müssen die Studenten während des Studiums Praktika absolvieren, die sie sich selber organisieren (zum Beispiel in der Personalabteilung eines Unternehmens oder in einer sozialen Einrichtung). Auch Ausflüge in andere Fächer sind oft Pflicht. Zu einer Spezialisierung in Techniksoziologie etwa passt Informatik, und wer später in der Personalentwicklung arbeiten will, kann Soziologie mit BWL kombinieren. Die Angebote der Unis unterscheiden sich stark. Große soziologische Institute wie jene in Bielefeld, Bremen, Frankfurt/Main, Hamburg oder Mannheim erlauben eine breitere Auswahl als solche mit nur zwei, drei Professoren. »Vor dem Studium sollte man sich gründlich informieren und die Schwerpunkte der einzelnen Hochschulen kennen«, empfiehlt Christian Resch. Die große Mehrheit der Bachelorstudenten macht hinterher noch einen Master. »In der Soziologie gilt der Master als Regelabschluss«, sagt die Professorin Martina Löw. Das Masterstudium bietet die Möglichkeit zur Spezialisierung. Man kann ausgewählte Themen vertiefen, und meist gehört ein Forschungspraktikum dazu. Darin lernen die Studenten etwa, wie man einen Fragebogen entwickelt, um herauszufinden, ob sich Schüler für Politik interessieren.



    Neue Entwicklungen
    Soziologen untersuchen derzeit verstärkt, wie sich die globalisierte Wirtschaft, die grenzüberschreitende Kommunikation und die Einwanderung auf die Gesellschaft auswirken. An Bedeutung gewonnen hat auch das Konzept der Transnationalisierung, mit dem das Entstehen von Gemeinschaften jenseits von Nationalgesellschaften erfasst werden soll. Soziologen fragen zum Beispiel danach, worin sich das Konsumverhalten von Jugendlichen in New York, Shanghai und Berlin ähnelt oder unterscheidet. Die Internationalität des Fachs drückt sich auch darin aus, dass Seminare und Vorlesungen nicht selten auf Englisch stattfinden. Die meisten Institute fördern Auslandssemester und kooperieren dafür mit soziologischen Instituten in anderen Ländern. Martina Löw sagt: »Ein Auslandsaufenthalt verändert den Blick auf Kulturen und Gesellschaften. Man hält seine eigene Kultur danach nicht mehr für selbstverständlich.« Ein neues Thema auf dem Gebiet der Gesundheits- und Techniksoziologie ist die Verschmelzung von Mensch und Technik. Zwei Beispiele dafür sind künstliche Organe und Herzschrittmacher oder das Smartphone als unentbehrlicher Helfer im Alltag. Zunehmend werden soziologische Themen mit anderen Disziplinen zusammengeführt. Hinter Namen wie Sozialwissenschaften oder Social Sciences steckt eine Mischung aus Soziologie, Politik- und Wirtschaftswissenschaft. Europastudien oder European Studies, die viele Hochschulen als Bachelor- und Masterprogramme anbieten, enthalten ebenfalls oft soziologische Themen und Methoden.



    Eignung, Hürden, Irrtümer
    Viele Studienanfänger überrascht es, wie theoretisch das Studium ist und dass Mathematik für Soziologen wichtig ist. »Statistik gehört überall dazu, daran kommt man nicht vorbei«, sagt Löw. Ein Mathegenie muss man zwar nicht sein, doch Mathehasser haben es schwer. Um die Fachliteratur zu bewältigen, sollten die Studenten Spaß an theoretischen, oft schwer verständlichen Texten haben und solide Englischkenntnisse mitbringen. Spaß an der Auseinandersetzung sollte man ebenfalls mitbringen, denn trotz aller Theorie wird lebhaft diskutiert. »In fast allen Seminaren verbringen wir die Hälfte der Zeit mit Diskussionen, nur in den Vorlesungen geht es ruhig zu«, sagt der Mannheimer Student Christian Resch. Die Zulassungsvoraussetzungen zum Bachelor variieren stark. In Münster zum Beispiel wurden im Wintersemester 2012/13 Abiturienten mit einer Note von 1,8 oder besser zugelassen, in Frankfurt am Main reichte ein Abi-Schnitt von 3,1. Gute Zensuren in Deutsch und Mathe können die Chancen erhöhen, denn sie werden an den meisten Hochschulen stärker gewichtet. In Tübingen muss man einen Auswahltest absolvieren. Die Zulassung zum Master hängt meist von der Bachelornote ab. Insgesamt gibt es zwar keine Engpässe bei den Studienplätzen, es kann jedoch sein, dass man die Uni wechseln muss, um weiterzustudieren. Denn für besonders nachgefragte Masterprogramme braucht man eine Eins vor dem Komma, um ohne Wartezeit zum Master zugelassen zu werden.

    Berufsperspektiven
    Das Klischee von der Soziologie als brotloser Kunst hält sich zwar hartnäckig, hat aber mit der Realität wenig zu tun. Ihre analytische Denkweise und ihre Kenntnisse in Statistik machen Soziologen zu Allroundern, die je nach Spezialisierung in unterschiedlichen Branchen Arbeit finden können. Allerdings müssen die Studenten über Praktika möglichst früh den Berufseinstieg vorbereiten. Besonders gefragt sind die Absolventen in der Meinungs- und Marktforschung. Des Weiteren arbeiten sie in der Politikberatung oder machen bei Public-Affairs-Agenturen Lobbyarbeit. Sie konkurrieren mit Sozialpädagogen und Psychologen um Leitungspositionen in der Jugend- und Altenhilfe. Auch in Personalabteilungen von Unternehmen und Behörden sind sie beschäftigt, wobei sie immer häufiger Aufgaben übernehmen, die früher Betriebswirten oder Juristen vorbehalten waren – beispielsweise führen sie Bewerbungsgespräche oder entwickeln Konzepte für die Weiterbildung von Mitarbeitern. In der Verwaltung unterstützen Soziologen etwa die Stadtplanung oder auch den Strafvollzug. Allein mit dem Bachelor kann man in der Sozialarbeit oder über Traineeprogramme und Volontariate in manchen Unternehmen oder Verlagen einsteigen. Mit dem Masterabschluss fällt der Einstieg ins Berufsleben aber in der Regel leichter. Knapp achtzig Prozent der Absolventen haben einer Studie des Hochschul-Informations-Systems von 2010 zufolge nach einem Jahr den Berufseinstieg geschafft und im Schnitt 32 600 Euro verdient.

    MITARBEIT OLIVER BURGARD

    BÜCHER UND LINKS
    Sighard Neckel/Ana Mijic/Christian von Scheve/Monica Titton (Hrsg.): Sternstunden der Soziologie. Wegweisende Theoriemodelle des soziologischen Denkens; Campus Verlag, Frankfurt a.M. 2010; 501 S., 24,90 Euro. Erklärt, wie Soziologen die Welt sehen.

    Michael Corsten: Grundfragen der Soziologie; UTB, Stuttgart 2011; 322 S., 19,90 Euro. Stellt zentrale Begriffe, Themen und Denkansätze vor; mit Lernkontrollfragen.

    Jan Wenke: Studi-Kompass Politik und Sozialwissenschaften. Stark Verlag, Hallbergmoos 2011; 396 S., 14,95 Euro. Übersichtliche Sammlung von Studiengängen.

    Gerhard Zacharias: Studienführer Sozialwissenschaft. Soziologie, Politikwissenschaft; 8. Aufl.; Lexika Verlag, München 2012; 287 S., 15 Euro. Zentrale Themen des Fachs, Infos über Bachelor- und Masterprogramme und Studiengänge mit besonderem Profil.

    soziologie.de: Homepage der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) mit Links zu Studiengängen, Bibliotheken, Datenbanken und Zeitschriften. Besonders interessant: aktuelle Debatten im Sozblog.

    soziologie-forum.de: Hier kann man sich über soziologische Theorien, Jobs oder Studiengänge austauschen.

    bit.ly/zs13selbsttestsoz: Selbsttest der Uni Mannheim.

  • Überblick der Studienangebote für das Fach in der ZEIT ONLINE Studiengangsuche

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