Wie ist das Mathematik-Studium aufgebaut?
Das Studium beginnt oft schon vor Semesterstart,
denn fast alle Unis bieten Vor- oder
Brücken k urse an. Dort wird der Stoff der
letzten zwei Schuljahre im Schnellverfahren
wiederholt. »Diese Kurse sollte jeder besuchen,
selbst wer ein sehr guter Mathe-Schüler war«,
rät Martin Buhmann, Mathematikprofessor
an der Universität Gießen. Denn in den Schulen
sei das Niveau sehr unterschiedlich.
Das Studium selbst startet mit Analysis und
linearer Algebra jenen Fächern, auf denen
alles aufbaut. Die Grundvorlesungen dazu gehen
über zwei, drei Semester und geben einen
Einblick in mathematische Arbeitsmethoden.
Die Studenten müssen von Anfang an lernen,
mit der präzisen Sprache des Fachs umzugehen.
Zum Beispiel unterscheiden Mathematiker bei
Aussagen zwischen »wenn« und »genau dann,
wenn«. In den ersten Semestern lernen die
Studenten Sätze und Definitionen und lösen
damit eigenständig Probleme. Zu einer Vorlesung
wird häufig eine Übung angeboten, bei der
es direkt eine Rückmeldung zu den Lösungsversuchen
gibt. Woche für Woche sitzen die
Studenten über Aufgabenblättern.
»Man sollte Spaß am Knobeln und Rumrätseln
haben«, sagt Linda Krause, 24, die einen
Mathe-Master an der Uni Lübeck macht. An
manchen Aufgaben arbeite man Nachmittage
lang, sagt Johannes Becker, 22, der im sechsten
Semester an der TU Darmstadt studiert: »Eine
Lösung finde ich manchmal trotzdem nicht.«
Viele Studenten bilden Arbeitsgruppen, um
gemeinsam zu lernen. Auch Johannes Becker
trifft sich regelmäßig mit seinen Kommilitonen.
»Wichtig ist, dass die Gruppe auf demselben
Niveau ist, damit alle gut mitkommen.«
Im zweiten Studienjahr kommen Stochastik
und Numerik, die Beschäftigung mit Algorithmen,
hinzu. Auch Differenzialgleichungen
sowie Mathematische Optimierung und Modellierung
werden durchgenommen. In der
Modellierung geht es darum, Fallbeispiele aus
dem Alltag in ein mathematisches Modell zu
übersetzen: Wie verhält sich zum Beispiel, mathematisch
gesehen, eine Aktie an der Börse?
Im dritten Jahr wählen die Studenten Vertiefungsmodule,
zum Beispiel Algebra, Geometrie
oder Zahlentheorie. Das Angebot kann sich je
nach Hochschule unterscheiden.
Nach einer Studie des Hochschul-Informations-
Systems (HIS) von 2010 haben 78 Prozent
der Bachelorabsolventen ein Jahr nach dem
Abschluss ein Masterstudium begonnen. Neben
allgemeinen Masterprogrammen, bei denen die
Studenten ihr Wissen in Reiner und Angewandter
Mathematik vertiefen, gibt es Angebote, die
Mathe mit einem weiteren Fach kombinieren.
Klassiker sind die Wirtschaftsmathematik und
die Technomathematik; Letztere bezieht die
Informatik und die Ingenieurwissenschaften mit ein. Daneben gibt es noch weiter spezialisierte
Studienangebote, zum Beispiel einen Statistikmaster,
wie er etwa an der TU Dortmund
und der Universität Marburg angeboten wird,
oder das Programm Finanzdienstleistungen und
Risikomanagement an der Hochschule für Technik
und Wirtschaft Berlin. Wer nach dem Bachelorabschluss
solch ein spezialisiertes Masterstudium
dranhängen möchte, sollte sich früh
informieren, denn manchmal muss man dafür
bestimmte Vorlesungen gehört haben. Wer zum
Beispiel einen Master in Wirtschaftsmathematik
machen will, braucht zuvor eine solide Ausbildung
in Stochastik. Zum Teil werden Spezialisierungen
wie Wirtschaftsmathematik auch
schon als Bachelorstudiengänge angeboten.
An den Fachhochschulen ist das Mathematikstudium
v on B eginn a n p raxisnah ( häufig
heißen die Studiengänge »Angewandte Mathematik
«). Oft ist etwa die Hälfte des Pensums
Mathe, die andere Hälfte machen Inhalte aus
BWL, Informatik und Naturwissenschaften aus.
Hinzu kommen Praxisprojekte. Die Studenten
erstellen zum Beispiel Rentenpläne für Versicherungen
oder berechnen mithilfe der sogenannten
Ameisen-Heuristik, wie das Warenlager eines
Unternehmens optimal bestückt werden kann.
Auch ein Praktikum ist meist Pflicht. Typische
Einsatzorte sind Banken und Versicherungen, aber
auch die Autoindustrie oder die IT-Branche. Ein
Berufseinstieg mit Bachelorabschluss ist unter
Fachhochschulabsolventen deshalb weiter verbreitet:
Nur 40 Prozent schließen einen Master an.
Neue Entwicklungen?
Immer schnellere und leistungsfähigere Computer
stellen die Mathematik auch künftig vor
Herausforderungen: Mathematiker lernen im
Stu dium neue kryptografische Verfahren, um
Daten zu verschlüsseln. Weil diese mit neuen
Computerprogrammen immer rascher entschlüsselt
werden können, bleibt es ein ständiger
Wettlauf was heute als sicher gilt, ist im nächsten
Jahr womöglich schon geknackt. Generell
gewinnt die Informatik im Mathematikstudium
an Bedeutung, denn Mathematiker mit Informatikkenntnissen
können besonders effiziente und
sichere Algorithmen oder Programme entwickeln.
Ein Kurs in Computerorientierter Mathematik
ist daher schon in den ersten Semestern an vielen
Hochschulen Standard. »Anfangs ist mir Informatik
schwergefallen«, sagt Linda Krause. »Zuvor
hatte ich noch nie programmiert. Aber man gewöhnt
sich schnell daran.«
Immer beliebter bei den Studenten ist die
Mathematische Optimierung als Vertiefungsrichtung.
»Hier geht es besonders anwendungsbezogen
zu«, so der Professor Martin Buhmann.
Denn das Ziel ist es, die besten Lösungen für
verschiedenste Probleme zu finden. So berechnen
Mathematiker beispielsweise so verschiedene
Sachen wie die Treibstoffmenge, die für eine
Mondmission nötig wäre, oder die günstigste
Route der Müllabfuhr durch eine Stadt.
Auch die Statistik wird wichtiger etwa an
der Schnittstelle zu Medizin und Pharmazie.
Mathematiker arbeiten an Studien mit, die zeigen,
ob bestimmte Medikamente oder Therapien
wirken. »Wir haben beispielsweise berechnet,
wie schnell sich ein Medikament im Blutkreislauf
verteilt und ob es besser ist, dieses zu spritzen
oder z u s chlucken«, b erichtet L inda K rause,
deren Mathe-Master eine Vertiefung in Medizin
und Lebenswissenschaften hat.
Eignung, Hürden, Irrtümer
Eine Leidenschaft fürs Problemlösen das sollte
ein Mathematikstudent auf jeden Fall mitbringen.
Denn nicht selten bleiben selbst lange Arbeitsphasen
ohne Ergebnis. Ein kleiner Trost: Auch
Professoren stoßen immer wieder auf Probleme,
die sie nicht lösen können. »Die kniffeligsten
Frage stellungen sind aber auch die interessantesten
«, motiviert Martin Buhmann die Studenten.
Der Sprung von der Schul- zur Hochschulmathematik
ist eine große Hürde: Fast die Hälfte
der Studenten gibt in den ersten beiden Semestern
auf. Das Fach wird an der Uni nämlich ganz anders
gelehrt und verstanden als in der Schule.
Selten geht es um konkrete Rechenbeispiele, der
Taschenrechner wird kaum noch benutzt. Stattdessen
ist tieferes Verständnis gefragt. »Wir versuchen
mithilfe von Beweisen, Probleme zu lösen«,
sagt Johannes Becker. Sehr oft haben es Studenten
bei ihren Definitionen und Beweisen gar nicht
mehr mit Zahlen zu tun, sondern mit einer Formelsprache
aus Variablen, Konstanten und Funktionen.
»Die Lösung einer Aufgabe besteht bis zu 70 Prozent aus Text, der die Herleitung
erklärt, nur der Rest sind dann mathematische
Formeln und Zahlen«, sagt der Student.
Wer das Studium ernst nimmt, hat ein straffes
Programm von rund 50 Wochenstunden. Gerade
am Anfang ist das Lern- und Arbeitspensum hoch.
Das liegt auch an der hohen Geschwindigkeit, mit
der die mathematischen Grundlagen im Studium
aufgebaut werden. »Ich rate jedem, von Anfang
an am Ball zu bleiben und mitzuarbeiten«, sagt
der Student Johannes Becker. »Die Themen
bauen aufeinander auf, und wenn man einmal den
Faden verloren hat, kommt man nur noch schwer
mit.« Andererseits muss man in der Schule nicht
unbedingt ein Mathe-Ass gewesen sein, um erfolgreich
durchs Studium zu kommen. Es reicht
auch, wenn eine Zwei im Abi-Zeugnis stand.
»Wichtiger als gute Noten ist die Fähigkeit, abstrakt
und analytisch zu denken«, sagt Martin
Buhmann. Man muss Mathe auch nicht zwingend
als Vertiefungsfach an der Schule gehabt haben.
Schon im Bachelor sollten die Mathematikstudenten
in englische Fachbücher hineinschnuppern.
Im Master finden dann oft ganze
Vorlesungsreihen auf Englisch statt.
Zulassungsbeschränkungen zum Bachelor
gibt es in der Regel nicht, für den Master reicht
meist d er a bgeschlossene B achelor. B ei L ehramtsstudiengängen
kann das anders sein, weil
dort die Nachfrage größer ist. An einigen Universitäten
lag der Numerus clausus in den vergangenen
Semestern sogar im Einser-Bereich.
Berufsperspektiven
Mathematiker arbeiten überall dort, wo Ordnung
in komplexe Systeme gebracht werden
muss. Zu den größten Arbeitgebern zählen
Banken und Versicherungen, für die man als
Mathematiker zum Beispiel die Risiken von
Wertpapieren berechnet. In der Industrie wirken
Mathematiker vor allem in der Entwicklungsphase
mit, wenn es darum geht, neue Produkte
oder Modelle am Computer zu testen. Autohersteller
lassen zum Beispiel die Eigenschaften von
Airbags oder Rädern mit einer speziellen Software
simulieren. Das ist preiswerter, als gleich
einen Prototyp zu bauen. Auch die IT-Branche
ist ein großes Arbeitsfeld. »Die große Stärke von
Mathematikern ist, dass sie vielseitig einsetzbar
sind«, sagt Martin Buhmann. Ihre Fähigkeit,
lösungsorientiert zu denken, werde geschätzt.
Oft erhalten schon Studenten Jobangebote.
Auch für Mathematiklehrer gilt: Der Bedarf an
Nachwuchs ist bundesweit groß.
Die Absolventen arbeiten später häufig in gemischten
Teams, etwa an der Seite von Geografen,
Ingenieuren oder Sprachwissenschaftlern.
Arbeitgeber sehen es daher gern, wenn man
Praktika oder Praxisprojekte vorweisen kann.
Denn zu lernen, sich anderen gegenüber verständlich
auszudrücken, gehört für Mathematiker
dazu. Nach einer Studie des Hochschul-Informations-
Systems von 2010 haben gut 80 Prozent
der Absolventen innerhalb von zwölf Monaten
den Berufseinstieg geschafft. In ihrem
ersten Job verdienten die Mathematiker im Mittel
45 100 Euro.
MITARBEIT: JULIA SCHWARZ
BÜCHER UND LINKS
Wolfram Wickel/Jennifer Wilms: Studienführer Informatik, Mathematik, Physik; 2. Auflage; Lexika-Verlag, Eibelstadt 2012; 199 S., 15 Euro. Aufbau und Inhalt der drei Studiengänge im Vergleich.
mathematik.fraunhofer.de: Portal der Fraunhofer-Forschungsinstitute mit Onlinetest, ob man fürs Studium geeignet ist. Hier werden auch aktuelle Forschungsprojekte vorgestellt.
mathematik.de: Homepage der deutschen Mathematiker-Vereinigung. Stellt in Porträts Mathematiker und ihre Arbeit vor. Außerdem gibt es Linktipps speziell für Schüler und Studenten.
J3l7h.de: Seite eines Mathe-Professors mit einer umfangreichen Videosammlung. Für alle, die schon einmal in Grundlagenvorlesungen reinschnuppern wollen.
Das Fach im CHE ExcellenceRanking