Wie ist das Studium aufgebaut?
Das Studium beginnt mit Vorlesungen, Übungen
und Seminaren in den drei Hauptdisziplinen der
Germanistik: Neuere deutsche Literatur, Ältere
deutsche Literatur und Sprachwissenschaft.
In der Sprachwissenschaft, auch Linguistik
genannt, lernen die Studenten gleich im ersten
Semester, Sprache mittels Lautschrift darzustellen.
Später untersuchen sie etwa die Kommunikation
von Jugendlichen oder die Bedeutung von Namen.
Sie gehen der Frage nach, wie Dialekte entstehen
und warum sich gesprochene Sprache und
Schriftdeutsch unterscheiden. Und sie befassen
sich mit Grammatik, denn mit deren Hilfe lassen
sich Texte erschließen. Um etwa über Conrad
Ferdinand Meyers Formulierung »Aufsteigt der
Strahl« aus dem Gedicht Der Römische Brunnen
zu befinden, müsse man etwas über »trennbare
Partikelverben, die deutsche Satzklammer und
Ausklammerungen« wissen, sagt Jörg Kilian,
Germanistik-Professor in Kiel und Vorsitzender
des Deutschen Germanistenverbandes.
In der Älteren deutschen Literatur geht es um
die Ästhetik, die Erzählstruktur und die Geschichte
von Texten des 8. bis 15. Jahrhunderts: Werke
wie das Nibelungenlied oder das Narrenschiff etwa
sind auf Mittel- bzw. Frühneuhochdeutsch verfasst.
In der Neueren deutschen Literatur stehen
Schillers Dramen und Goethes Lyrik ebenso auf
dem Stundenplan wie zeitgenössische Autoren.
»Am Anfang haut einen die Vielfalt der Literatur
fast um, aber das Schöne daran ist, dass man
ständig neue Autoren entdeckt, von denen man
vorher noch nie gehört hat«, sagt Jan Lindenau, 23,
der im sechsten Semester an der Berliner Humboldt-
Uni Germanistik studiert. Auch ein Thema
sind neue Literaturformen wie Fan-Fiction: geschrieben
von Menschen, die ihre eigenen Versionen
berühmter Buch- oder Filmvorlagen entwickeln
und meist im Internet veröffentlichen.
In Hausarbeiten und Klausuren zeigen die
Studenten, dass sie Texte kritisch reflektieren und
in einen größeren Zusammenhang stellen können.
Sie lernen außerdem, wissenschaftliche Ergebnisse
zu präsentieren oder durch creative writing ihren
Stil zu verbessern. Wer Lehrer werden will, erfährt
in Didaktikseminaren, wie sprachliches Wissen
erzeugt und vermittelt werden kann.
An einigen Hochschulen ist ein Praktikum
von vier bis acht Wochen in den Semesterferien
Pflicht. Beliebt sind Praktika bei Verlagen und
Medien, in Theatern oder Museen. Gut zwei
Drittel der Bachelorabsolventen in Germanistik
studieren nach dem Abschluss weiter. Beim
Master gibt es einen Trend zur Spezialisierung.
An der Uni Kiel zum Beispiel gibt es einen
Masterschwerpunkt Niederdeutsch, an der Uni
Jena kann man Deutsche Klassik im europäischen
Kontext studieren, in Göttingen gibt es Interkulturelle
Germanistik Deutschland China.
Neue Entwicklungen
In den vergangenen Jahren haben sich überall
dort, wo sich die Themen einzelner Fächer überschneiden,
neue Studiengänge gebildet. Die
Germanistik ist oft an ihnen beteiligt etwa an
den Kulturwissenschaften, der Computerlinguistik,
der Computerphilologie und der Kognitiven
Linguistik. Die Computerlinguistik versucht
unter anderem, Suchmaschinen nicht mehr nur
einzelne Wörter, sondern den Sinn ganzer Sätze
verstehen zu lassen. Die Computerphilologie
lehrt Methoden, Texte digital zu erfassen und im
Internet zu publizieren. Die Kognitive Linguistik
fragt zum Beispiel danach, warum manche Kinder
Sprachstörungen entwickeln. In der Literaturwissenschaft
ist die Graphic Novel ein neues
Thema. Germanisten gehen der Frage nach, wie
Comiczeichner durch die Verbindung von Text
und Bild ihre eigenen Erzählstrukturen entwickeln.
Auch medien- und filmwissenschaftliche
Themen sind Gegenstand des Studiums. »Untersucht
werden beispielsweise die Ursprünge von
narrativen Motiven, etwa Rache oder Verrat, die
für Actionfilme typisch sind«, sagt Martin Huber,
Germanistik-Professor in Bayreuth.
An Bedeutung gewonnen haben Deutsch als
Fremdsprache (DaF) und Deutsch als Zweitsprache
(DaZ) sowie die Interkulturelle Germanistik.
DaF und DaZ sind vielerorts als Pflichtmodule
in das Lehramtsstudium integriert und
werden als eigenes Fach von mehr als 20 Universitäten
angeboten. Die Absolventen können als
Deutschlehrer im Ausland arbeiten, als Dozenten
in Sprachkursen für Einwanderer oder im Förderunterricht
für Migrantenkinder. In Interkultureller
Germanistik geht es um die Frage, wie sich
die deutsche Sprache in anderen Teilen der Welt
vermitteln lässt. Grenzüberschreitende Kommunikation
wird dabei nicht nur untersucht,
sondern auch praktiziert unter den Studenten
sind oft viele Ausländer. Neben den klassischen
viersemestrigen Masterstudiengängen sollen an
vielen Fakultäten künftig auch berufsbegleitende
Teilzeitprogramme angeboten werden.
Eignung, Hürden, Irrtümer
Nur weil er gern liest oder den Deutschunterricht
mochte, sollte niemand Germanistik studieren.
Das Studium hat wenig damit zu tun, sich gemütlich
in den neuesten Besteller zu vertiefen. »In den
ersten beiden Semestern, wenn die Grundbegriffe
der Sprach- und Literaturwissenschaft auf dem
Programm stehen, muss man sich durchbeißen«,
sagt Lena Roder, 23, die gerade das sechste Semester in Würzburg beendet und ihre Bachelorarbeit
geschrieben hat. »Vor allem zu Beginn
geht es nicht darum, eigene Ideen zu Texten zu
entwickeln, da wird eigentlich nur gepaukt.«
Dafür bietet das Fach später die Möglichkeit,
eigene Schwerpunkte zu setzen. Was man unbedingt
mitbringen muss, ist Begeisterung für Literatur.
Lena Roder erinnert sich noch gut an die
Leseliste, die im ersten Semester verteilt wurde:
»Darauf stehen ungefähr 250 Werke, die man bis
zum Ende des Studiums gelesen haben soll.«
Viele Studienanfänger unterschätzen den wissenschaftlichen
Anspruch an die Lektüre und
wundern sich, wie sperrig Texte sein können.
Manch einer kommt mit der analytischen Vorgehensweise
der Sprachwissenschaft nicht klar
oder mit der fernen Welt der Mediävistik. Doch
auch zu älteren Texten könne man einen Zugang
finden, meint Jan Lindenau, der Student aus
Berlin. Zu seinen persönlichen Studienhighlights
gehören die »Sudelbücher«, in denen der
Naturwissenschaftler Georg Christoph Lichtenberg
im 18. Jahrhundert seine alltäglichen Beobachtungen
notiert hat. »Wenn man das liest,
fühlt man sich wie auf einer Zeitreise.«
Germanistikstudenten müssen ihre Zeit
selbstständig einteilen: »Während der Semesterferien
stehen fast immer zwei oder drei Hausarbeiten
an. Die sollte man auf keinen Fall zu lang
vor sich herschieben, sonst gerät man später mit
der Bachelorarbeit in Verzug«, sagt Lindenau.
Wichtig ist auch, schnell lesen zu können. »Ich lese in jeder freien Stunde und fast jeden Abend
im Bett«, sagt Lena Roder. Ihr Tagespensum liegt
bei 30 bis 40 Seiten, Jan Lindenau arbeitet sich
in jeder Semesterwoche durch etwa 200 Seiten.
An vielen Unis gibt es örtliche Zulassungsbeschränkungen.
Bisher bewegte sich der Numerus
clausus meist irgendwo um die Note »gut«,
aber eine Zwei vor dem Komma reicht nicht
überall. In Bielefeld lag der NC im Wintersemester
2012/13 für Germanistik im Hauptfach bei
1,5 und im Nebenfach bei 1,7. In Bochum und
Paderborn musste man einen Abi-Schnitt von
1,3 haben, um für Germanistik zugelassen zu
werden. An manchen Unis (wie zum Beispiel in
Göttingen) werden die Abi-Noten in Deutsch
und Fremdsprachen stärker gewichtet.
Immer häufiger erwarten die Hochschulen
praktische Erfahrung. Bewerber an der Uni
Freiburg etwa können punkten, wenn sie schon
für eine Zeitung geschrieben oder ein Praktikum
bei einer Werbeagentur gemacht haben. Für einen
Masterplatz wird meist eine 2,0 oder 2,5 im Bachelor
verlangt, an einigen Unis gibt es Eignungstests
oder Auswahlgespräche. Insgesamt ist das
Platzangebot aber größer als die Nachfrage.
Berufsperspektiven
Jeder zweite Student, der mit Germanistik anfängt,
will später als Lehrer arbeiten. Weil für
alle anderen ein konkretes Berufsbild fehlt, sollten
diese sich schon während des Studiums mit
Praktika und Auslandsaufenthalten zusätzlich
qualifizieren. Außerdem machen die Unis unterschiedliche
Ergänzungsangebote, in Kiel etwa ein
zweisemestriges Zusatzfach Kulturmanagement.
Germanisten können in der Erwachsenenbildung
arbeiten, als Pressesprecher oder in der
Personalentwicklung von Unternehmen sowie
als Journalisten. Letzteres setzt allerdings voraus,
dass sie schon während des Studiums für Redaktionen
gearbeitet haben. Germanisten sind aber
auch als Sprachwissenschaftler in der Softwareentwicklung
tätig, man findet sie in Verlagen
oder in der Sprecherziehung, als Bibliothekare
oder als Wissenschaftler an Hochschulen.
Wie viele Geisteswissenschaftler brauchen
auch Germanisten für den Berufseinstieg oft einen
längeren Atem. Einer Studie des Hochschul-
Informations-Systems zufolge hatten 2010 knapp
60 Prozent der Absolventen innerhalb eines
Jahres eine Stelle gefunden mit einem Einstiegsgehalt
von durchschnittlich 25 700 Euro; fast
30 Prozent hatten vorher erst noch ein Praktikum
gemacht.
MITARBEIT: OLIVER BURGARD
BÜCHER UND LINKS
Udo Friedrich/Martin Huber/Ulrich Schmitz: Orientierungskurs Germanistik; 2. Aufl., Klett, Stuttgart 2009; 176 S., 14,95 Euro. Informiert über Inhalte und Fragestellungen der Germanistik.
Simone Finkele/Stefan Scherer: Germanistik studieren. Eine praxisorientierte Einführung. WBG, Darmstadt 2011; 160 S.; 14,90 Euro. Das Buch enthält praktische Hinweise zu Studienalltag und wissenschaftlichem Arbeiten.
Heinz Drügh/Susanne Komfort-Hein/Andreas Kraß u.a.: Germanistik. Sprachwissenschaft, Literaturwissenschaft, Schlüsselkompetenzen; J.B. Metzler, Stuttgart 2012; 509 S.; 29,95 Euro. Erklärt Grundbegriffe des Studiums und führt in Sprach- und Literaturgeschichte ein.
li-go.de: Der Selbstlernkurs erklärt literaturwissenschaftliche Grundbegriffe und enthält interaktive Übungen.
germanistik-im-netz.de: Online-Fachbibliothek mit News und weiterführenden Links.
germanistenverband.de: Onlineportal der Hochschulgermanistik.