Wie ist das Studium aufgebaut?
Im Bachelorstudium lernen die Studenten in
Vorlesungen, Seminaren und Übungen die drei
Schwerpunkte des Faches kennen: Sprachwissenschaft,
Literaturwissenschaft und Kulturwissenschaft,
wobei die Grenzen zwischen Literatur-
und Kulturwissenschaft oft fließend sind.
Neben breit angelegten Bachelorstudiengängen
gibt es solche, die einen Schwerpunkt setzen
der kann beispielsweise ein Land oder ein Kontinent
sein, die englische Sprachwissenschaft
oder auch Literatur und Kultur. Oft werden die
Vorlesungen und Seminare von Muttersprachlern
geleitet, manche reisen dafür aus anderen
Ländern an. »Bei uns unterrichten oft Gastprofessoren
und Dozenten aus Großbritannien und
den USA«, sagt Peter Maaß, 20, der im vierten
Semester in Potsdam Anglistik studiert.
In der Literaturwissenschaft geht es um die
Grundlagen der Literaturgeschichte und die
Methoden und Theorien der Textanalyse. Die
Studenten untersuchen Gedichte, Romane,
Dramen oder Autobiografien. Auch audiovisuelle
Medien wie Literaturverfilmungen
können Gegenstand des Studiums sein. In den
höheren Semestern setzen die Studenten Schwerpunkte.
Sie gehen dann beispielsweise der Frage
nach, wie Shakespeare in seinen Sonetten Männer-
und Frauenrollen entwirft.
Auf dem Programm stehen aber nicht nur
die Klassiker. Es kann auch um Detektivromane
oder Vampire in der Literatur gehen. »Die
meisten Kollegen sind ziemlich progressiv, was
die Auswahl der Themen angeht«, sagt Jochen
Petzold, Anglistikprofessor in Regensburg.
In der Sprachwissenschaft untersuchen die
Studenten unter anderem, warum es sprachliche
Missverständnisse gibt oder wie sich einzelne
Bestandteile von Wörtern entwickelt haben.
Bei der Analyse von Texten greifen sie oft auf
spezielle Software zurück und lernen dabei, wie
sich große Mengen von sprachlichen Daten
mithilfe des Computers auswerten lassen.
Der Schwerpunkt Kulturwissenschaft befasst
sich schließlich mit Politik, Geschichte,
Wirtschaft, Medien und Gesellschaft der jeweiligen
Regionen. »Der kulturwissenschaftliche
Teil des Studiums gefällt mir am besten, weil
man aktuelle Themen diskutieren kann«, sagt
Heike Zöller, Anglistikstudentin im dritten
Semester in Bochum. Als Beispiel nennt die
21-Jährige ein Seminar, in dem die Studenten
untersucht haben, wie Terroristen in Spielfilmen
dargestellt werden. »Das war sehr aktuell und
superspannend.« In kulturwissenschaftlichen Seminaren werden manchmal auch
TV-Serien wie Mad Men oder Lost analysiert.
Von Anglisten wird erwartet, dass sie bei
Studienabschluss fehlerfrei Englisch sprechen
und schreiben können. »Die Vorlesungen und
Referate laufen bei uns grundsätzlich auf Englisch
ab«, sagt die Bochumer Studentin Heike
Zöller. Die Diskussionen in den Seminaren
finden ebenfalls oft in der Fremdsprache statt.
»Auch außerhalb der Seminare bleiben manche
Dozenten beim Englischen«, sagt Heike Zöller.
In Sprachkursen trainieren die Studenten
neben alltäglicher Konversation vor allem das
wissenschaftliche Schreiben. »Man wird schnell
besser«, sagt Heike Zöller, die sich noch gut an
das erste Semester erinnert: Ziemlich holprig sei
ihr Schulenglisch in den ersten Wochen an der
Universität gewesen, »aber nach ein paar Monaten
lief es dann richtig flüssig«.
An einigen Fakultäten gehört ein Pflichtpraktikum
zum Anglistikstudium, an manchen
ist auch ein Aufenthalt im englischsprachigen
Ausland ins Studium integriert. »Auch wenn es
nicht überall vorgeschrieben ist, sollte man auf
jeden Fall einen Auslandsaufenthalt einplanen«,
empfiehlt der Anglistikprofessor Jochen Petzold.
»Wenn man eine Sprache studiert, gehört das
einfach dazu.« Es kann zudem nützlich sein,
schon vor dem Studienbeginn ins Ausland zu
gehen. Das verleiht Sicherheit, und man hat sich
schon einmal ein bisschen eingehört.
Gut zwei Drittel der Anglistikstudenten, die
nicht das Lehramt anstreben, schließen nach
dem Bachelorabschluss ein Masterstudium an.
Es bietet die Möglichkeit, die Schwerpunkte des
Bachelorstudiums zu vertiefen und sich weiter zu
spezialisieren: beispielsweise auf Literatur- oder
Sprachwissenschaft oder auch den US-amerikanischen
Kulturraum.
Neue Entwicklungen
Immer mehr Anglistikstudiengänge beziehen
andere Fächer ein. In Darmstadt zum Beispiel
kann man einen sogenannten Joint-Bachelor
belegen, in dem Anglistik mit Geschichte und
Philosophie, aber auch mit Wirtschaftswissenschaften,
Sportwissenschaften oder Informatik
kombiniert werden kann. Die Verbindung Anglistik
plus Wirtschaft gibt es unter anderem in
Passau (Kulturwirtschaft/International Cultural
and Business Studies) und Kassel (English and
American Culture and Business Studies). Die
Anglistik wird aber auch mit geschichts- und
sozialwissenschaftlichen Fragen zusammengebracht (Advanced Anglophone Studies in Hannover),
mit Skandinavistik und Germanistik
(Intercultural Linguistics: Germanische Gegenwartssprachen
in Greifswald) oder mit kulturwissenschaftlichen
Themen (Kulturwissenschaften
Culture, Arts and Media in Lüneburg). Einen
interdisziplinären Ansatz verfolgt auch der Bachelorstudiengang
Global Humanities an der Bremer
Jakobs-Universität, der zum Wintersemester
2013/14 starten soll und Anglistik mit sozial- und
medienwissenschaftlichen Themen kombiniert.
In den vergangenen Jahren ist die Aufmerksamkeit
für die Sprachen und Kulturen Indiens,
Kanadas, Australiens, Afrikas und der Karibik
gewachsen. Auch Dialekte und die sogenannten
Kreolsprachen in den ehemaligen britischen
Kolonien sind Gegenstand der Forschung. Entsprechende
Masterstudiengänge werden unter
anderem in Bayreuth (African Language Studies)
oder in Münster (British, American and Postcolonial
Studies) angeboten.
Die mittelalterliche Anglistik hat in den vergangenen
Jahren an Bedeutung verloren, an
vielen Hochschulen wurde sie sogar von den
Lehrplänen gestrichen. Dafür stehen mehr berufsbezogene
Zusatzqualifikationen auf dem
Programm: So besuchen die Studenten unter
anderem Kurse in PowerPoint und Rhetorik.
Eignung, Hürden, Irrtümer
Für Anglistikstudenten ist es wichtig, keine
Angst vor der gesprochenen Sprache zu haben.
»Unser Studium lebt davon, dass man sich in den
Seminaren beteiligt. Für Leute, die einfach nur
zuhören wollen, ist Anglistik nicht das Richtige«,
sagt Peter Maaß, der Student aus Potsdam. Das
Sprechen fällt leichter, wenn man sich vor dem
Studienbeginn in seiner Freizeit mit englischsprachigen
Medien beschäftigt hat. »Englische
und amerikanische Kinofilme sollte man sich
möglichst in der Originalversion anschauen und
auch mal das eine oder andere englischsprachige
Buch in die Hand nehmen«, rät Peter Maaß. Im
ersten Semester allerdings scheint es manchmal
so, als spiele das Sprechen doch keine so wichtige
Rolle, denn die Studenten arbeiten zunächst
einmal den Stoff aus den Einführungsveranstaltungen
durch, und es gibt noch nicht so viele
Gelegenheiten zum Diskutieren. »Das ändert
sich dann aber sehr schnell«, betont Peter Maaß.
Die Universität Freiburg hat ihre Studenten
gefragt, welche Vorurteile gegenüber der Anglistik
sich ihrer Meinung nach am hartnäckigsten halten.
Folgende Antworten stehen oben auf der Liste: »Hier lerne ich in erster Linie Englisch« und
»Es ist wie Englischunterricht in der Schule, nur
mehr davon«. Diese Vorstellungen sind falsch.
Schließlich ist Anglistik eine Wissenschaft und
kein Intensivsprachkurs auch wenn das Englischsprechen
eine wichtige Rolle spielt. An manchen Universitäten muss man als Anglistikstudent
eine zweite Fremdsprache belegen.
Manchmal ist auch das Latinum Pflicht. Es kann
zwar meist während des Studiums nachgeholt
werden, allerdings verursacht das bei vielen großen
Stress. Eine Herausforderung sind auch die
mittelalterlichen Texte, die an traditionsbewussten
Unis weiterhin auf den Lehrplänen stehen,
sowie die sprachwissenschaftlichen Seminare, die
überall belegt werden müssen. »Die Seminare zur
Grammatik fand ich ziemlich trocken, da musste
ich mich durchbeißen«, sagt Heike Zöller. Unbedingt
mitbringen sollte man Leidenschaft für
Literatur. »Wer in seiner Freizeit nicht gern liest,
wird mit einem Anglistikstudium nicht glücklich
werden«, betont der Professor Jochen Petzold.
Die Universität Freiburg hat einen Selbsttest
entwickelt, mit dem Interessenten herausfinden
können, ob ein Anglistikstudium zu ihnen passt
(siehe Linkliste am Ende dieses Artikels). Viele
Hochschulen prüfen vor der Zulassung die
Sprachkenntnisse. Einigen reicht dafür die englische
Abi-Note, andere verlangen zusätzlich einen
Englischtest wie TOEFL (Test of English as a
Foreign Language) oder IELTS (International
English Language Testing System). Manche laden
selber zum Test, lassen die Bewerber Lückentexte
ergänzen oder Essays schreiben. Beispiele für
solche Tests finden sich im Netz (siehe Linkliste).
Für den Übergang zum Masterstudium sollte
man den Bachelor in etwa mit einem »gut«
abgeschlossen haben, in der Regel gilt es zudem,
ein Auswahlverfahren zu überstehen. Meist reichen
die Plätze. In großen Städten wie München
oder Berlin, die bei den Studenten besonders
beliebt sind, kann es jedoch manchmal Engpässe
bei der Masterzulassung geben.
Berufsperspektiven
Angehende Anglisten, die nicht Lehrer werden
wollen, sollten sich schon während des Studiums
intensiv um Zusatzqualifikationen bemühen. Ein
wichtiges Mittel sind Praktika; sie helfen, eine
bessere Vorstellung von der Arbeitswelt und den
eigenen Berufszielen zu bekommen. Wie bei
Geisteswissenschaftlern generell ist der Berufseinstieg
von Anglisten oft langwierig und selbstständige
Projektarbeit zu Beginn häufig. Eine
Studie des Hochschul-Informations-Systems von
2010 ergab, dass nur gut 40 Prozent der Absolventen
ein Jahr nach dem Abschluss eine reguläre
Stelle gefunden hatten. Im Laufe der folgenden
Jahre stieg diese Quote jedoch an. Es handelte
sich also vor allem um Startschwierigkeiten, die nach und nach überwunden wurden. Im Schnitt
erhielten die befragten Anglistikabsolventen ein
Einstiegsgehalt von 30 400 Euro pro Jahr.
Auch nach einem Masterstudium gibt es für
Anglisten kein eindeutiges Berufsbild. Man
findet sie unter anderem als Kuratoren an Kulturinstituten,
als Dokumentare in Bibliotheken,
als Journalisten in Redaktionen oder als Mitarbeiter
von Unternehmensberatungen. Sie bilden
Erwachsene weiter, managen Events oder entwickeln
Übersetzungssoftware. Da sich Anglisten
meist sicher im Ausland bewegen und gut
kommunizieren können, sind sie auch bei international
tätigen Firmen und bei Nichtregierungsorganisationen
gefragt. Allerdings bekommen sie
hier zunehmend Konkurrenz, weil auch andere
Studiengänge wie die Rechts- oder Wirtschaftswissenschaften
immer internationaler werden.
Etwa zehn Prozent der Anglisten promovieren,
Tendenz steigend. In einigen Branchen,
zum Beispiel im Verlagswesen, kann eine Promotion
nützlich sein, ein Garant für eine wissenschaftliche
Laufbahn ist sie jedoch nicht.
MITARBEIT: OLIVER BURGARD
BÜCHER UND LINKS
Uwe Böker/Christof Houswitschka (Hrsg.): Einführung in die Anglistik und Amerikanistik. 2., überarbeitete Auflage; C. H. Beck, München 2008; 424 S., 19,90 Euro. Verständliche Einführung in die anglofone Sprach- und Literaturwissenschaft.
Ansgar Nünning (Hrsg.): Uni Wissen Anglistik/Amerikanistik. Klett-Verlag, Stuttgart. Reihe mit zahlreichen Titeln zur Sprach-
und Literaturwissenschaft, darunter auch »Grundkurse«, die Basiswissen vermitteln.
Michael Meyer: English and American Literatures. 4. überarb. Aufl.; UTB Basics, Stuttgart 2011; 246 S.; 16,90 Euro. Englischsprachige Einführung in die Methoden und Theorien der Literaturwissenschaft.
Thomas Berg: Anglistische Sprachwissenschaft. UTB Basics, Stuttgart 2013; 280 S.; 18,99 Euro. Die Einführung erklärt die wichtigsten Begriffe und Methoden und hilft Studienanfängern, sich in der abstrakten Welt der Sprachwissenschaft zurechtzufinden.
anglistenverband.de: Bietet einen Überblick über Unis mit Anglistik oder Amerikanistik.
englischlehrer.de: Nicht nur für Englischlehrer! Eine Fundgrube für alle, die Anglistik studieren möchten.
bit.ly/zs13sprachtest: Diese Demoversion der Uni Münster zeigt, wie ein Sprachtest aussehen kann. Man muss unter Zeitdruck Lückentexte vervollständigen.
bit.ly/zs13anglistik: Ist Anglistik das Richtige für mich? Die Universität Freiburg bietet einen Selbsttest.