CHE Hochschulranking 2013/14

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  • KURZ-INFO Erziehungswissenschaftler entwickeln Konzepte, wie man Menschen unterstützt und fördert. Viele Studiengänge befassen sich mit Vorschulbildung. Die Studenten wenden ihr Wissen in Projekten an. Statt in sozialen Brennpunkten arbeiten viele Erziehungswissenschaftler am Schreibtisch. VON MISCHA TÄUBNER

    Worum geht es?
    Erziehungswissenschaftler befassen sich mit Menschen aller Altersgruppen, die sich in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen befinden. Die Erziehungswissenschaft, auch Pädagogik oder Bildungswissenschaft genannt, fragt beispielsweise, wie man Zuwanderer fördert, wie man die Weiterbildung von Erwachsenen organisiert oder wie alten Menschen geholfen werden kann, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Erziehungswissenschaftler untersuchen aber auch, wie sich der Medienkonsum auf das kindliche Verhalten auswirkt oder wie man Bildung in Kindergarten und Schule gestalten soll. »Das Studium vermittelt viele theoretische Ansätze, mit deren Hilfe man Menschen fördern kann«, sagt Ralf Parade, 27. Er studiert im zweiten Semester Erziehungswissenschaft an der Uni Halle-Wittenberg und hat vorher eine Ausbildung zum Erzieher gemacht.

  • Wie ist das Studium aufgebaut?
    Es gibt drei Varianten, in denen man Erziehungswissenschaft studieren kann: ein reines Studium der Erziehungswissenschaft, die Kombination mit einem zweiten Hauptfach und die mit einem Nebenfach. Die überwiegende Mehrheit der Studiengänge sind Ein-Fach-Bachelors. In diese sind meist auch Module anderer Fächer eingebaut, zum Beispiel aus der Psychologie, der Soziologie oder der Kriminologie. Die Hochschulen haben sich auf einen Kernstudienplan geeinigt, der für eine gewisse Einheitlichkeit sorgt. Trotzdem setzt jede Hochschule eigene Schwerpunkte. In Hamburg gibt es unter anderem den Schwerpunkt interkulturelle Pädagogik, an der LMU München und der Uni Bochum die Erwachsenenbildung, an den Unis in Kassel und Mainz die Sozial- und Medienpädagogik. In Münster, wo sich einer der größten erziehungswissenschaftlichen Fachbereiche Deutschlands befindet, können die Studenten Schul- und Unterrichtsforschung, Sozialpädagogik, Erwachsenenbildung oder Bildungstheorien als Schwerpunkt wählen. Die Studenten beschäftigen sich zu Beginn des Studiums mit den Grundbegriffen der Erziehungswissenschaft und fragen beispielsweise, was Sozialisation, Lernen und Bildung eigentlich bedeuten. Sie setzen sich mit den Formen pädagogischen Handelns auseinander: erziehen, unterrichten, beraten, beurteilen, planen. Behandelt werden aber auch Gesetze und der Aufbau des Bildungssystems: Welche Einrichtungen gibt es? Was regelt das Kinder- und Jugendhilfegesetz? »Wenn wir zum Beispiel über soziale Ungleichheit diskutieren, müssen wir die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und die politischen Vorgaben kennen«, sagt Karin Böllert, Professorin für Sozialpädagogik an der Universität Münster. Erziehungswissenschaftler forschen qualitativ und quantitativ. Qualitativ, wenn sie etwa Familienmitglieder von der Großmutter bis zum Enkel interviewen und daraus Schlüsse auf das Generationenverhältnis ziehen. Quantitativ, wenn sie die Ergebnisse von Bildungsvergleichsstudien wie Pisa auswerten. Sie erörtern aber auch philosophisch, was gute Erziehung sein sollte. Dafür beschäftigen sich die Studenten mit Denkern wie Johann Heinrich Pestalozzi oder Pierre Bourdieu. Neben den Vorlesungen gibt es häufig Projektseminare, bei denen die Studenten zum Beispiel mit Jugendlichen aus Problemvierteln Theater spielen. »Es ist gut, wenn man kontaktfreudig ist und gern mit anderen zusammenarbeitet «, sagt Kathrin Gemmeke, 22, die im sechsten Semester an der TU Braunschweig studiert. »In Seminaren üben wir zum Beispiel auch, wie man in einem Gespräch dem Gegenüber richtig zuhört und ihm Rückmeldungen gibt.« An vielen Unis gehört ein Praktikum zum Studium. Die Studenten absolvieren es in einer sozialen Einrichtung (zum Beispiel in der Behindertenhilfe oder in Einrichtungen des betreuten Wohnens), beim Jugendamt, in einer Schule oder im Kindergarten. Im Bachelor dient das Praktikum der beruflichen Orientierung, im Master ist es oft Teil eines Forschungsprojekts. Die Masterstudenten gehen dann einer Forschungsfrage nach, zum Beispiel versuchen sie herauszufinden, ob sich Migrantenkinder im Schulunterricht anders verhalten als die übrigen Kinder. Gut 60 Prozent der Pädagogen machen nach ihrem Bachelor an der Uni noch den Master, ergab eine Absolventenstudie des Hochschul-Informations- Systems von 2010. Die Masterstudiengänge konzentrieren sich auf einen der klassischen Zweige der Erziehungswissenschaft: Sozialpädagogik, Schulpädagogik, Erwachsenenbildung oder Medienpädagogik. Je nach Schwerpunkt werden dabei Theorien, Forschungsmethoden und rechtliche Bedingungen vertieft. Häufiger als im Bachelor geschieht dies durch Fallstudien, bei denen man etwa am Beispiel einer Familie überprüft, wie sich ein verhaltensauffälliges Kind aus einem sozial schwachen Umfeld fördern lässt. Da sich die Programme stark unterscheiden und jede Uni andere Zulassungsbedingungen stellt, kann ein Ortswechsel nach dem Bachelor kompliziert werden – also rechtzeitig erkundigen.



    Neue Entwicklungen
    Große Bedeutung wird in der Erziehungswissenschaft der Bildungsentwicklung vor dem Schuleintritt beigemessen: der sogenannten Elementarpädagogik, die sich mit Kindern zwischen null und sechs Jahren beschäftigt. Politiker fordern seit einiger Zeit eine stärker wissenschaftliche Ausbildung der Erzieher in den Kindergärten. Immer mehr Hochschulen bieten den Schwerpunkt Frühe Kindheit oder den Studiengang Pädagogik der Kindheit an. Einen Bachelor in Elementarpädagogik kann man zum Beispiel an den Pädagogischen Hochschulen in Baden-Württemberg oder an der Fachhochschule in Erfurt (Pädagogik der Kindheit) belegen. Auch an Universitäten werden vereinzelt spezielle Bachelors in Elementarpädagogik angeboten, etwa in Gießen (Bildung und Förderung in der Kindheit). Für die Absolventen solcher Studiengänge wird derzeit die Berufsbezeichnung Kindheitspädagoge/-in bundesweit eingeführt. Die Absolventen können zum Beispiel in Krippen, in Kindertagesstätten, bei betrieblichen Tageseinrichtungen oder in Frühförderstellen Arbeit finden. Der Fachbereich Sozialpädagogik gewinnt ebenfalls an Bedeutung. Hier beschäftigen sich Forscher und Studenten unter anderem mit der Gewaltbereitschaft von Jugendlichen. Erziehungswissenschaftler erforschen aber auch vermehrt, wie man sexualisierter Gewalt vorbeugen kann und was man unternimmt, wenn es doch zu einem Übergriff kommt. Dieses Wissen soll künftig im Studium noch stärker vermittelt werden. Seit der ersten Pisa-Studie aus dem Jahr 2000 wird darüber diskutiert, wie man den Schulalltag in Deutschland so organisieren kann, dass die Schüler besser lernen. Eine solche Schulforschung betreiben unter anderem die Freie und die Humboldt- Universität in Berlin sowie die Unis in Dortmund, Hamburg, Münster und Wuppertal.



    Eignung, Hürden, Irrtümer
    Viele glauben, Erziehungswissenschaft sei nur etwas für angehende Lehrer. Richtig ist: Zur Lehrerausbildung gehört auch Pädagogik, doch wer sich für ein Studium der Erziehungswissenschaft entscheidet, beschäftigt sich vor allem mit Bildung und Erziehung außerhalb der Schule. Dabei können sich die Studenten genauso auf Kinder und Jugendliche spezialisieren wie auf Erwachsenenbildung und Weiterbildung, denn die Erziehungswissenschaft ist breit angelegt. Kathrin Gemmeke hat während ihres Studiums entdeckt, dass sie sich für Personalwesen interessiert. Besonders spannend fand sie ein Seminar über Personalauswahl: »Wir haben gelernt, wie man einen Persönlichkeitstest entwickelt und worauf Personalverantwortliche bei Bewerbungsgesprächen achten müssen.« Sie kann sich gut vorstellen, später in einer Personalabteilung zu arbeiten. Wer Erziehungswissenschaft studieren will, sollte sich gern mit philosophischen und psychologischen Texten auseinandersetzen. Dabei sind analytische Fähigkeiten wichtig. Ralf Parade zum Beispiel hat gerade eine Hausarbeit über »Das Problem der Autonomie in der Pädagogik« geschrieben: »Ich habe untersucht, inwieweit man ein Kind zur Selbstbestimmung erziehen kann, wo doch jede Erziehung ein fremdbestimmter Einfluss ist.« Das wissenschaftliche Arbeiten mit theoretischen Ansätzen mache ihm Spaß. Kathrin Gemmeke hat genau das zuerst etwas Mühe bereitet. Sie sagt: »Ich habe ein naturwissenschaftliches Abi gemacht. Ich musste erst lernen, dass mehrere Theorien nebeneinanderstehen können und es nicht nur richtig oder falsch gibt.« Erziehungswissenschaft wird überwiegend von Frauen studiert, nur zwanzig Prozent der Erstsemester sind Männer. Über die Zulassung zum Bachelor (und auch zum Master) entscheidet ein Numerus clausus, der häufig um die Note »gut« kreist. Alles in allem gibt es genügend Studienplätze, es kann aber sein, dass es nicht bei jedem an der jeweiligen Wunsch-Uni klappt. Manche Universitäten laden Bewerber zu Auswahlgesprächen ein, andere verlangen einen Aufsatz zu einem vorgegebenen Thema.

    Berufsperspektiven
    Erziehungswissenschaftler arbeiten nicht als Super nanny, die immer dort zur Stelle ist, wo es brennt. Häufig sind sie konzeptionell tätig, das heißt, sie arbeiten zwar oft mit Menschen, sitzen aber auch viel am Schreibtisch. Der größte Teil der Absolventen ist bei sozialen Einrichtungen tätig, etwa in der Kinder- und Jugendhilfe, in der Familienberatung oder auf Sozialstationen. Stellen für Erziehungswissenschaftler gibt es auch bei Kommunen und in Jugendämtern. Weitere Jobs finden sie bei Familienbildungsstätten, bei Arbeitsagenturen, in der Ausländerbehörde sowie bei freien und kirchlichen Trägern sozialer Einrichtungen. Pädagogen mit Schwerpunkt Erwachsenenbildung können in leitenden Positionen in Volkshochschulen arbeiten, als Trainer in der betrieblichen Weiterbildung oder als Entwickler von Lernmaterialien in Verlagen. Immer häufiger werden Erziehungswissenschaftler in der Personalentwicklung eingesetzt. Einer Studie des Hochschul-Informations- Systems in Hannover von 2010 zufolge hatten knapp 80 Prozent der Absolventen innerhalb von zwölf Monaten eine Stelle gefunden. Den Berufseinstieg schafften die Erziehungswissenschaftler häufig über befristete Projekte oder Elternzeitvertretungen. Die Einstiegsgehälter waren eher bescheiden und lagen bei rund 29 000 Euro.

    MITARBEIT: FRIEDERIKE LÜBKE

    BÜCHER UND LINKS
    Hans-Christoph Koller: Grundbegriffe, Theorien und Methoden der Erziehungswissenschaft. 6. Aufl., Kohlhammer, Stuttgart 2011; 248 S., 18,90 Euro. Einführung in die Erziehungswissenschaft um die Begriffe Erziehung, Bildung und Sozialisation.

    Hannelore Faulstich-Wieland/Peter Faulstich: BA-Studium Erziehungswissenschaft; Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2006; 345 S., 9,90 Euro. Erklärt Grundbegriffe und Methoden und informiert darüber, wo Pädagogen arbeiten.

    Heinz-Hermann Krüger/Thomas Rauschenbach (Hrsg.): Einführung in die Arbeitsfelder des Bildungs- und Sozialwesens. 5. grundlegend erw. und aktual. Auflage; UTB, Stuttgart 2012; 429 S., 24,99 Euro. Beschreibt die unterschiedlichsten Berufsfelder von Pädagogen.

    bv-paed.de/studienstandorte: Infos zu Orten und Studiengängen sowie zum Studienstart.

    dgfe.de: Gbit Literaturtipps und Hinweise auf Tagungen und Workshops. Mit Links zum Stellenmarkt Bildung.

  • Überblick der Studienangebote für das Fach in der ZEIT ONLINE Studiengangsuche

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