Wie ist das Studium aufgebaut?
Es gibt drei Varianten, in denen man Erziehungswissenschaft
studieren kann: ein reines Studium
der Erziehungswissenschaft, die Kombination mit
einem zweiten Hauptfach und die mit einem
Nebenfach. Die überwiegende Mehrheit der
Studiengänge sind Ein-Fach-Bachelors. In diese
sind meist auch Module anderer Fächer eingebaut,
zum Beispiel aus der Psychologie, der Soziologie
oder der Kriminologie. Die Hochschulen
haben sich auf einen Kernstudienplan geeinigt,
der für eine gewisse Einheitlichkeit sorgt. Trotzdem
setzt jede Hochschule eigene Schwerpunkte.
In Hamburg gibt es unter anderem den Schwerpunkt
interkulturelle Pädagogik, an der LMU
München und der Uni Bochum die Erwachsenenbildung,
an den Unis in Kassel und Mainz die
Sozial- und Medienpädagogik. In Münster, wo
sich einer der größten erziehungswissenschaftlichen
Fachbereiche Deutschlands befindet, können
die Studenten Schul- und Unterrichtsforschung,
Sozialpädagogik, Erwachsenenbildung
oder Bildungstheorien als Schwerpunkt wählen.
Die Studenten beschäftigen sich zu Beginn des
Studiums mit den Grundbegriffen der Erziehungswissenschaft
und fragen beispielsweise, was
Sozialisation, Lernen und Bildung eigentlich
bedeuten. Sie setzen sich mit den Formen pädagogischen
Handelns auseinander: erziehen, unterrichten,
beraten, beurteilen, planen. Behandelt
werden aber auch Gesetze und der Aufbau des
Bildungssystems: Welche Einrichtungen gibt es?
Was regelt das Kinder- und Jugendhilfegesetz?
»Wenn wir zum Beispiel über soziale Ungleichheit
diskutieren, müssen wir die gesellschaftlichen
Rahmenbedingungen und die politischen Vorgaben
kennen«, sagt Karin Böllert, Professorin für
Sozialpädagogik an der Universität Münster.
Erziehungswissenschaftler forschen qualitativ
und quantitativ. Qualitativ, wenn sie etwa Familienmitglieder
von der Großmutter bis zum Enkel
interviewen und daraus Schlüsse auf das Generationenverhältnis
ziehen. Quantitativ, wenn sie die
Ergebnisse von Bildungsvergleichsstudien wie
Pisa auswerten. Sie erörtern aber auch philosophisch,
was gute Erziehung sein sollte. Dafür
beschäftigen sich die Studenten mit Denkern wie
Johann Heinrich Pestalozzi oder Pierre Bourdieu.
Neben den Vorlesungen gibt es häufig Projektseminare,
bei denen die Studenten zum Beispiel
mit Jugendlichen aus Problemvierteln
Theater spielen. »Es ist gut, wenn man kontaktfreudig
ist und gern mit anderen zusammenarbeitet
«, sagt Kathrin Gemmeke, 22, die im sechsten
Semester an der TU Braunschweig studiert. »In
Seminaren üben wir zum Beispiel auch, wie man in einem Gespräch dem Gegenüber richtig zuhört
und ihm Rückmeldungen gibt.«
An vielen Unis gehört ein Praktikum zum
Studium. Die Studenten absolvieren es in einer
sozialen Einrichtung (zum Beispiel in der Behindertenhilfe
oder in Einrichtungen des betreuten
Wohnens), beim Jugendamt, in einer Schule oder
im Kindergarten. Im Bachelor dient das Praktikum
der beruflichen Orientierung, im Master ist
es oft Teil eines Forschungsprojekts. Die Masterstudenten
gehen dann einer Forschungsfrage
nach, zum Beispiel versuchen sie herauszufinden,
ob sich Migrantenkinder im Schulunterricht
anders verhalten als die übrigen Kinder.
Gut 60 Prozent der Pädagogen machen nach
ihrem Bachelor an der Uni noch den Master, ergab
eine Absolventenstudie des Hochschul-Informations-
Systems von 2010. Die Masterstudiengänge
konzentrieren sich auf einen der klassischen
Zweige der Erziehungswissenschaft: Sozialpädagogik,
Schulpädagogik, Erwachsenenbildung
oder Medienpädagogik. Je nach Schwerpunkt
werden dabei Theorien, Forschungsmethoden
und rechtliche Bedingungen vertieft. Häufiger als
im Bachelor geschieht dies durch Fallstudien, bei
denen man etwa am Beispiel einer Familie überprüft,
wie sich ein verhaltensauffälliges Kind aus
einem sozial schwachen Umfeld fördern lässt. Da
sich die Programme stark unterscheiden und jede
Uni andere Zulassungsbedingungen stellt, kann
ein Ortswechsel nach dem Bachelor kompliziert
werden also rechtzeitig erkundigen.
Neue Entwicklungen
Große Bedeutung wird in der Erziehungswissenschaft
der Bildungsentwicklung vor dem Schuleintritt
beigemessen: der sogenannten Elementarpädagogik,
die sich mit Kindern zwischen null
und sechs Jahren beschäftigt. Politiker fordern seit
einiger Zeit eine stärker wissenschaftliche Ausbildung
der Erzieher in den Kindergärten. Immer
mehr Hochschulen bieten den Schwerpunkt
Frühe Kindheit oder den Studiengang Pädagogik
der Kindheit an. Einen Bachelor in Elementarpädagogik
kann man zum Beispiel an den Pädagogischen
Hochschulen in Baden-Württemberg
oder an der Fachhochschule in Erfurt (Pädagogik
der Kindheit) belegen. Auch an Universitäten
werden vereinzelt spezielle Bachelors in Elementarpädagogik
angeboten, etwa in Gießen (Bildung
und Förderung in der Kindheit). Für die Absolventen
solcher Studiengänge wird derzeit die
Berufsbezeichnung Kindheitspädagoge/-in bundesweit
eingeführt. Die Absolventen können zum Beispiel in Krippen, in Kindertagesstätten,
bei betrieblichen Tageseinrichtungen oder
in Frühförderstellen Arbeit finden.
Der Fachbereich Sozialpädagogik gewinnt
ebenfalls an Bedeutung. Hier beschäftigen sich
Forscher und Studenten unter anderem mit der
Gewaltbereitschaft von Jugendlichen. Erziehungswissenschaftler
erforschen aber auch vermehrt,
wie man sexualisierter Gewalt vorbeugen kann
und was man unternimmt, wenn es doch zu einem
Übergriff kommt. Dieses Wissen soll künftig
im Studium noch stärker vermittelt werden.
Seit der ersten Pisa-Studie aus dem Jahr 2000
wird darüber diskutiert, wie man den Schulalltag
in Deutschland so organisieren kann, dass die Schüler besser lernen. Eine solche Schulforschung
betreiben unter anderem die Freie und die Humboldt-
Universität in Berlin sowie die Unis in
Dortmund, Hamburg, Münster und Wuppertal.
Eignung, Hürden, Irrtümer
Viele glauben, Erziehungswissenschaft sei nur
etwas für angehende Lehrer. Richtig ist: Zur Lehrerausbildung
gehört auch Pädagogik, doch wer
sich für ein Studium der Erziehungswissenschaft
entscheidet, beschäftigt sich vor allem mit Bildung
und Erziehung außerhalb der Schule. Dabei können
sich die Studenten genauso auf Kinder und
Jugendliche spezialisieren wie auf Erwachsenenbildung
und Weiterbildung, denn die Erziehungswissenschaft
ist breit angelegt. Kathrin Gemmeke
hat während ihres Studiums entdeckt, dass sie sich
für Personalwesen interessiert. Besonders spannend
fand sie ein Seminar über Personalauswahl:
»Wir haben gelernt, wie man einen Persönlichkeitstest
entwickelt und worauf Personalverantwortliche
bei Bewerbungsgesprächen achten
müssen.« Sie kann sich gut vorstellen, später in
einer Personalabteilung zu arbeiten.
Wer Erziehungswissenschaft studieren will,
sollte sich gern mit philosophischen und psychologischen
Texten auseinandersetzen. Dabei sind
analytische Fähigkeiten wichtig. Ralf Parade zum
Beispiel hat gerade eine Hausarbeit über »Das
Problem der Autonomie in der Pädagogik« geschrieben:
»Ich habe untersucht, inwieweit man
ein Kind zur Selbstbestimmung erziehen kann,
wo doch jede Erziehung ein fremdbestimmter
Einfluss ist.« Das wissenschaftliche Arbeiten mit
theoretischen Ansätzen mache ihm Spaß. Kathrin
Gemmeke hat genau das zuerst etwas Mühe bereitet.
Sie sagt: »Ich habe ein naturwissenschaftliches
Abi gemacht. Ich musste erst lernen, dass
mehrere Theorien nebeneinanderstehen können
und es nicht nur richtig oder falsch gibt.«
Erziehungswissenschaft wird überwiegend
von Frauen studiert, nur zwanzig Prozent der Erstsemester sind Männer. Über die Zulassung
zum Bachelor (und auch zum Master) entscheidet
ein Numerus clausus, der häufig um die
Note »gut« kreist. Alles in allem gibt es genügend
Studienplätze, es kann aber sein, dass es nicht
bei jedem an der jeweiligen Wunsch-Uni klappt.
Manche Universitäten laden Bewerber zu Auswahlgesprächen
ein, andere verlangen einen
Aufsatz zu einem vorgegebenen Thema.
Berufsperspektiven
Erziehungswissenschaftler arbeiten nicht als
Super nanny, die immer dort zur Stelle ist, wo es
brennt. Häufig sind sie konzeptionell tätig, das
heißt, sie arbeiten zwar oft mit Menschen, sitzen
aber auch viel am Schreibtisch. Der größte Teil
der Absolventen ist bei sozialen Einrichtungen
tätig, etwa in der Kinder- und Jugendhilfe, in
der Familienberatung oder auf Sozialstationen.
Stellen für Erziehungswissenschaftler gibt es
auch bei Kommunen und in Jugendämtern. Weitere
Jobs finden sie bei Familienbildungsstätten,
bei Arbeitsagenturen, in der Ausländerbehörde
sowie bei freien und kirchlichen Trägern sozialer
Einrichtungen. Pädagogen mit Schwerpunkt Erwachsenenbildung
können in leitenden Positionen
in Volkshochschulen arbeiten, als Trainer in
der betrieblichen Weiterbildung oder als Entwickler
von Lernmaterialien in Verlagen. Immer
häufiger werden Erziehungswissenschaftler in
der Personalentwicklung eingesetzt.
Einer Studie des Hochschul-Informations-
Systems in Hannover von 2010 zufolge hatten
knapp 80 Prozent der Absolventen innerhalb von
zwölf Monaten eine Stelle gefunden. Den Berufseinstieg
schafften die Erziehungswissenschaftler
häufig über befristete Projekte oder Elternzeitvertretungen.
Die Einstiegsgehälter waren eher
bescheiden und lagen bei rund 29 000 Euro.
MITARBEIT: FRIEDERIKE LÜBKE
BÜCHER UND LINKS
Hans-Christoph Koller: Grundbegriffe, Theorien und Methoden der Erziehungswissenschaft. 6. Aufl., Kohlhammer, Stuttgart 2011; 248 S., 18,90 Euro. Einführung in die Erziehungswissenschaft um die Begriffe Erziehung, Bildung und Sozialisation.
Hannelore Faulstich-Wieland/Peter
Faulstich: BA-Studium Erziehungswissenschaft; Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2006; 345 S., 9,90 Euro. Erklärt Grundbegriffe und Methoden und informiert darüber, wo Pädagogen arbeiten.
Heinz-Hermann Krüger/Thomas Rauschenbach (Hrsg.): Einführung in die Arbeitsfelder des Bildungs- und Sozialwesens. 5. grundlegend erw. und aktual. Auflage; UTB, Stuttgart 2012; 429 S., 24,99 Euro. Beschreibt die unterschiedlichsten Berufsfelder von Pädagogen.
bv-paed.de/studienstandorte: Infos zu Orten und Studiengängen sowie zum Studienstart.
dgfe.de: Gbit Literaturtipps und Hinweise auf Tagungen und Workshops. Mit Links zum Stellenmarkt Bildung.