Wie ist das Studium aufgebaut?
Mediziner brauchen Ausdauer: Bis zum zweiten
Abschnitt der Ärztlichen Prüfung so heißt das
zweite Staatsexamen offiziell beträgt die Regelstudienzeit
sechs Jahre und drei Monate. Danach
kann man zwar die Approbation beantragen, also
die Erlaubnis, als Arzt zu arbeiten, aber um eine
Praxis zu eröffnen oder Oberarzt zu werden, ist
die Weiterbildung zum Facharzt Pflicht. Sie
dauert fünf bis sieben Jahre, in denen Mediziner
meist als Assistenzärzte in einer Klinik arbeiten.
Das Studium ist in der Regel in zwei Abschnitte
geteilt: die Vorklinik und die klinische
Ausbildung. Die drei großen Fächer in der Vorklinik
sind Anatomie, Physiologie und Biochemie;
hinzu kommen Physik, Chemie, Biologie,
Terminologie sowie Medizinische Psychologie
und Soziologie. Was die Medizinstudenten in
den Anatomie-Vorlesungen lernen, vertiefen sie
im Präparierkurs: Sie öffnen Leichen. »Am Anfang
ist das seltsam. Man muss damit fertig
werden, dass man gerade einen Menschen zerschneidet
aber dann überwiegt schnell die
Faszination am Wissen«, sagt Anne Mercier, die
im sechsten Semester studiert.
Die typische Unterrichtsform in der Vorklinik ist
die Vorlesung; hinzu kommen Seminare, Laborpraktika
und der Präparierkurs. In den Semesterferien
absolvieren die Studenten einen Erste-
Hilfe-Kurs und ein dreimonatiges Krankenpflegepraktikum.
Nach frühestens vier Semestern
kommt die erste große Prüfung: der erste Teil der
Ärztlichen Prüfung (früher Physikum). An zwei
Tagen müssen die Studenten mehr als 300 Multiple-
Choice-Fragen beantworten und drei
mündliche Prüfungen in Anatomie, Physiologie
und Biochemie bestehen.
Danach beginnt der klinische Abschnitt mit
22 Disziplinen von der Arbeitsmedizin bis zur
Pharmakologie sowie 13 fächerübergreifenden
Querschnittsbereichen wie medizinische Informatik
und Gesundheitsökonomie. Zuletzt hinzugekommen
ist die Palliativmedizin, also die
Behandlung sterbender Patienten. An den Berufsalltag
führen mehrtägige Kleingruppen-Blockpraktika
von meist vier bis zehn Studenten in
Universitätskliniken und Lehrkrankenhäusern
heran. In der Klinik schauen die Studenten den
Ärzten beim Operieren zu und lernen Untersuchungstechniken:
Wie höre ich einen Lungenkranken
ab? Liegt ein Kreuzbandriss vor, oder ist
das Band vielleicht nur gedehnt? Wunden zu
nähen lernt man im Nahtkurs oft zuerst an
Schweinehaut. Im klinischen Abschnitt leisten die
Studenten während der vorlesungsfreien Zeit ihre
Famulatur ab Praktika von insgesamt vier
Monaten, die sie teils in einer Arztpraxis, teils auf
Station im Krankenhaus verbringen.
Anders als bisher wird vom Mai 2014 an noch
vor dem letzten Studienjahr, dem Praktischen
Jahr (PJ), der schriftliche Teil der Ärztlichen
Prüfung abgelegt. An mehreren Tagen hintereinander
wird das Wissen aus allen Bereichen der
Medizin geprüft, je einige Stunden am Stück in
Multiple-Choice-Tests. Erst dann gehen die Studenten
ins Praktische Jahr und arbeiten dort im
Krankenhaus. Je vier Monate in der Inneren
Medizin und der Chirurgie sind Pflicht, die dritte
Station darf jeder frei wählen. »Das Praktische
Jahr ist die General probe der bisherigen Ausbildung
«, sagt Dieter Bitter-Suermann, Präsident
der Medizinischen Hochschule Hannover. Nach
dem Praktischen Jahr folgt die mündliche Prüfung.
Sie wird überwiegend am Krankenbett
abgehalten, wo der Prüfling Diagnosen und passende
Therapien vorschlägt.
Neue Entwicklungen
Modellstudiengänge erproben seit einigen Jahren,
wie das Medizinstudium praxisnaher werden
kann. Es gibt bereits einige solcher Angebote,
unter anderem an den Unis in Aachen, Berlin,
Bochum, Hannover, Köln und Witten/Herdecke.
»Beim Modellstudiengang hat man von Anfang
an Patientenkontakt, die Trennung zwischen den
vorklinischen und klinischen Fächern wird aufgehoben
«, erklärt Bitter-Suermann. Beim sogenannten
problemorientierten Lernen stellen
Studenten in Gruppen anhand der Krankengeschichte
eines Patienten eine Diagnose und
suchen nach Behandlungsmöglichkeiten.
»Wenn wir Prostatakrebs durchnehmen, lernen
wir nicht nur etwas über die Entstehung und
den Verlauf der Erkrankung. Ein Pathologe zeigt
uns auch, wie die Gewebeveränderungen unter
dem Mikroskop aussehen. Und wir sprechen mit
betroffenen Patienten«, sagt David Weber, 26,
Student im sechsten Semester im Modellstudiengang
an der Berliner Charité. »Das theoretische
Grundlagenwissen bekommt so mehr Relevanz,
weil wir wissen wollen, was es für den Patienten
heißt.« Sein ganzes Medizinstudium ist nach solchen
Modulen organisiert, in dem jeweils ein
Körperbereich mit seinen Hintergründen und
Krankheiten in der Gesamtschau beleuchtet wird.
Zwar bleibt das Staatsexamen in Deutschland
auch weiterhin der einzige mögliche Abschluss für
Mediziner. Aber seit dem vergangenen Wintersemester
kann man an der European Medical
School in Oldenburg im Verbund mit der Uni
Groningen parallel zum Staatsexamen den niederländischen
Bachelor und Master machen.
Eignung, Hürden, Irrtümer
Das Pensum der Medizinstudenten ist vom ersten
Tag an hoch. »Es ist nicht besonders schwierig,
aber es ist verdammt viel. Das Interesse muss
oft zurückstehen, meistens geht es erst einmal
nur ums Bestehen«, sagt die Studentin Anne
Mercier. Doch oft hilft der Zusammenhalt unter
den Kommilitonen: »Wir haben zu viert eine
Lerngruppe gegründet und treffen uns einmal in
der Woche für vier, fünf Stunden, um den Stoff
der vergangenen Woche durchzusprechen«, sagt
der Berliner Student David Weber.
Schwierig ist es außerdem, überhaupt einen
Medizinstudienplatz zu bekommen. Wer es geschafft
hat, bleibt deshalb meist dabei. Die Abbrecherquote
ist niedrig: Sie liegt deutlich unter
zehn Prozent. Die Bewerbung läuft zentral über das Internetportal hochschulstart.de. Bei der
Mehrheit der Studienplätze suchen sich die Unis
die Bewerber aus, wobei der Notenschnitt immer
eine wichtige, manchmal sogar die einzige Rolle spielt. In der Vergangenheit
musste es auch wenn weitere Auswahlkriterien
zur Anwendung kamen eine Eins vor dem
Komma sein. Wer weniger gute Noten hat, muss
einige Jahre auf den Studienplatz warten.
14 Unis berücksichtigen zurzeit zusätzlich
den Medizinertest: Wer dabei gut abschneidet,
kann seine Chancen verbessern. Wer warten
muss, kann die Zeit mit einer Berufsausbildung
überbrücken, etwa als Krankenpfleger oder
Medizinisch-Technischer Assistent, was ebenfalls
einen Pluspunkt bei der Bewerbung bringen
kann. Einige gehen ins Ausland, wenn sie am
NC scheitern. Beliebt sind neben deutschsprachigen
Studiengängen in Österreich und Ungarn
auch englischsprachige Angebote in Osteuropa.
Berufsperspektiven
Nach der Facharztausbildung arbeiten Mediziner
meist im Krankenhaus oder in einer Praxis. Die
Berufsaussichten sind hervorragend, die Bezahlung
ist es auch, der Verdienst variiert allerdings,
je nach Fachrichtung. Spitzenreiter sind die
Radio logen, am unteren Ende stehen beispielsweise
die Dermatologen. Nach einer Umfrage des
Hochschul-Informations-Systems von 2010 hatten
90 Prozent der Absolventen ein Jahr nach dem
Examen eine Stelle. Das Einstiegsgehalt lag bei
49 800 Euro. Auch im Ausland arbeiten deutsche
Ärzte, vor allem in Schweden und der Schweiz.
Manche Mediziner gehen auch in die Forschung,
um dort beispielsweise Impfstoffe zu entwickeln.
Andere betreuen Studien in der Pharmaindustrie
oder arbeiten in der Politik für die Gesundheitslobby.
MITARBEIT: CHRISTIAN HEINRICH
BÜCHER UND LINKS
Christian Weier/Jens Plasger/Jan-Peter Wulf: Abenteuer Medizinstudium. Der Medi-Learn Studienführer; 2. Aufl., Medi-Learn Verlag, Marburg 2009; 340 Seiten, 19,99 Euro. Beschreibt das Studium lebensnah uns klärt häufige Irrtümer auf; Studenten und junge Ärzte erzählen.
Detlev E. Gagel/Thomas Peters: Studienführer Medizin. Humanmedizin, Zahnmedizin, Tiermedizin; 8. Aufl.; Lexika Verlag, Eibelstadt 2009; 232 Seiten, 15 Euro. Tipps zu Zulassung, Studienaufbau und Berufsaussichten.
thieme.de/viamedici: Plattform zu den vielen Aspekten des Medizinstudiums von Bewerbung bis PJ.
medi-learn.de: Umfangreiches Portal mit Tipps zur Bewerbung, Diskussionsforen und Berichten von Auswahlgesprächen und Prüfungen an den verschiedenen Unis.
tms-info.org: Informationsseite zum Medizinertest.