KURZ-INFO Zahnärzte behandeln Zahn-, Mund- und Kieferkrankheiten. Auf dem Stundenplan steht auch viel Stoff der Humanmediziner. Die Studenten
sollten sich nicht vor Speichel und Mundgeruch ekeln. Bohren erfordert Geschick.
Die meisten Absolventen arbeiten in einer Praxis. VON MADLEN OTTENSCHLÄGER
Worum geht es?
Angehende Zahnmediziner lernen, wie Zahn-,
Mund- und Kieferkrankheiten erkannt und behandelt
werden. Bevor sie, meist ab dem siebten
Semester, den Bohrer das erste Mal bei Menschen
ansetzen, üben die Studenten am Phantom, einem
Kunststoffkopf mit künstlichem Gebiss. Sie
schleifen nicht nur Zähne, nehmen Abdrücke,
stellen Kronen her und passen Brücken ein, sondern
üben im Grunde alles, was sie später am
Patienten machen. »Das Studium ist unheimlich
abwechslungsreich. Von Anfang an lernen wir
nicht nur am Schreibtisch, sondern werkeln auch
im Labor«, sagt Tilmann Seifert, 24, der im siebten
Semester an der Universität Marburg studiert.
Wie ist das Studium aufgebaut?
Bachelor und Master gibt es in der Zahnmedizin
nicht. Die Studenten beenden ihr Studium in der
Regel nach elf Semestern mit dem Staatsexamen,
das offiziell Zahnärztliche Prüfung heißt. Das
Studium besteht aus zwei Teilen: der Vorklinik
und der klinischen Ausbildung. Die Vorklinik
dauert fünf Semester. Dabei werden naturwissenschaftliches
und medizinisches Basiswissen vermittelt,
aber auch Grundlagen der Zahntechnik.
Neben speziellen zahnmedizinischen Kursen besuchen
die Studenten viele Veranstaltungen gemeinsam
mit den Medizinern. Dazu gehören
Physik, Chemie, Physiologie, Anatomie oder Biochemie.
Die Mundhöhle kann eben nicht getrennt
vom Rest des Körpers betrachtet werden. Auch am
Sezierkurs nehmen die angehenden Zahnmediziner
teil. Das alles erfordert viel Zeit. »Man ist von
morgens bis abends beschäftigt, zum Arbeiten
nebenher bleibt nicht viel Luft. Darüber sollte
man sich vorher klar sein«, sagt Professor Jörg
Lisson von der Universitätsklinik Homburg, der
Vorsitzender der Vereinigung der Hochschullehrer
für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde ist.
Neben der Theorie arbeiten die Studenten
vom ersten Semester an praktisch: Im Technisch-
Propädeutischen Kurs (TPK) formen sie Gipsmodelle,
Prothesen und Goldkronen. »Wir machen
am Anfang größtenteils Sachen, die später
der Zahntechniker erledigt. Aber das ist trotzdem
wichtig, damit wir eine Vorstellung davon haben, was geht und was nicht«, sagt Tilmann
Seifert. Auf den TPK bauen die beiden Phantomkurse
auf. Dabei lernen die Studenten auch an
schwer erreichbaren Stellen genau zu arbeiten,
etwa wenn sie einen Backenzahn behandeln.
Die Zahnärztliche Vorprüfung (Physikum)
beendet die Vorklinik. Die meisten Studenten
machen sie nach dem vierten oder fünften Semester.
Geprüft werden Anatomie, Physiologie,
Physiologische Chemie und Zahnersatzkunde.
In den praktischen Prüfungen führen die Studenten
Behandlungen am Phantomkopf vor.
Im zweiten Studienabschnitt, der sogenannten
Klinik, rückt der Mensch in den Mittelpunkt:
Ab dem siebten Semester behandeln die Studenten
unter Anleitung eines Assistenzarztes in der
Zahnklinik Patienten. Dabei lernen sie vor allem
die praktische Anwendung der sogenannten
zahnmedizinischen Kernfächer: Kieferorthopädie,
Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie, Prothetik
und Zahnerhaltungskunde. Sie machen Füllungen,
präparieren Kronen und Brücken, führen
Wurzelbehandlungen durch. »Wenn ein Patient
vor einem liegt, kommt es auch auf Kommunikation
an: Man muss ihm anschaulich erklären,
was man warum macht. Das ist erst einmal neu«,
sagt Frederic Stuhldreier, 23, der im neunten
Semester in Kiel studiert. Für viele ist das die
Kür, an der Uni aber wartet immer auch die
Pflicht: Wieder müssen Vorlesungen, Praktika
und Seminare besucht werden. Zehn- bis Zwölfstundentage
sind in dieser Phase nicht selten.
Die Zahnärztliche Prüfung am Ende des
zehnten Semesters umfasst dreizehn Fächer: von
Hygiene über Pharmakologie bis hin zu Zahnersatzkunde
und Kieferorthopädie. Danach
kann man die Approbation beantragen, also die
Erlaubnis, als Zahnarzt zu arbeiten. Sie zu bekommen
ist nur noch ein formaler Akt.
Neue Entwicklungen
Uni-Vertreter und Bundeszahnärztekammer
planen eine neue Approbationsordnung. Der dazugehörige
»Nationale Kompetenzbasierte Lernzielkatalog
Zahnmedizin« wird voraussichtlich
Ende Mai 2013 vom Medizinischen Fakultätentag
verabschiedet und soll die medizinischen
Aspekte noch stärker als bisher betonen. So sollen
Human- und Zahnmediziner bis zum ersten
Examen weitgehend gemeinsam unterrichtet
werden, zudem ist eine bessere Betreuungsrelation
in den Behandlungskursen vorgesehen.
»Immer wichtiger im Arbeitsalltag eines
Zahnarztes wird die Vorsorge. Im Studium spielen
Kariesprophylaxe und Zahnreinigung daher eine
größere Rolle als früher«, erklärt Jörg Lisson von
der Uni-Klinik Homburg.
Eignung, Hürden, Irrtümer
Wer Zahnmedizin studieren will, braucht gute
Noten. In der Vergangenheit musste es eine Eins
vor dem Komma im Abi sein. Ansonsten muss
man mit einer Wartezeit von mehr als fünf Jahren
rechnen. Die Bewerbung läuft zentral über die
Internetplattform hochschulstart.de. Bei der Mehrheit der Studienplätze
entscheiden die Unis über das Verfahren, wobei
der Notenschnitt immer eine wichtige Rolle
spielt. An acht Unis kann man seine Chancen mit
dem Medizinertest verbessern. Um das Studium zu meistern, reichen ein gutes Abitur und viel
Disziplin, um den umfangreichen Stoff zu bewältigen,
aber nicht aus. Wer sich vor Blut, Speichel
und Mundgeruch ekelt, sollte seine Studienwahl
überdenken. »Auch eine gewisse handwerkliche
Veranlagung ist notwendig«, sagt Frederic Stuhldreier.
Ebenfalls wichtig ist Sinn für Ästhetik,
denn im Gesicht kommt es auf die Proportionen
an. Das alles scheinen die meisten Studenten aber
vorher zu wissen: Die Abbrecherquote liegt bei
nur fünf Prozent. Ein Zahnmedizinstudium ist
außerdem teuer. Die Studenten müssen ihre Instrumente
selbst kaufen, etwa das Bohrerset. Im
Laufe des Studiums können so Kosten von bis zu
10 000 Euro zusammenkommen.
Berufsperspektiven
Die Berufsaussichten für Zahnmedizin sind sehr
gut. Laut einer Studie des Hochschul-Informations-
Systems von 2010 arbeiteten ein Jahr nach
dem Examen 97 Prozent der Absolventen. Das
Einstiegsgehalt lag bei 29 300 Euro, allerdings
verdoppelt sich diese Summe meist kurz nach der
Assistenzzeit. Zwei Jahre dauert die kassenzahnärztliche
Vorbereitungszeit, in der die Absolventen
in der Praxis eines Kollegen oder in einer
Klinik arbeiten. Fast alle eröffnen im Laufe ihres
Berufslebens eine eigene Praxis. In den letzten
Jahren hat die Zahl der angestellten Zahnärzte
aber leicht zugenommen. Manche arbeiten auch
als Gutachter für Behörden, für Krankenkassen
oder in der Forschungsabteilung eines Unternehmens,
etwa bei Zahnbürstenherstellern.
Wer Facharzt werden will, macht eine Weiterbildung,
zum Beispiel als Kieferorthopäde. Um
Arzt für Mund-, Gesichts- und Kieferchirurgie zu
werden, braucht man zusätzlich das medizinische
Staatsexamen. Neben der Weiterbildung zum
Fachzahnarzt besteht für jeden Zahnarzt die
Möglichkeit zur Teilnahme an einem von rund
30 Masterprogrammen zur weiteren Spezialisierung.
MITARBEIT: CHRISTIAN HEINRICH
BÜCHER UND LINKS
Detlev E. Gagel/Thomas Peters: Studienführer Medizin. Humanmedizin, Zahnmedizin, Tiermedizin; 8. Aufl.; Lexika Verlag, Eibelstadt 2009; 232 S., 15 Euro. Behandelt Allgemeines wie Fragen zur Zulassung und stellt die drei medizinischen Fächer vor. Gut zum Vergleichen und als Einführung.
BdZM e. V.: Studentenhandbuch Zahnmedizin 2012/2013. Oemus Media, Leipzig; 132 S., 19,90 Euro als E-Book kostenlos unter bit.ly/zs13zahn. Einstiegshilfe für angehende Zahnmediziner, unter anderem geht es um den Ablauf des Studiums und Austauschprojekte.
zahniportal.de: Der Bundesverband der Zahnmedizinstudenten in Deutschland (BdZM) stellt alle Universitäten mit Zahnmedizin vor. Außerdem gibt es Tipps zur Bewerbung, eine Übersicht über den Studienablauf und eine Studienplatztauschbörse.
bit.ly/zs13zahnvideo: Das achtminütige Video gibt einen guten und anschaulichen Einblick in das erste Examen im Zahnmedizinstudium nach vier Semstern.