Wie ist das Physik-Studium aufgebaut?
Zu Beginn folgt das Physikstudium einem straffen
Stundenplan mit Vorlesungen, begleitenden
Übungen und Laborpraktika. In den ersten vier
bis fünf Semestern werden die drei Gebiete Mathematik,
Theoretische Physik und Experimentalphysik
etwa zu gleichen Teilen behandelt die
Grundlagen für jeden Physiker.
Praktisch alle physikalischen Phänomene
werden mathematisch beschrieben. Vier Stunden
Vorlesungen in Analysis oder Linearer Algebra pro
Woche sind deshalb in den ersten Semestern des
Bachelorstudiums üblich. Physikstudenten denken
aber nicht nur in Formeln. Sie versuchen
auch, sich die Naturgesetze in anschaulichen
Bildern und Analogien begreifbar zu machen.
»Elektronen verhalten sich zum Beispiel wie
Wellen. Mathematisch kann man das zwar präziser
beschreiben, aber in Diskussionen oder zum
Verständnis sind solche Bilder oft hilfreicher«, sagt
René Matzdorf. Zusätzlich bearbeiten die Studenten
Übungsaufgaben und besprechen die Lösungen
in Gruppen mit studentischen Tutoren.
»Es kommt nicht unbedingt darauf an, bei
den Übungsaufgaben am Ende die richtige Zahl
stehen zu haben. Viel wichtiger ist, über die zugrunde
liegende Physik zu sprechen und zu diskutieren
nur so versteht man es«, sagt Inken
Hofbauer, 24, Physikstudentin an der Uni Kiel.
Die Theoretische Physik dreht sich um klassische
Mechanik, Elektrodynamik, Thermo dynamik
und Statistische Physik sowie Quantenmechanik.
Im Mittelpunkt der Veranstaltungen stehen auch
hier wieder mathematische Zusammenhänge,
Herleitungen und Beweise. In der Experimentalphysik
geht es um Elektrodynamik und Optik,
Wärmelehre, Atomund
Molekülphysik, Mechanik,
Magnetismus, Kernund
Elementarteilchenphysik
und Festkörperphysik Themen, die
den Studenten meist aus der Schule vertraut sind.
Allerdings ist das Niveau höher.
Während der Vorlesungen werden viele Experimente
vorgeführt. Hinzu kommen Praktika
im Labor, bei denen meist zwei Studenten gemeinsam
Versuche durchführen. Hier werden praktische
Fähigkeiten trainiert, etwa der Umgang mit
modernen Messinstrumenten. Zehn bis 20 Prozent
machen diese Praktika im Studium aus. Als
Leistungsnachweis schreiben die Studenten Versuchsprotokolle.
Der Vorlesungsstoff wird in der
Regel am Semesterende in Klausuren abgefragt.
Zusätzlich gibt es mündliche Prüfungen.
Angehende Lehrer beschäftigen sich hauptsächlich
mit der Experimentellen Physik. Der
Aufbau der Lehrerausbildung unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland. Felix Schleifer will Lehrer für
Physik und Mathe werden. Er hat schon als
Schüler gerne Nachhilfe gegeben, mittlerweile
studiert er im sechsten Semester an der Uni
Hamburg. Ihm gefällt, dass er als Lehramtsstudent
mehr Experimente machen kann. »Zum Beispiel
lassen wir in einer Vakuumkuppel Schokoküsse
aufquellen, um zu veranschaulichen, dass der
Innendruck sinkt. Ein normaler Physikstudent
macht so etwas nicht«, sagt der 22-Jährige.
Ansonsten sind die Physik-Bachelorstudiengänge
an den meisten Hochschulen ähnlich aufgebaut.
Nur bei den Wahl- und Ergänzungsveranstaltungen
in den höheren Semestern gibt es
eine große Bandbreite, je nach den Schwerpunkten
des jeweiligen Instituts. Das Angebot
deckt Forschungsgebiete wie Astrophysik, Halbleiterphysik
oder Nanostrukturwissenschaften
ab. Gut die Hälfte aller Unis bieten nicht naturwissenschaftliche
Nebenfächer an. In Heidelberg
können die Studenten etwa auch Wirtschaftswissenschaften
oder Philosophie wählen.
Die allermeisten Bachelorstudenten machen
mit dem Master weiter. Masterstudienplätze gibt
es dennoch genügend. Im allgemeinen Physik-
Master müssen sich die Studenten zwischen Experimenteller
und Theoretischer Physik entscheiden
und wählen vertiefende Schwerpunkte wie
Laser- oder Halbleiterphysik. Inken Hofbauer, die
gerade mit ihrem Master begonnen hat, möchte
sich mit Magnetismus beschäftigen. Manchmal
werden auch speziellere Programme angeboten.
Die Auswahl reicht von Polymerwissenschaften,
etwa in Dortmund und Halle-Wittenberg, bis zum
Studiengang Photonics, bei dem sich die Studenten
in Karlsruhe und Jena mit allem beschäftigen,
was mit der Anwendung von Licht zu tun hat.
Physik studieren: Neue Entwicklungen
In den vergangenen Jahren sind einige Bachelorstudiengänge
entstanden, die Physik mit einer
anderen Disziplin verbinden. Dazu zählen Angebote
wie Biophysik in Bayreuth und Frankfurt
am Main sowie Wirtschaftsphysik in Ulm. Biophysiker
beschäftigen sich zum Beispiel mit der
Funktionsweise von Kanälen in Zellmembranen
oder mit der Thermodynamik von Stoffwechselvorgängen.
Im Studiengang Wirtschaftsphysik
übertragen die Studenten Theorien, Gesetze und
Modelle der Physik auf Abläufe in der Wirtschaft
und optimieren Prozesse. Daneben gibt es an
einigen Fachhochschulen den Studiengang Physikalische
Technik. 2012 haben die Physiker am
Schweizer Kernforschungszentrum Cern große
Aufmerksamkeit auf sich gezogen, als sie die Entdeckung
eines neuen Elementarteilchens bekannt
gaben, bei dem es sich vermutlich um das
lange gesuchte Higgs-Boson handelt. Welche
langfristigen Auswirkungen dies für das Fach
haben wird, ist allerdings noch unklar.
Eignung, Hürden, Irrtümer
Viele Unis bieten Studienanfängern Vorkurse in
Mathe an, in denen sie ihr Wissen auffrischen
können, bevor es losgeht. Denn in den Vorlesungen
ist man schnell über den Schulstoff hinaus.
»Eine mathematische Begabung und logisches
Denken helfen beim Physikstudium«, sagt der
Kasseler Professor René Matzdorf. Aber für den
Beginn seien gute Schulkenntnisse ausreichend.
Wer allerdings bei den Übungsaufgaben
schlampt, verpasst rasch den Anschluss und tut
sich am Ende des Semesters schwer.
Wer sich durch die Anfangssemester durchbeißt,
hält normalerweise auch bis zum Ende des
Studiums durch. »Die ersten zwei Semester sind
hart, da darf man sich nichts vormachen«, sagt
Felix Schleifer. Vielen sei nicht klar, wie sehr sich
die Klausuren an der Universität von den Tests in
der Schule unterscheiden. Sein Tipp: »Mit Kommilitonen,
die schon weiter sind, sprechen und
alte Arbeiten bei der Fachschaft einsehen.« Inken
Hofbauer hat sich eine Lerngruppe gesucht und
prompt verbesserten sich die Noten. »So habe ich auch den Spaß am Studium wiedergefunden,
der zwischendurch etwas gelitten hat.«
Der Bachelorstudiengang Physik ist in der
Regel zulassungsfrei. Für die Master-Eignung
zählt die Bachelornote. Viele Unis erwarten hier
mindestens eine Drei, einige setzen zudem auf
Auswahlgespräche oder Motivationsschreiben.
Berufsperspektiven für Physiker
Physiker sind flexibel einsetzbar, weil sie analytisch
denken können und Probleme strukturiert
angehen. In der Wirtschaft findet man sie überall
dort, wo Firmen ihr Wissen über Stoffe und
Naturgesetze nutzen wollen, um neue Technologien
zu entwickeln etwa in der Photonik-, in
der Mikroelektronik- oder in der Energiebranche.
Physiker sind auch bei IT-Unternehmen
gefragt oder arbeiten bei Versicherungen, für die
sie zum Beispiel Risikoszenarien berechnen. Die
Deutsche Physikalische Gesellschaft hat ermittelt,
dass drei Viertel aller Physiker in angrenzenden
Feldern, wie zum Beispiel der Informatik,
arbeiten. Rund zehn Prozent sind in der Unternehmensleitung,
-beratung und -prüfung tätig.
Laut einer Studie des Hochschul-Informations-
Systems in Hannover von 2010 waren drei
von vier Physikabsolventen nach einem Jahr
regulär erwerbstätig. Das Einstiegsgehalt lag im
Durchschnitt bei 33 000 Euro. Gute Berufsaussichten
haben auch Physiklehrer. Sie werden
deutschlandweit gesucht.
MITARBEIT: LISA SRIKIOW
BÜCHER UND LINKS
Max Rauner/Stefan Jorda: Big Business und Big Bang. Berufs- und Studienführer Physik; 2. Auflage; Wiley-VCH, Weinheim 2008; 288 S., 18,90 Euro. Reportagen über verschiedene Berufe für Physiker.
Wolfram Wickel/Jennifer Wilms: Studienführer Informatik, Mathematik, Physik. 2. Auflage; Lexika-Verlag, Eibelstadt 2012, 199 S., 15 Euro. Aufbau und Inhalt der drei verwandten Studiengänge im Vergleich.
physikstudieren.de: Informativ aufbereiteter Überblick aller Physik-Studiengänge im Wikipedia-Format.
dpg-physik.de/karriere/studium.html: Studieninfos, Praktikumsbörse und nützliche Links.
kfp-physik.de: Hier gibt es eine Deutschlandkarte mit den Physik-Fachbereichen sowie weitere Informationen und Statistiken zum Studium.
physikerboard.de: Plattform zum Wissensaustausch rund um physikalische Themen.
bit.ly/zs13physik: Die Broschüre der Deutschen Physikalischen Gesellschaft erklärt, wie und wo Physiker arbeiten.
weltderphysik.de: Das Portal berichtet über Neuigkeiten aus der Forschung und informiert über Physik als Beruf.
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