Wie ist das Bauingenieurswesen-Studium aufgebaut?
Zu Beginn werden die theoretischen Grundlagen
vermittelt: Mathematik und technische Mechanik
stehen im Mittelpunkt, aber auch Baukonstruktion
und zeichnerische Aufgaben mit CADProgrammen
(Computer Aided Design). Welche
Lasten muss ein Fundament aushalten? Welche
Kräfte wirken auf eine Brücke, wenn ein ICE
darüberfährt? In Werkstoffkunde lernen die Studenten,
wie sich Baustoffe verwenden lassen.
Neben den Klassikern Beton, Holz, Stahl und Glas
gehören dazu auch Kunststoffe und Kohlefasern.
An den Unis ist das Studium zu Beginn eher
grundlagenorientiert. Die Studenten lernen,
Materialien, Systeme, Verfahren und Modellvorstellungen
des Bauingenieurwesens kennen. »Der
Kern der Ingenieurkunst ist, dass man komplizierte
Zusammenhänge abstrahieren und in
Modellen beschreiben kann, um diese dann umzusetzen
«, sagt Gerhard Müller, Professor am
Lehrstuhl für Baumechanik der TU München.
Die Studenten sollen lernen, ihr theoretisches
Wissen in immer neuen Zusammenhängen anzuwenden
etwa bei der Entwicklung von Baustoffen,
bei Simulationsmethoden am Rechner
oder bei Konstruktionsund
Planungsaufgaben.
»Mathe und Mechanik fand ich sehr schwierig«,
sagt Ezgi Arat, 20, die im vierten Semester an der
TU HamburgHarburg
studiert. »Aber ab dem
dritten Semester versteht man dann, wie alles zusammenhängt.
Dann wird es richtig spannend.«
Die Fachhochschulen sind eher praktisch
orientiert. »Bei uns lernt man Theorie für die Anwendung,
nicht auf Vorrat«, sagt Horst Werkle,
Professor für Baustatik an der Hochschule für
Technik, Wirtschaft und Gestaltung in Konstanz.
Aber auch das UniStudium
hat mitunter viel
Praxisbezug. »Wir haben schon zu Beginn des
Studiums selbstständig Brücken konstruiert, die
bestimmte Vorgaben erfüllen mussten«, sagt Jan
Schroer, 22, der im vierten Semester an der TU
Braunschweig studiert. »Außerdem machen wir
viele Exkursionen, waren schon bei einem Stahlerzeuger
und haben uns ein Sägewerk angeschaut.«
Die Bauingenieurfächer lassen sich grob in
Planung und Konstruktion einteilen. Zu den
planerischen Fächern zählen Verkehrswesen,
Wasserbau und Wasserwirtschaft. Zur Konstruktion
gehören Statik, Holzbau, Stahlbau,
Massivbau sowie Bautechnologie. In den ersten
Semestern bearbeiten die Studenten kleinere
Übungsaufgaben, halten Referate und fertigen Studienoder
Projektarbeiten an. Außerdem entwerfen
sie Modelle, als Zeichnung oder am
Rechner, etwa für den Bau einer Kläranlage oder
einer Brücke. Gegen Ende des Studiums setzen
sie dann eigene Schwerpunkte. Die Themen
reichen je nach Hochschule von der Abfallwirtschaft
bis zur Verkehrsplanung. Im dritten Studienjahr
arbeiten die meisten ein Semester lang
praktisch, zum Beispiel in einem Ingenieurbüro
oder in der Bauverwaltung. Ezgi Arat plante ein
ganzes Semester lang mit ihren Kommilitonen
ein Wohnhaus für eine Familie, demnächst
macht sie bei einem Verkehrsplanungsprojekt
mit. »Bauingenieure sitzen nicht im stillen
Kämmerlein, sondern wenden die Theorie gleich
an«, sagt sie. Im letzten Semester schreiben die
Studenten ihre Bachelorarbeit häufig bearbeiten
sie dabei ein Bauprojekt in Zusammenarbeit
mit einem Ingenieurbüro oder einer Baufirma.
Bundesweit gibt es zahlreiche spezialisierte
Masterprogramme, oft mit Schwerpunkt auf
einer Vertiefungsrichtung wie Umwelt, Konstruktion
oder Verkehrswesen. »Für Fachhochschulabsolventen
ist der Bachelor ganz klar ein
berufsqualifizierender Abschluss«, sagt Horst
Werkle. Ungefähr 30 bis 45 Prozent der Bachelorabsolventen
von FHs entscheiden sich derzeit
für einen Master. An den Unis liegt die Quote
bei 90 Prozent, schätzt Werner Seim.
Neue Entwicklungen
Das Thema Umwelt ist im Bauingenieurwesen
traditionell stark vertreten, neben Bauingenieurwesen
kann man deshalb an einigen Universitäten
und FHs Umweltingenieurwesen studieren.
Aktuell entstehen auch neu konzipierte Studiengänge,
die einen Schwerpunkt auf diesem Gebiet
haben. An der HTWG Konstanz startete etwa
zum vergangenen Wintersemester der Studiengang
Umwelttechnik und Ressourcenmanagement.
Vertiefungsrichtungen auf dem Gebiet
der Umwelttechnik sind unter anderem Wasserressourcenmanagement,
Abfallwirtschaft/Stoffkreislauf
oder erneuerbare Energien.
Ein Trend ist der Einsatz von Computersimulationen
bei der Planung. Die Studenten
berechnen in Geländemodellen zum Beispiel,
wie sich die Sichtverhältnisse nach dem Neubau
einer Straße verändern. Oder sie überprüfen am
Computer die Fluchtwege, indem sie simulieren,
wie sich Menschen in einem brennenden Gebäude
verhalten. Weit über den eigentlichen Bau
hinaus zielt die Gebäudedatenmodellierung:
Während des Entwurfs entsteht im Rechner ein virtuelles Modell des Bauwerks, das
viele unterschiedliche Informationen unter
anderem zu Kostenplanung, Abläufen oder
Statik sammelt und miteinander vernetzt.
Dieses Modell erleichtert die Kommunikation
zwischen den Gewerken, die am Bau beteiligt
sind, und es vereinfacht nachträgliche Veränderungen des Gebäudes, etwa wenn nach Jahren
Leitungen erneuert werden müssen. »Dadurch
ergibt sich eine neue Qualität des Bauens«, sagt
Professor Horst Werkle aus Konstanz. Internet
und Elektronik verändern auch das Lernen
selbst. So kommen manchmal Tests zum Einsatz,
die die Studenten im Internet zu festen
Terminen bearbeiten.
Eignung, Hürden, Irrtümer
Die Zulassungsbedingungen für den Bachelor
sind je nach Hochschule verschieden, an den FHs
beträgt der Numerus clausus im Schnitt etwa 2,5,
und auch an den Universitäten ist der Abiturschnitt
entscheidend. So gut wie alle Hochschulen
verlangen von ihren Studenten zusätzlich ein Baustellenpraktikum
von sechs bis zwölf Wochen
entweder bereits vor dem Studium oder während
der Semesterferien. »Das war total spannend«,
sagt Jan Schroer, der sechs Wochen auf einer Baustelle
von Hochtief in Hannover gearbeitet hat,
wo ein Bürogebäude saniert wurde. »Ich konnte
beobachten, wie Ingenieure, Architekten und
Bauarbeiter zusammenarbeiten. Ich musste auch anpacken: Wanddurchbrüche und Kernbohrungen
machen. Das war körperlich anstrengend.«
Manche Studenten steigen während der ersten
Semester aus, weil ihnen Mathe und Physik zu
schaffen machen. »Man sollte naturwissenschaftlich
interessiert sein und nicht nur Mathe mögen,
sondern auch Chemie«, sagt Jan Schroer. Die
Hamburger Studentin Ezgi Arat rät, mit Kommilitonen
zusammen zu lernen. »Es hilft einem
selber, wenn man anderen etwas erklärt. Und man
sollte sich trauen, andere um Hilfe zu bitten,
wenn man nicht klarkommt.«
Für Werner Seim ist soziale Kompetenz unabdingbar:
»Bauingenieure arbeiten mit Architekten,
Gebäudetechnikern oder Brandschutzexperten
zusammen und müssen ihre Entwürfe und
Ideen im Team entwickeln. Da ist es gut, wenn
sie sich in andere Sichtweisen hineindenken
können.« Wer später in der Bauleitung arbeiten
will, benötigt Managementkenntnisse. Auch mit
Verantwortung müsse man umgehen können,
sagt Gerhard Müller von der TU München:
»Bauingenieure stehen dafür ein, dass eine Brücke
oder ein Haus nicht zusammenbricht. Außerdem
entscheiden sie über enorme Investitionssummen
das ist anspruchsvoll.«
Das Bauingenieurwesen ist von Männern
dominiert, doch der Frauenanteil ist höher als in
anderen Ingenieurfächern. Rund ein Viertel der
Studentenschaft sind Frauen.
Berufsperspektiven für Bauingenieure
Den typischen Bauingenieur stellt man sich als
Bauleiter mit Helm vor, der Kräne und Betonmischer
koordiniert. Eine Einschätzung, die
meist nicht der Realität entspricht. Zwar ist die
Bauleitung nach wie vor ein klassisches Berufsziel,
doch die allermeisten Absolventen arbeiten vor
allem am Schreibtisch, auch wenn sie regelmäßig
zu ihren Baustellen fahren. Als Mitarbeiter von
Ingenieurbüros, Baufirmen oder Behörden entwerfen
sie Pläne für Gebäude und Anlagen, für
Verkehrswege und Wasserstraßen oder entwickeln
Ideen für die Mobilität der Zukunft. Manche
Bauingenieure sind Experten für Projektentwicklung,
einige pflegen als ITFachleute
Netzwerke
und Software, andere arbeiten als Sachverständige
und schreiben in Streitfällen Gutachten.
Sanierung und Umbau bestehender Gebäude
nehmen im Arbeitsalltag von Bauingenieuren
mittlerweile genauso viel Raum ein wie die
Planung und Konstruktion von Neubauten.
Wegen ihrer breiten theoretischen Ausbildung
können Bauingenieure auch in anderen Branchen
arbeiten, etwa im Fahrzeugbau oder in der
Medizintechnik. Sie berechnen zum Beispiel die
Stabilität von Kotflügeln oder den Strömungswiderstand
künstlicher Herzklappen allerdings
sind solche Laufbahnen eher die Ausnahme.
Bachelorabsolventen von der FH seien bei
Ingenieurbüros als Bauplaner oder als Bauleiter auf
der Baustelle gefragt, sagt Horst Werkle. Auch für
eine Laufbahn im gehobenen Dienst genügt der
Bachelor. Für den höheren öffentlichen Dienst ist
hingegen der Master Voraussetzung. »Das Schöne
ist, dass es innerhalb des Berufs sehr viele Möglichkeiten
gibt, seinen Neigungen und Interessen zu
folgen«, sagt Professor Werner Seim aus Kassel.
»Am Anfang des Studiums wissen viele noch gar
nicht, dass Bauingenieure zum Beispiel auch im
Wasserbau oder in der Abfallwirtschaft tätig sind.«
Bauingenieure sind grundsätzlich stark von
der Baukonjunktur abhängig, aber die allgemeine
Lage ist gut: »Sie haben nach wie vor gute Aussichten
auf dem Arbeitsmarkt«, sagt Heiko
Stiepel mann, Sprecher des Verbands Die Deutsche
Bauindustrie. Amtlichen Statistiken zufolge sind
bundesweit derzeit 1600 Stellen offen, »wir gehen
aber von einer zweibis
dreimal so hohen Zahl
aus«. Eine weitere Möglichkeit ist, als Bauleiter ins
Ausland zu gehen. »Dazu muss man Fremdsprachen
können und bereit sein, an wechselnden
Einsatzorten zu arbeiten«, sagt Horst Werkle.
Bauingenieure können auch ein eigenes Büro
gründen und freiberuflich arbeiten. Dafür sollten
Absolventen aber zunächst einige Jahre als Angestellte
Berufserfahrung sammeln. Die Quote der
Selbstständigen liegt bei Bauingenieuren mit
knapp 25 Prozent deutlich höher als in anderen
Ingenieurberufen.
MITARBEIT: MEIKE FRIES
BÜCHER UND LINKS
Wolfgang Henning: Studienführer Bauingenieurwesen; 2., aktual. Aufl.; Lexika Verlag, Eibelstadt 2008; 168 S., 15 Euro. Eine Einführung ins Studium mit Beispielen
Klaus Stiglat: Bauingenieur? Bauingenieur! Aufsätze, Reden, Essays, Ernst & Sohn 2012; 120 S., 19,90 Euro. Geht der Rolle des Bauingenieurs für die Gesellschaft mit Essays und humorvollen Zeichnungen nach.
Karriereführer Bauindustrie 2012/2013. Großprojekte managen Bauingenieure behalten den Überblick, 64 S., kostenlos zu bestellen über bauindustrie.de.
werde-bauingenieur.de: Das Portal des Hauptverbands der Bauindustrie enthält Infos zu den Studienangeboten und bietet Einblicke in die Arbeit von Bauingenieuren.
think-ing.de: Informiert über Ausbildungswege und Berufsbilder. Außerdem gibt es einen Eignungstest.