Wie ist das Studium aufgebaut?
An vielen Hochschulen sitzen die Studenten
verschiedener Richtungen in den ersten beiden
Semestern zum Teil in gemeinsamen Vorlesungen.
»Interdisziplinarität ist typisch für die
Angewandten Naturwissenschaften«, sagt Wolfram
Meusel, Professor für Bioverfahrenstechnik
an der Hochschule Anhalt in Köthen. Angehende
Biotechnologen etwa müssen Grundlagen
der Chemie und der Mathe kennen, und auch
Studenten der Physikalischen Technik pauken
Chemie. Denn im Beruf haben die meisten
nicht allein mit ihrem Kernfach zu tun.
Zu den naturwissenschaftlichen Grundlagen
kommen Fächer aus den Ingenieurwissenschaften.
Verfahrenstechnik etwa ist Bestandteil fast
aller Studiengänge, denn hier lernt man, aus Ausgangsmaterialien
neue Dinge zu kreieren also
das, was die Studenten später im Job auch tun.
Daneben bekommen sie oft Einblicke in Maschinenbau
oder Werkstoffwissenschaften. Von
dem dritten Semester an stehen vermehrt fachspezifische
Module auf dem Stundenplan, und
man kann erste Schwerpunkte setzen. Chemieingenieure
können sich zum Beispiel auf Lackchemie
konzentrieren, Physikingenieure auf
Laser- oder Umwelttechnik. Es geht dann auch
immer häufiger ins Labor, wo die Studenten das
Gelernte umsetzen, beispielsweise Gewässerproben
analysieren oder DNA entschlüsseln
oder Temperatursensoren herstellen.
Alle Studiengänge, die Chemie im Namen
tragen, enthalten auch organische, anorganische
und physikalische Chemie. Unterschiede zwischen
Angewandter Chemie und Chemieingenieurwesen treten meist erst von dem
vierten Semester an auf, wenn bei den Chemieingenieuren
die technischen Fächer eine größere
Rolle spielen, dafür speziellere Bereiche wie Biochemie,
Toxikologie oder makromolekulare
Chemie außen vor bleiben. Die Gewichtung
hängt auch vom Profil der Hochschule ab. Manche
legen den Fokus auf Umwelttechnik, andere
auf Textilchemie oder Pharmazie.
Bei den Bioingenieuren stehen zum Beispiel
Molekularbiologie, Genetik oder Zellkulturtechnik
auf dem Stundenplan. »Biotechnologen
stellen mit Hilfe von Mikroorganismen oder
Zellen Produkte in einer vermarktungsfähigen
Menge und Qualität her«, erklärt der Professor
Wolfram Meusel. Die Studenten hantieren dabei
nicht nur mit kleinen Reagenzgläsern, sondern
auch mit Bioreaktoren, in denen Zellen und
Organismen in großem Stil kultiviert werden.
Das kann zum Beispiel ein Protein für ein Medikament
sein oder aus einem Pilz gezüchtete
Zitronensäure für Limonaden aller Art.
Im Labor sind Kenntnisse aus den verschiedenen
Vorlesungen gefragt. Die Studenten rechnen
zum Beispiel aus, wie groß die Kühlflächen
sein müssen, damit die Temperatur im Bioreaktor
konstant bleibt. Oder sie lernen, in einer Petrischale
Haut oder Herzmuskelgewebe für Transplantationen
zu züchten »Tissue-Engineering«.
Physikingenieure beschäftigen sich neben
ihren Vorlesungen in Technischer Optik, Mechatronik
oder Atomphysik in den Laboren der
Hochschulen zum Beispiel mit Laseranlagen,
Industrierobotern und Elektronenmikroskopen,
forschen zu hochauflösenden Handydisplays oder
der Rückgewinnung von Energie. Wie bei den
Bio- und Chemieingenieuren gibt es auch bei den
Physikern Überschneidungen mit den anderen
Naturwissenschaften. Umfang und Schwierigkeitsgrad
der beiden Kernfächer Mathematik und
Physik sind jedoch deutlich höher als in den anderen
Richtungen. Überdies enthält die Physikalische
Technik auch mehr ingenieurwissenschaftliche
Inhalte, da die Absolventen zum großen Teil
Geräte oder Verfahren entwickeln.
Spätestens die vorlesungsbegleitenden Praktika
begeistern viele Studenten. »Seit dem dritten
Semester genieße ich mein Studium sehr«, sagt
Benedikt Braun. In einem Praktikum in Molekulargenetik
hat er seine eigene DNA isoliert:
»Wir haben Zellen aus unseren Wangentaschen
entnommen und mit Enzymen und Chemikalien
behandelt und zentrifugiert. So wurden die
Zelle und der Zellkern zerstört, und die DNA
blieb übrig, sodass man sie vervielfältigen konnte.
Dieses Verfahren wird zum Beispiel auch
verwendet, um Mordfälle aufzuklären.«
An den meisten Hochschulen gehören komplette
Praxissemester zum Studium, daher sind
für den Bachelorabschluss oft sieben Semester
vorgesehen. Für die Bachelorarbeit gehen die
Studenten häufig in Betriebe.
Nach dem Bachelor hat man die Möglichkeit,
sich mit einem Master auf seinem Lieblingsgebiet
zu spezialisieren: Ob Technische Bio chemie,
Applied Life Sciences oder Photonik die Liste
ist lang. Fast jede Hochschule zeichnet sich durch
ein eigenes Profil aus.
Neue Entwicklungen
In der Chemie ist ein Trend zur Analytik erkennbar.
Denn in der verarbeitenden Industrie, einem
der Hauptarbeitgeber für Chemieingenieure, sind
viele Absolventen damit beschäftigt, Rohstoffe zu
analysieren und zu charakterisieren, um ihre Eignung
für die gewünschten Produkte festzustellen.
Welche Menge an Tensiden brauche ich beispielsweise,
damit sich das neue Shampoo weich auf
der Kopfhaut anfühlt? Welche Pigmente und
Gele arbeiten so zusammen, dass die Tinte im
Kugelschreiber sich leicht auftragen lässt und
nicht verschmiert? »Nur wer die ganze Breite an
Messverfahren beherrscht, ist Herr über sein Produkt
«, sagt Karl-Heinz Jacob, Professor für Angewandte
Chemie an der Georg-Simon-Ohm-
Hochschule in Nürnberg.
In der Physikalischen Technik werden Optik
und Photonik immer wichtiger. »Alles, was mit
Licht zu tun hat, liegt im Trend«, so Rolf Heilmann,
Professor für Physikalische Technik an der
Hochschule München. Zum Beispiel die optische
Nachrichtentechnik, in der mittels Lichtteilchen
Informationen übertragen werden. Weil es billiger
ist, werden Experimente immer häufiger durch
Computersimulationen ersetzt. Dadurch verschwimmt
die Grenze zur Informatik. Heilmann:
»Heute lässt man nicht jeden Test-Mercedes mehr
gegen die Wand fahren, sondern berechnet Aufprall
und Schaden in Computermodellen.«
In der Angewandten Biologie haben insbesondere
Biopharmaka an Bedeutung gewonnen.
Was mit Penicillin, dem ersten Antibiotikum auf
Schimmelpilzbasis begann, ist ein riesiger Forschungszweig
geworden. Bioingenieure gewinnen
zum Beispiel Proteine aus den Zellen von Tieren
oder Pflanzen, die in Verbindung mit anderen
Substanzen als Wirkstoff gegen Brustkrebs oder
Alzheimer eingesetzt werden. Auch auf sogenannten individualisierten Medikamenten, die
genau auf die Bedürfnisse des einzelnen Patienten
abgestimmt sind, ruhen große Hoffnungen.
Die Hochschulen reagieren auf diese Trends,
indem sie verstärkt Fächer wie Biochemie oder
Bioapparate technik in die Lehrpläne aufnehmen.
Eignung, Hürden, Irrtümer
Je nachdem, wie weit die letzte Mathe- oder
Chemie stunde zurückliegt, müssen einige erst mal
schlucken. »Aber wer das erste Jahr überstanden
hat, schafft den Rest auch«, sagt Heilmann. Vor
Studienbeginn kann man freiwillig Vorkurse belegen,
um Wissenslücken zu schließen. Die geballte
Theorie, die die Studenten in den ersten
Semestern oft erwartet, überrascht den einen oder
anderen, der sich wegen der Praxisorientierung für
ein FH-Studium entschieden hat. Auch das
Fächer übergreifende gefällt nicht jedem auf Anhieb.
»Das hat mir zum Teil gar keinen Spaß gemacht
«, sagt Benedikt Braun. »Ich interessiere
mich sehr für Biologie, und dann sitze ich in einer
Informatikvorlesung. In einigen Veranstaltungen
musste ich mich echt durchbeißen.«
Neben technischem und naturwissenschaftlichem
Grundverständnis braucht man Kreativität
und Geschicklichkeit, wenn es darum geht, das
theoretische Wissen in den Laboren umzusetzen.
Insbesondere angehende Bioingenieure unterschätzen
gelegentlich den technischen Bezug des
Studiums. »Manche lassen sich von der Vorsilbe
Bio täuschen und denken, die Naturwissenschaft
stehe im Vordergrund. Dabei ist in der Biotechnologie
die technische Seite genauso wichtig«,
sagt der Professor Wolfram Meusel.
Die Studiengänge in Angewandten Naturwissenschaften
sind fast nie zulassungsbeschränkt.
Vereinzelt, und dann eher bei den Bioingenieuren,
gibt es einen Numerus clausus. In Aachen lag
er zuletzt bei 2,9. Ansonsten reicht fast immer die
Fachhochschulreife, alle Bewerber bekommen
einen Platz. Beim Master ist das anders, dort
braucht man für eine Zulassung oft zumindest
einen guten Zweierschnitt aus dem Bachelor.
Berufsperspektiven
Die Absolventen von Fächern aus dem Bereich
der Angewandten Naturwissenschaften haben in
unterschiedlichen Industriezweigen gute Einstiegschancen.
Chemieingenieure etwa sind nicht
auf Unternehmen wie BASF oder Bayer beschränkt.
»Mehr als die Hälfte unserer Absolventen
arbeitet später nicht in der chemischen Industrie
«, sagt der Professor Karl-Heinz Jacob. Dafür
findet man sie in Unternehmen, die chemische
Stoffe kaufen und zu Produkten verarbeiten.
Zwar findet sich der Großteil der Arbeitsplätze
für Chemieingenieure im Labor und im technischen
Bereich, aber auch im Vertrieb oder Einkauf
braucht man sie. In der chemischen Industrie
selbst hätten Master und Promotion nach wie
vor eine große Bedeutung, sagt Jacob. In kleineren
und mittleren Unternehmen, die chemische
Produkte weiterverarbeiten, aber nicht selbst herstellen,
sei das nicht zwingend so: »Wir beobachten,
dass auch sehr gute Bachelorabsolventen dort
sofort einen Arbeitsplatz bekommen.«
Bioingenieure mit Masterabschluss hätten
gute Berufsperspektiven in der Lebensmittelindustrie,
in Biomedizin und Pharmazie oder
Umwelttechnologie, sagt der Professor für Bioverfahrenstechnik
Wolfram Meusel. Allein mit
dem Bachelorabschluss den gewünschten Job zu
bekommen sei hingegen oft schwierig, weswegen
die überwiegende Mehrheit der Absolventen
nach dem Bachelor weiterstudiere.
Physikingenieure sind oft in der Forschung
und Entwicklung tätig. »Absolventenbefragungen
zeigen, dass etwa zwei Drittel diesen Weg wählen,
und das zum Teil auch schon als Bachelor«, so
Physikprofessor Rolf Heilmann. Zu den klassischen
Stellen in der Elektro-, Energie- oder
Raumfahrttechnik kommen seit einigen Jahren
immer mehr Arbeitsplätze in der Laser-, Nanooder
auch in der Medizintechnik hinzu.
BÜCHER UND LINKS
Arno Behr, David Agar, Jakob Jörissen: Einführung in die Technische Chemie; Spektrum, Heidelberg 2010; 278 S., 29,95 Euro. Von der Chemischen Industrie ausgezeichnetes Lehrbuch, das Chemieingenieuren einen Überblick über gängige Verfahren gibt.
Reinhard Renneberg, Viola Berkling: Biotechnologie für Einsteiger; 4. Aufl.; Springer Berlin 2013; 434 S., 39,95 Euro. Anschauliche Einführung in die Verfahren und Anwendungsgebiete der Biotechnologie.
Werner Martienssen, Dieter Röß (Hrsg.): Physik im 21. Jahrhundert; Springer Berlin 2011; 420 S., 29,95 Euro. Essaysammlung, die Begeisterung für Physik vermittelt.
kjvi.de: Die Seiten der »kreativen jungen Verfahrensingenieure« bieten Informationen zu Studium und Forschung sowie Veranstaltungstermine.
biotechnologie.de: Plattform des Bildungsministeriums mit aktuellen Infos und Videos von Experimenten.
fbt-pht.de/info.htm Seite des Fachbereichstags Physikalische Technologien mit Links zu Studienorten und ausgezeichneten Abschlussarbeiten.