Wie ist das Studium aufgebaut?
In den ersten Semestern stehen Mathematik,
Statistik und wirtschaftswissenschaftliches
Grundwissen auf dem Programm Handwerkszeug,
um ökonomische Phänomene zu beschreiben.
»Ich finde es spannend, das Zusammenspiel
von Märkten und Haushalten zu analysieren,
zum Beispiel, wie sich eine schlechte Weizenernte
auf den Bauern, den Konsumenten und den
gesamten Markt auswirkt«, sagt Katharina
Schmidler, 22, die im sechsten Semester VWL
an der Uni Erlangen-Nürnberg studiert.
Die Studenten lernen, wie Angebot und
Nachfrage zusammenhängen und wie sich Mikro- und
Makroökonomie, die beiden Ebenen der
Volkswirtschaft, unterscheiden. Mikroökonomische
Modelle befassen sich mit Entscheidungen
einzelner Akteure auf Märkten, also von Haushalten,
Unternehmen oder Staaten. Makroökonomische
Modelle stellen gesamtwirtschaftliche
Zusammenhänge wie Inflation oder Arbeitslosigkeit
dar. Außerdem lernen angehende Volkswirte
auch Grundzüge der Betriebswirtschaftslehre
(BWL), etwa wie man Bilanzen liest. In den höheren
Semestern können die Studenten eigene
Schwerpunkte setzen, zum Beispiel Geldtheorie,
Umweltpolitik oder auch Globalisierung. Bei
Letzterer geht es dann etwa um den Handel mit
Emissionsrechten oder um die wirtschaftlichen
Auswirkungen der europäischen Integration.
Der Großteil des Studiums besteht aus Vorlesungen
mit begleitenden Tutorien und Übungen,
in denen der Stoff gemeinsam nachbereitet
und vertieft wird. In manchen Seminaren werden
die volkswirtschaftlichen Modelle auf aktuelle
wirtschaftspolitische Fragen übertragen. Die
Studenten diskutieren beispielsweise über die Vor- und
Nachteile des Mindestlohns. Katharina
Schmidler hat in einem Seminar die Ursachen für
die Finanzmarktkrise analysiert und untersucht,
ob und wie diese in Zukunft wieder für Probleme
sorgen könnten. »Unsere Hausarbeit durften wir
im Kieler Institut für Weltwirtschaft präsentieren.
Wir haben dabei auch interessante Einblicke in
die Arbeit von Ökonomen, die in der Forschung
tätig sind, bekommen«, berichtet sie.
Die meisten Studenten absolvieren während
ihres Studiums ein oder mehrere Praktika in
Unternehmen oder bei Organisationen. Pflicht
sind diese aber meistens nicht. Wer auf jeden Fall
ins Ausland will, kann sich für ein internationales
Studienprogramm entscheiden. Dabei ist ein
Aufenthalt fern der Heimathochschule fest
eingeplant. An der Universität Regensburg zum
Beispiel können die Studenten der Internationalen
Volkswirtschaftslehre aus mehr als 50 Austauschhochschulen
wählen.
Die zunehmende Internationalisierung der
VWL spiegelt sich auch in den häufig englischen
Namen der Masterprogramme wider. Insgesamt
sind breit angelegte Master, die schlicht Volkswirtschaftslehre
oder Economics heißen, die
Regel, aber es gibt auch spezialisierte Angebote
wie etwa Accounting and Economics in Osnabrück
oder Economics, Finance and Philosophy
an der Universität des Saarlandes.
Etwa 70 Prozent der Bachelorstudenten in
VWL schließen einen Master an. »Es gibt inzwischen
ein breites Angebot an Masterplätzen.
Mit halbwegs guten Noten bleibt man da nicht
auf der Strecke«, sagt Alfons Weichenrieder, Prodekan
der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät
an der Universität in Frankfurt am Main. Allerdings
komme man dabei eben nicht unbedingt
an der Wunschuniversität unter.
Neue Entwicklungen
Die Banken- und Wirtschaftskrise ist an der
Hochschullehre nicht spurlos vorübergegangen.
Nach und nach setzt in der VWL ein Umdenken
ein. »Es gibt immer öfter Veranstaltungen zum
Thema Finanzkrise, etwa zur Bankenregulierung
oder zur Finanzmarktstabilität«, sagt Alfons
Weichenrieder. An der Frankfurter Goethe-Uni
ist etwa eine Vorlesung zur Ethik in den Wirtschaftswissenschaften
Pflicht. Das ist allerdings
noch längst nicht überall der Fall.
Immer größere Bedeutung kommt im Studienplan
außerdem der Verhaltensökonomie zu, die
auch sozialwissenschaftliche und philosophische
Betrachtungen erlaubt, sowie der experimentellen
Wirtschaftsforschung, die psychologische Faktoren
mit einbezieht.
Das findet auch Simon Walch wichtig, der in
Tübingen im vierten Semester International Econo
mics studiert. »Die Wirtschaftswissenschaften
haben die Krise mitproduziert, statt sie vorauszusehen,
weil sie wichtige Faktoren menschlichen Verhaltens
ausgeblendet haben und von gefühllosen
Akteuren ausgegangen sind«, sagt der 22-Jährige,
der sich für das Fach vor allem entschieden hat,
um der Ungleichverteilung von Reichtum auf den
Grund zu gehen. »Jetzt ist der richtige Zeitpunkt,
um VWL zu studieren: Das Fach ist im Aufbruch
und dabei, sich zu verändern.«
Angesichts der Krise sind Stimmen laut geworden,
die das Fach selbst kritisch betrachten und eine stärkere Reflexion der eigenen Methoden
und Modelle fordern. Das Institute for New
Economic Thinking und der Arbeitskreis Real
World Economics, ein Zusammenschluss kritischer
Studenten, Wissenschaftler und Unternehmer,
fordern zum Beispiel eine größere Theorienvielfalt
in der Lehre neben dem dominanten
Neoliberalismus, eine Abkehr von der Idee des
rein rationalen Homo oeconomicus und mehr
Lebensnähe etwa indem Umweltprobleme
stärker in den Blick genommen werden.
»Aber die alten ökonomischen Prinzipien gelten
auch in der New Economy«, betont der Wirtschaftsprofessor
Alfons Weichenrieder. Während
der Krise seien schlicht wirtschaftliche Grundgesetze
übersehen worden.
Darüber hinaus rücken die Betriebswirtschaftslehre
und die Volkswirtschaftslehre immer
näher zusammen. Denn volkswirtschaftliches
Wissen ist heute nicht mehr nur in Ministerien
gefragt und betriebswirtschaftliches nicht
mehr nur in Unternehmen so werden zum
Beispiel private Banken von der Bankenaufsicht
BaFin kontrolliert oder Energieversorger von der
Bundesnetzagentur. An einigen Universitäten
lernen deshalb BWL- und VWL-Studenten anfangs
gemeinsam, bevor sie ihren jeweiligen
Schwerpunkt wählen, an anderen werden die
beiden Fächer auch zum Studiengang Wirtschaftswissenschaften
kombiniert.
Eignung, Hürden, Irrtümer
Die Welt der Volkswirte ist abstrakt und konkret
zugleich. Sie arbeiten viel mit Statistik und theoretischen
Modellen, treffen aber auch Annahmen
über menschliches Verhalten und übersetzen
diese in Formeln und Graphen. »Lineal, Bleistift
und Radiergummi gehören bei uns zur Grundausstattung.
Wir müssen so viele Modelle zeichnen
und wieder ausbessern, dass wir Kurvenschubser
genannt werden«, sagt die Studentin
Katharina Schmidler.
Mathematik ist die Sprache der Volkswirte
mit einem mühsam erworbenen Grundwortschatz
kann man sich zwar durch das Studium
hangeln, richtig Spaß wird es aber nicht machen.
An manchen Hochschulen können Studienanfänger
deshalb ihr mathematisches Schulwissen
in Vorkursen auffrischen. »Die ersten Semester
macht man fast nur Mathe. Wer glaubt, Volkswirtschaft
bestehe darin, die Börsenkurse zu lesen,
ist fehl am Platz«, sagt Simon Walch.
Die zweite wichtige Sprache der Volkswirte
ist Englisch. Die meisten Lehrbücher sind auf
Englisch verfasst, und spätestens ab dem Master
finden viele Veranstaltungen komplett auf Englisch
statt. Bei internationalen Studiengängen
werden bei den Studenten neben Sprachtalent
auch Weltoffenheit und Wissen über die aktuelle
Nachrichtenlage erwartet.
An den meisten Universitäten gibt es für
Volkswirtschaft einen Numerus clausus, das
heißt, die Studienplätze werden nach der Abiturnote
vergeben. Der Durchschnitt sollte dafür in
der Regel im guten Zweierbereich liegen. Zum
Teil gibt es auch Eignungstests und Vorstellungsgespräche.
Simon Walch musste für seinen
Studien platz an der Universität Tübingen zum
Beispiel ein Auswahlgespräch mit zwei Professoren
überstehen. Umfangreichere Bewerbungsverfahren
wie diese sind aber die Ausnahme, auch
für Masterplätze. Meist bewirbt man sich dafür
mit dem Bachelorzeugnis, wobei die Durchschnittsnote
häufig mindestens bei 2,5 liegen
sollte. Zum Teil werden zusätzlich Empfehlungsoder
Motivationsschreiben verlangt.
Berufsperspektiven
Ob als Analyst bei einer Bank oder als Berater in
der Entwicklungshilfe, ob im Controlling oder
in der Personalplanung Volkswirte arbeiten
überall dort, wo es darauf ankommt, in Modellen
zu denken, wirtschaftliche Zusammenhänge
zu begreifen und quantitative Analysemethoden
anzuwenden. Sie untersuchen zum Beispiel die
wirtschaftliche Entwicklung, um ihren Auftraggebern
eine Entscheidungsgrundlage zu liefern
oder selbst Schlussfolgerungen für das weitere
Handeln zu ziehen. Begehrt, aber knapp sind
Stellen bei internationalen Organisationen wie
etwa den UN oder der Weltbank. Viele Arbeitgeber
legen Wert auf Auslandserfahrung.
Das Hochschul-Informations-System befragte
2010 Absolventen, die ein Jahr zuvor fertig geworden
waren. Drei Viertel der VWLer hatten zu
diesem Zeitpunkt den Berufseinstieg geschafft.
Sie verdienten im Schnitt rund 32 500 Euro. Der
Frankfurter Professor Alfons Weichenrieder hat
noch einen günstigen Umstand ausgemacht: »In
den nächsten Jahren gehen viele Volkswirte in
Pension.«
MITARBEIT: SABRINA EBITSCH
BÜCHER UND LINKS
Wolfgang Henning: Studienführer Wirtschaftswissenschaften; 7., überarb. Auflage; Lexika Verlag, Eibelstadt 2009; 246 S., 15 Euro. Verständlich aufbereitete Infos zur Volks- und Betriebswirtschaftslehre.
Herbert Sperber: VWL-Grundwissen. Ein Schnellkurs zum Auffrischen und Nachschlagen; Beck Juristischer Verlag, 2. Aufl.; München 2012; 127 S., 6,90 Euro. Einblick in die Grundlagen des Fachs - von Arbeitslosigkeit bis Zinsentwicklung.
Tim Harford: Ökonomics. Warum die Reichen reich sind und die Armen arm und Sie nie einen günstigen Gebrauchtwagen bekommen; Goldmann Verlag, München 2009; 384 S., 9,95 Euro. Bricht Wirtschaftstheorien amüsant auf Alltägliches wie Supermärkte herunter.
George Akerlof/Rachel E. Kranton: Identity Economics. Warum wir ganz anders ticken, als die meisten Ökonomen denken. Carl Hanser Verlag, München 2011; 208 S., 19,90 Euro. Wie Soziales und Wirtschaft zusammenspielen, wird in diesem Buch erklärt.
Steffen J. Roth: VWL für Einsteiger. Mikroökonomik, Wirtschaftspolitik, Neue Politische Ökonomie; 3. Aufl.; UTB, München 2011; 264 S., 19,90 Euro. So viel Methodik und Mathe wie nötig, aber nicht mehr: praxisnahe Einführung.
vwl-bwl.de: Schneller Zugang zu den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten sowie weitere Links.
ineteconomics.org: Im Blog des Institute for New Economic Thinking finden sich Nachrichten und Beiträge rund um die Neuorientierung der Wirtschaftswissenschaften.