CHE Hochschulranking 2013/14

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  • KURZ-INFO Volkswirte haben Staaten, aber auch Wirtschaftsräume wie die Euro-Zone im Blick. Themen wie Bankenregulierung spielen seit der Finanzkrise eine wichtige Rolle. Mathe-Fans sind im Vorteil. Viele Arbeitgeber erwarten von Bewerbern Auslandserfahrung. VON CHRISTINE BÖHRINGER

    Worum geht es?
    Wie spannt man einen Rettungsschirm für hoch verschuldete Länder? Wie wird sich der Arbeitsmarkt im Abschwung entwickeln, und was bedeutet das für die Steuereinnahmen? Solche großen wirtschaftlichen Zusammenhänge und Entwicklungen versucht die Volkswirtschaftslehre (VWL) zu erklären. Es geht aber auch um einzelne Marktphänomene wie zum Beispiel die Frage, warum die Benzinpreise so stark schwanken. Anders als Betriebswirte haben Volkswirte dabei weniger einzelne Unternehmen, sondern ganze Staaten und Wirtschaftsräume im Blick, etwa die Euro-Zone. Mithilfe mathematischer Modelle analysieren sie die Entwicklung von Wechselkursen und Inflation. Sie versuchen vorherzusagen, welche Impulse eine Steuersenkung der Wirtschaft geben würde, oder forschen nach Wegen, das Rentensystem einer immer älter werdenden Gesellschaft anzupassen.

  • Wie ist das Studium aufgebaut?
    In den ersten Semestern stehen Mathematik, Statistik und wirtschaftswissenschaftliches Grundwissen auf dem Programm – Handwerkszeug, um ökonomische Phänomene zu beschreiben. »Ich finde es spannend, das Zusammenspiel von Märkten und Haushalten zu analysieren, zum Beispiel, wie sich eine schlechte Weizenernte auf den Bauern, den Konsumenten und den gesamten Markt auswirkt«, sagt Katharina Schmidler, 22, die im sechsten Semester VWL an der Uni Erlangen-Nürnberg studiert. Die Studenten lernen, wie Angebot und Nachfrage zusammenhängen und wie sich Mikro- und Makroökonomie, die beiden Ebenen der Volkswirtschaft, unterscheiden. Mikroökonomische Modelle befassen sich mit Entscheidungen einzelner Akteure auf Märkten, also von Haushalten, Unternehmen oder Staaten. Makroökonomische Modelle stellen gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge wie Inflation oder Arbeitslosigkeit dar. Außerdem lernen angehende Volkswirte auch Grundzüge der Betriebswirtschaftslehre (BWL), etwa wie man Bilanzen liest. In den höheren Semestern können die Studenten eigene Schwerpunkte setzen, zum Beispiel Geldtheorie, Umweltpolitik oder auch Globalisierung. Bei Letzterer geht es dann etwa um den Handel mit Emissionsrechten oder um die wirtschaftlichen Auswirkungen der europäischen Integration. Der Großteil des Studiums besteht aus Vorlesungen mit begleitenden Tutorien und Übungen, in denen der Stoff gemeinsam nachbereitet und vertieft wird. In manchen Seminaren werden die volkswirtschaftlichen Modelle auf aktuelle wirtschaftspolitische Fragen übertragen. Die Studenten diskutieren beispielsweise über die Vor- und Nachteile des Mindestlohns. Katharina Schmidler hat in einem Seminar die Ursachen für die Finanzmarktkrise analysiert und untersucht, ob und wie diese in Zukunft wieder für Probleme sorgen könnten. »Unsere Hausarbeit durften wir im Kieler Institut für Weltwirtschaft präsentieren. Wir haben dabei auch interessante Einblicke in die Arbeit von Ökonomen, die in der Forschung tätig sind, bekommen«, berichtet sie. Die meisten Studenten absolvieren während ihres Studiums ein oder mehrere Praktika in Unternehmen oder bei Organisationen. Pflicht sind diese aber meistens nicht. Wer auf jeden Fall ins Ausland will, kann sich für ein internationales Studienprogramm entscheiden. Dabei ist ein Aufenthalt fern der Heimathochschule fest eingeplant. An der Universität Regensburg zum Beispiel können die Studenten der Internationalen Volkswirtschaftslehre aus mehr als 50 Austauschhochschulen wählen. Die zunehmende Internationalisierung der VWL spiegelt sich auch in den häufig englischen Namen der Masterprogramme wider. Insgesamt sind breit angelegte Master, die schlicht Volkswirtschaftslehre oder Economics heißen, die Regel, aber es gibt auch spezialisierte Angebote wie etwa Accounting and Economics in Osnabrück oder Economics, Finance and Philosophy an der Universität des Saarlandes. Etwa 70 Prozent der Bachelorstudenten in VWL schließen einen Master an. »Es gibt inzwischen ein breites Angebot an Masterplätzen. Mit halbwegs guten Noten bleibt man da nicht auf der Strecke«, sagt Alfons Weichenrieder, Prodekan der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät an der Universität in Frankfurt am Main. Allerdings komme man dabei eben nicht unbedingt an der Wunschuniversität unter.



    Neue Entwicklungen
    Die Banken- und Wirtschaftskrise ist an der Hochschullehre nicht spurlos vorübergegangen. Nach und nach setzt in der VWL ein Umdenken ein. »Es gibt immer öfter Veranstaltungen zum Thema Finanzkrise, etwa zur Bankenregulierung oder zur Finanzmarktstabilität«, sagt Alfons Weichenrieder. An der Frankfurter Goethe-Uni ist etwa eine Vorlesung zur Ethik in den Wirtschaftswissenschaften Pflicht. Das ist allerdings noch längst nicht überall der Fall. Immer größere Bedeutung kommt im Studienplan außerdem der Verhaltensökonomie zu, die auch sozialwissenschaftliche und philosophische Betrachtungen erlaubt, sowie der experimentellen Wirtschaftsforschung, die psychologische Faktoren mit einbezieht. Das findet auch Simon Walch wichtig, der in Tübingen im vierten Semester International Econo mics studiert. »Die Wirtschaftswissenschaften haben die Krise mitproduziert, statt sie vorauszusehen, weil sie wichtige Faktoren menschlichen Verhaltens ausgeblendet haben und von gefühllosen Akteuren ausgegangen sind«, sagt der 22-Jährige, der sich für das Fach vor allem entschieden hat, um der Ungleichverteilung von Reichtum auf den Grund zu gehen. »Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um VWL zu studieren: Das Fach ist im Aufbruch und dabei, sich zu verändern.« Angesichts der Krise sind Stimmen laut geworden, die das Fach selbst kritisch betrachten und eine stärkere Reflexion der eigenen Methoden und Modelle fordern. Das Institute for New Economic Thinking und der Arbeitskreis Real World Economics, ein Zusammenschluss kritischer Studenten, Wissenschaftler und Unternehmer, fordern zum Beispiel eine größere Theorienvielfalt in der Lehre neben dem dominanten Neoliberalismus, eine Abkehr von der Idee des rein rationalen Homo oeconomicus und mehr Lebensnähe – etwa indem Umweltprobleme stärker in den Blick genommen werden. »Aber die alten ökonomischen Prinzipien gelten auch in der New Economy«, betont der Wirtschaftsprofessor Alfons Weichenrieder. Während der Krise seien schlicht wirtschaftliche Grundgesetze übersehen worden. Darüber hinaus rücken die Betriebswirtschaftslehre und die Volkswirtschaftslehre immer näher zusammen. Denn volkswirtschaftliches Wissen ist heute nicht mehr nur in Ministerien gefragt und betriebswirtschaftliches nicht mehr nur in Unternehmen – so werden zum Beispiel private Banken von der Bankenaufsicht BaFin kontrolliert oder Energieversorger von der Bundesnetzagentur. An einigen Universitäten lernen deshalb BWL- und VWL-Studenten anfangs gemeinsam, bevor sie ihren jeweiligen Schwerpunkt wählen, an anderen werden die beiden Fächer auch zum Studiengang Wirtschaftswissenschaften kombiniert.



    Eignung, Hürden, Irrtümer
    Die Welt der Volkswirte ist abstrakt und konkret zugleich. Sie arbeiten viel mit Statistik und theoretischen Modellen, treffen aber auch Annahmen über menschliches Verhalten und übersetzen diese in Formeln und Graphen. »Lineal, Bleistift und Radiergummi gehören bei uns zur Grundausstattung. Wir müssen so viele Modelle zeichnen und wieder ausbessern, dass wir Kurvenschubser genannt werden«, sagt die Studentin Katharina Schmidler. Mathematik ist die Sprache der Volkswirte – mit einem mühsam erworbenen Grundwortschatz kann man sich zwar durch das Studium hangeln, richtig Spaß wird es aber nicht machen. An manchen Hochschulen können Studienanfänger deshalb ihr mathematisches Schulwissen in Vorkursen auffrischen. »Die ersten Semester macht man fast nur Mathe. Wer glaubt, Volkswirtschaft bestehe darin, die Börsenkurse zu lesen, ist fehl am Platz«, sagt Simon Walch. Die zweite wichtige Sprache der Volkswirte ist Englisch. Die meisten Lehrbücher sind auf Englisch verfasst, und spätestens ab dem Master finden viele Veranstaltungen komplett auf Englisch statt. Bei internationalen Studiengängen werden bei den Studenten neben Sprachtalent auch Weltoffenheit und Wissen über die aktuelle Nachrichtenlage erwartet. An den meisten Universitäten gibt es für Volkswirtschaft einen Numerus clausus, das heißt, die Studienplätze werden nach der Abiturnote vergeben. Der Durchschnitt sollte dafür in der Regel im guten Zweierbereich liegen. Zum Teil gibt es auch Eignungstests und Vorstellungsgespräche. Simon Walch musste für seinen Studien platz an der Universität Tübingen zum Beispiel ein Auswahlgespräch mit zwei Professoren überstehen. Umfangreichere Bewerbungsverfahren wie diese sind aber die Ausnahme, auch für Masterplätze. Meist bewirbt man sich dafür mit dem Bachelorzeugnis, wobei die Durchschnittsnote häufig mindestens bei 2,5 liegen sollte. Zum Teil werden zusätzlich Empfehlungsoder Motivationsschreiben verlangt.

    Berufsperspektiven
    Ob als Analyst bei einer Bank oder als Berater in der Entwicklungshilfe, ob im Controlling oder in der Personalplanung – Volkswirte arbeiten überall dort, wo es darauf ankommt, in Modellen zu denken, wirtschaftliche Zusammenhänge zu begreifen und quantitative Analysemethoden anzuwenden. Sie untersuchen zum Beispiel die wirtschaftliche Entwicklung, um ihren Auftraggebern eine Entscheidungsgrundlage zu liefern oder selbst Schlussfolgerungen für das weitere Handeln zu ziehen. Begehrt, aber knapp sind Stellen bei internationalen Organisationen wie etwa den UN oder der Weltbank. Viele Arbeitgeber legen Wert auf Auslandserfahrung. Das Hochschul-Informations-System befragte 2010 Absolventen, die ein Jahr zuvor fertig geworden waren. Drei Viertel der VWLer hatten zu diesem Zeitpunkt den Berufseinstieg geschafft. Sie verdienten im Schnitt rund 32 500 Euro. Der Frankfurter Professor Alfons Weichenrieder hat noch einen günstigen Umstand ausgemacht: »In den nächsten Jahren gehen viele Volkswirte in Pension.«

    MITARBEIT: SABRINA EBITSCH

    BÜCHER UND LINKS
    Wolfgang Henning: Studienführer Wirtschaftswissenschaften; 7., überarb. Auflage; Lexika Verlag, Eibelstadt 2009; 246 S., 15 Euro. Verständlich aufbereitete Infos zur Volks- und Betriebswirtschaftslehre.

    Herbert Sperber: VWL-Grundwissen. Ein Schnellkurs zum Auffrischen und Nachschlagen; Beck Juristischer Verlag, 2. Aufl.; München 2012; 127 S., 6,90 Euro. Einblick in die Grundlagen des Fachs - von Arbeitslosigkeit bis Zinsentwicklung.

    Tim Harford: Ökonomics. Warum die Reichen reich sind und die Armen arm und Sie nie einen günstigen Gebrauchtwagen bekommen; Goldmann Verlag, München 2009; 384 S., 9,95 Euro. Bricht Wirtschaftstheorien amüsant auf Alltägliches wie Supermärkte herunter.

    George Akerlof/Rachel E. Kranton: Identity Economics. Warum wir ganz anders ticken, als die meisten Ökonomen denken. Carl Hanser Verlag, München 2011; 208 S., 19,90 Euro. Wie Soziales und Wirtschaft zusammenspielen, wird in diesem Buch erklärt.

    Steffen J. Roth: VWL für Einsteiger. Mikroökonomik, Wirtschaftspolitik, Neue Politische Ökonomie; 3. Aufl.; UTB, München 2011; 264 S., 19,90 Euro. So viel Methodik und Mathe wie nötig, aber nicht mehr: praxisnahe Einführung.

    vwl-bwl.de: Schneller Zugang zu den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten sowie weitere Links.

    ineteconomics.org: Im Blog des Institute for New Economic Thinking finden sich Nachrichten und Beiträge rund um die Neuorientierung der Wirtschaftswissenschaften.

  • Überblick der Studienangebote für das Fach in der ZEIT ONLINE Studiengangsuche

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