CHE Hochschulranking 2013/14

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  • KURZ-INFO Germanisten analysieren Texte vom Minnesang über den Bildungsroman bis zur Fan-Fiction. Viele unter schätzen, wie sperrig Texte sein können. Jeder zweite Studienanfänger will Lehrer werden. Zusatzqualifikationen steigern die Jobchancen. VON CHRISTINE BÖHRINGER

    Worum geht es?
    Wie verändert Facebook unseren Umgang mit Sprache? Welche formalen Besonderheiten kennzeichnen Fontanes Erzählungen? Auf welchen Traditionen fußen die Buddenbrooks? Germanisten setzen sich wissenschaftlich mit der deutschen Sprache und Literatur aus Vergangenheit und Gegenwart auseinander. Die Studenten lesen Gedichte, Romane und Erzählungen und ordnen sie in den jeweiligen Kontext ein. Sie analysieren auch die Grammatik und den Wortschatz und erkunden die Entwicklung der deutschen Sprache. Das Fach ist vor allem bei Frauen beliebt: Sie stellen 70 bis 80 Prozent der Studienanfänger.

  • Wie ist das Studium aufgebaut?
    Das Studium beginnt mit Vorlesungen, Übungen und Seminaren in den drei Hauptdisziplinen der Germanistik: Neuere deutsche Literatur, Ältere deutsche Literatur und Sprachwissenschaft. In der Sprachwissenschaft, auch Linguistik genannt, lernen die Studenten gleich im ersten Semester, Sprache mittels Lautschrift darzustellen. Später untersuchen sie etwa die Kommunikation von Jugendlichen oder die Bedeutung von Namen. Sie gehen der Frage nach, wie Dialekte entstehen und warum sich gesprochene Sprache und Schriftdeutsch unterscheiden. Und sie befassen sich mit Grammatik, denn mit deren Hilfe lassen sich Texte erschließen. Um etwa über Conrad Ferdinand Meyers Formulierung »Aufsteigt der Strahl« aus dem Gedicht Der Römische Brunnen zu befinden, müsse man etwas über »trennbare Partikelverben, die deutsche Satzklammer und Ausklammerungen« wissen, sagt Jörg Kilian, Germanistik-Professor in Kiel und Vorsitzender des Deutschen Germanistenverbandes. In der Älteren deutschen Literatur geht es um die Ästhetik, die Erzählstruktur und die Geschichte von Texten des 8. bis 15. Jahrhunderts: Werke wie das Nibelungenlied oder das Narrenschiff etwa sind auf Mittel- bzw. Frühneuhochdeutsch verfasst. In der Neueren deutschen Literatur stehen Schillers Dramen und Goethes Lyrik ebenso auf dem Stundenplan wie zeitgenössische Autoren. »Am Anfang haut einen die Vielfalt der Literatur fast um, aber das Schöne daran ist, dass man ständig neue Autoren entdeckt, von denen man vorher noch nie gehört hat«, sagt Jan Lindenau, 23, der im sechsten Semester an der Berliner Humboldt- Uni Germanistik studiert. Auch ein Thema sind neue Literaturformen wie Fan-Fiction: geschrieben von Menschen, die ihre eigenen Versionen berühmter Buch- oder Filmvorlagen entwickeln und meist im Internet veröffentlichen. In Hausarbeiten und Klausuren zeigen die Studenten, dass sie Texte kritisch reflektieren und in einen größeren Zusammenhang stellen können. Sie lernen außerdem, wissenschaftliche Ergebnisse zu präsentieren oder durch creative writing ihren Stil zu verbessern. Wer Lehrer werden will, erfährt in Didaktikseminaren, wie sprachliches Wissen erzeugt und vermittelt werden kann. An einigen Hochschulen ist ein Praktikum von vier bis acht Wochen in den Semesterferien Pflicht. Beliebt sind Praktika bei Verlagen und Medien, in Theatern oder Museen. Gut zwei Drittel der Bachelorabsolventen in Germanistik studieren nach dem Abschluss weiter. Beim Master gibt es einen Trend zur Spezialisierung. An der Uni Kiel zum Beispiel gibt es einen Masterschwerpunkt Niederdeutsch, an der Uni Jena kann man Deutsche Klassik im europäischen Kontext studieren, in Göttingen gibt es Interkulturelle Germanistik Deutschland – China.



    Neue Entwicklungen
    In den vergangenen Jahren haben sich überall dort, wo sich die Themen einzelner Fächer überschneiden, neue Studiengänge gebildet. Die Germanistik ist oft an ihnen beteiligt – etwa an den Kulturwissenschaften, der Computerlinguistik, der Computerphilologie und der Kognitiven Linguistik. Die Computerlinguistik versucht unter anderem, Suchmaschinen nicht mehr nur einzelne Wörter, sondern den Sinn ganzer Sätze verstehen zu lassen. Die Computerphilologie lehrt Methoden, Texte digital zu erfassen und im Internet zu publizieren. Die Kognitive Linguistik fragt zum Beispiel danach, warum manche Kinder Sprachstörungen entwickeln. In der Literaturwissenschaft ist die Graphic Novel ein neues Thema. Germanisten gehen der Frage nach, wie Comiczeichner durch die Verbindung von Text und Bild ihre eigenen Erzählstrukturen entwickeln. Auch medien- und filmwissenschaftliche Themen sind Gegenstand des Studiums. »Untersucht werden beispielsweise die Ursprünge von narrativen Motiven, etwa Rache oder Verrat, die für Actionfilme typisch sind«, sagt Martin Huber, Germanistik-Professor in Bayreuth. An Bedeutung gewonnen haben Deutsch als Fremdsprache (DaF) und Deutsch als Zweitsprache (DaZ) sowie die Interkulturelle Germanistik. DaF und DaZ sind vielerorts als Pflichtmodule in das Lehramtsstudium integriert und werden als eigenes Fach von mehr als 20 Universitäten angeboten. Die Absolventen können als Deutschlehrer im Ausland arbeiten, als Dozenten in Sprachkursen für Einwanderer oder im Förderunterricht für Migrantenkinder. In Interkultureller Germanistik geht es um die Frage, wie sich die deutsche Sprache in anderen Teilen der Welt vermitteln lässt. Grenzüberschreitende Kommunikation wird dabei nicht nur untersucht, sondern auch praktiziert – unter den Studenten sind oft viele Ausländer. Neben den klassischen viersemestrigen Masterstudiengängen sollen an vielen Fakultäten künftig auch berufsbegleitende Teilzeitprogramme angeboten werden.



    Eignung, Hürden, Irrtümer
    Nur weil er gern liest oder den Deutschunterricht mochte, sollte niemand Germanistik studieren. Das Studium hat wenig damit zu tun, sich gemütlich in den neuesten Besteller zu vertiefen. »In den ersten beiden Semestern, wenn die Grundbegriffe der Sprach- und Literaturwissenschaft auf dem Programm stehen, muss man sich durchbeißen«, sagt Lena Roder, 23, die gerade das sechste Semester in Würzburg beendet und ihre Bachelorarbeit geschrieben hat. »Vor allem zu Beginn geht es nicht darum, eigene Ideen zu Texten zu entwickeln, da wird eigentlich nur gepaukt.« Dafür bietet das Fach später die Möglichkeit, eigene Schwerpunkte zu setzen. Was man unbedingt mitbringen muss, ist Begeisterung für Literatur. Lena Roder erinnert sich noch gut an die Leseliste, die im ersten Semester verteilt wurde: »Darauf stehen ungefähr 250 Werke, die man bis zum Ende des Studiums gelesen haben soll.« Viele Studienanfänger unterschätzen den wissenschaftlichen Anspruch an die Lektüre und wundern sich, wie sperrig Texte sein können. Manch einer kommt mit der analytischen Vorgehensweise der Sprachwissenschaft nicht klar oder mit der fernen Welt der Mediävistik. Doch auch zu älteren Texten könne man einen Zugang finden, meint Jan Lindenau, der Student aus Berlin. Zu seinen persönlichen Studienhighlights gehören die »Sudelbücher«, in denen der Naturwissenschaftler Georg Christoph Lichtenberg im 18. Jahrhundert seine alltäglichen Beobachtungen notiert hat. »Wenn man das liest, fühlt man sich wie auf einer Zeitreise.« Germanistikstudenten müssen ihre Zeit selbstständig einteilen: »Während der Semesterferien stehen fast immer zwei oder drei Hausarbeiten an. Die sollte man auf keinen Fall zu lang vor sich herschieben, sonst gerät man später mit der Bachelorarbeit in Verzug«, sagt Lindenau. Wichtig ist auch, schnell lesen zu können. »Ich lese in jeder freien Stunde und fast jeden Abend im Bett«, sagt Lena Roder. Ihr Tagespensum liegt bei 30 bis 40 Seiten, Jan Lindenau arbeitet sich in jeder Semesterwoche durch etwa 200 Seiten. An vielen Unis gibt es örtliche Zulassungsbeschränkungen. Bisher bewegte sich der Numerus clausus meist irgendwo um die Note »gut«, aber eine Zwei vor dem Komma reicht nicht überall. In Bielefeld lag der NC im Wintersemester 2012/13 für Germanistik im Hauptfach bei 1,5 und im Nebenfach bei 1,7. In Bochum und Paderborn musste man einen Abi-Schnitt von 1,3 haben, um für Germanistik zugelassen zu werden. An manchen Unis (wie zum Beispiel in Göttingen) werden die Abi-Noten in Deutsch und Fremdsprachen stärker gewichtet. Immer häufiger erwarten die Hochschulen praktische Erfahrung. Bewerber an der Uni Freiburg etwa können punkten, wenn sie schon für eine Zeitung geschrieben oder ein Praktikum bei einer Werbeagentur gemacht haben. Für einen Masterplatz wird meist eine 2,0 oder 2,5 im Bachelor verlangt, an einigen Unis gibt es Eignungstests oder Auswahlgespräche. Insgesamt ist das Platzangebot aber größer als die Nachfrage.

    Berufsperspektiven
    Jeder zweite Student, der mit Germanistik anfängt, will später als Lehrer arbeiten. Weil für alle anderen ein konkretes Berufsbild fehlt, sollten diese sich schon während des Studiums mit Praktika und Auslandsaufenthalten zusätzlich qualifizieren. Außerdem machen die Unis unterschiedliche Ergänzungsangebote, in Kiel etwa ein zweisemestriges Zusatzfach Kulturmanagement. Germanisten können in der Erwachsenenbildung arbeiten, als Pressesprecher oder in der Personalentwicklung von Unternehmen sowie als Journalisten. Letzteres setzt allerdings voraus, dass sie schon während des Studiums für Redaktionen gearbeitet haben. Germanisten sind aber auch als Sprachwissenschaftler in der Softwareentwicklung tätig, man findet sie in Verlagen oder in der Sprecherziehung, als Bibliothekare oder als Wissenschaftler an Hochschulen. Wie viele Geisteswissenschaftler brauchen auch Germanisten für den Berufseinstieg oft einen längeren Atem. Einer Studie des Hochschul- Informations-Systems zufolge hatten 2010 knapp 60 Prozent der Absolventen innerhalb eines Jahres eine Stelle gefunden mit einem Einstiegsgehalt von durchschnittlich 25 700 Euro; fast 30 Prozent hatten vorher erst noch ein Praktikum gemacht.

    MITARBEIT: OLIVER BURGARD

    BÜCHER UND LINKS
    Udo Friedrich/Martin Huber/Ulrich Schmitz: Orientierungskurs Germanistik; 2. Aufl., Klett, Stuttgart 2009; 176 S., 14,95 Euro. Informiert über Inhalte und Fragestellungen der Germanistik.

    Simone Finkele/Stefan Scherer: Germanistik studieren. Eine praxisorientierte Einführung. WBG, Darmstadt 2011; 160 S.; 14,90 Euro. Das Buch enthält praktische Hinweise zu Studienalltag und wissenschaftlichem Arbeiten.

    Heinz Drügh/Susanne Komfort-Hein/Andreas Kraß u.a.: Germanistik. Sprachwissenschaft, Literaturwissenschaft, Schlüsselkompetenzen; J.B. Metzler, Stuttgart 2012; 509 S.; 29,95 Euro. Erklärt Grundbegriffe des Studiums und führt in Sprach- und Literaturgeschichte ein.

    li-go.de: Der Selbstlernkurs erklärt literaturwissenschaftliche Grundbegriffe und enthält interaktive Übungen.

    germanistik-im-netz.de: Online-Fachbibliothek mit News und weiterführenden Links.

    germanistenverband.de: Onlineportal der Hochschulgermanistik.

  • Überblick der Studienangebote für das Fach in der ZEIT ONLINE Studiengangsuche

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