Wie ist das Studium aufgebaut?
In den ersten Semestern lernen die Studenten
Grundlagen aus verschiedenen Bereichen: In der
Allgemeinen Psychologie befassen sie sich beispielsweise
damit, wie Menschen Probleme lösen
oder wie das Gedächtnis funktioniert. In der Entwicklungspsychologie
behandeln sie alle Lebensphasen
von der Geburt bis ins hohe Alter. Die
Sozialpsychologie fragt nach dem Erleben und
Verhalten in Gruppen, die Differenzielle Psychologie
nach Unterschieden: Welche Eigenschaften
bestimmen die Persönlichkeit? Wie lässt sich Intelligenz
messen? Die biologische Perspektive
rundet die Einführungen ab: Die Studenten bekommen
einen Einblick in die Funktion der
Sinne, die Arbeitsweise des Gehirns und die Rolle
der Hormone im Organismus.
All das wird meist in Vorlesungen vermittelt
und in Klausuren geprüft. »Ich habe Psychologie
gewählt, um hinter die eigentliche Natur des
Menschen zu kommen«, sagt Aenne Brielmann,
22, die im sechsten Semester an der Uni Konstanz
studiert. »Mittlerweile kann ich über die
komplexen Vorgänge im Menschen nur noch
staunen.« Das Handwerkszeug für die Forschung
erwerben die Studenten in Seminaren und Übungen.
Dazu zählen etwa Statistik, Diagnostik und Testtheorie. Außerdem lernen die Studenten
psychologische Grundfertigkeiten wie
etwa Gesprächsführung oder die Deutung von
Körperhaltung und Stimme ihres Gegenübers.
In empirischen Praktika fertigen die angehenden
Psychologen selbst Studien an, indem sie eigene
Versuche planen, durchführen und auswerten.
Clara Japing, 21, Psychologiestudentin im vierten
Semester an der TU Dresden, hat mit ihren Kommilitonen
untersucht, inwiefern sich Erfolg oder
Misserfolg auf den Testosteronspiegel auswirken: »Dafür haben wir unsere Versuchs personen Aufgaben
lösen lassen und ihnen anschließend mitgeteilt,
ob sie besser oder schlechter als ein fiktiver
Kontrahent abgeschnitten haben«, berichtet die
Studentin. Dann haben wir eine Speichelprobe
genommen und diese analysiert.«
Die sogenannten Anwendungsfächer in den
höheren Semestern haben einen stärkeren Bezug
zur Praxis. Häufig sind dies Klinische Psychologie
und Psychotherapie, die sich mit psychischen
Störungen befasst, Arbeits- und Organisationspsychologie
sowie Pädagogische Psychologie.
Welche Schwerpunkte eine Uni anbietet, lässt sich
auf der Homepage des Instituts feststellen. Teil
jedes Studiums ist ein mehrwöchiges Praktikum,
etwa in einer psychosomatischen Klinik, bei
Marktforschungsinstituten oder in der Personalabteilung
einer Firma. Denkbar ist aber auch, in
einer Forschungsgruppe an der Uni mitzuarbeiten.
Nach dem Bachelorabschluss studieren fast
alle weiter. »Nur mit dem Master ist man ein voll
ausgebildeter Psychologe«, betont Jürgen Margraf,
Psychologieprofessor an der Uni Bochum. Die
meisten Hochschulen bieten einen allgemeinen
Master in Psychologie an, in dem die Studenten
Methoden- und Diagnostik-Kenntnisse vertiefen
und Schwerpunkte in einzelnen Fachzweigen wie
Klinische Psychologie, Sozialpsychologie, Entwicklungspsychologie
oder Wirtschaftspsychologie
wählen. Vor allem an Fachhochschulen ist es
möglich, sich bereits im Bachelor auf Wirtschaftspsychologie
zu spezialisieren.
Neue Entwicklungen
Die Unis in Konstanz, Marburg und Tübingen
haben sich dazu entschlossen, die Regelstudienzeit
für den Psychologie-Bachelor auf acht statt auf
sechs Semester anzulegen, um mehr Zeit für Praktika
und Auslandsaufenthalte zu schaffen. Deshalb
arbeitete die Konstanzer Studentin Aenne Brielmann
im fünften Semester drei Monate lang am
Vancouver General Hospital in Kanada und drei
Monate am Max-Planck-Institut in Tübingen. In
der Regel wird nach dem vierjährigen Bachelor ein
einjähriger Master angeschlossen.
Inhaltlich haben im Studium die Neurowissenschaften,
die sich mit der Funktionsweise des
Gehirns befassen, an Gewicht gewonnen. Einige
Unis bieten dazu spezielle Masterprogramme an:
In Bochum, Magdeburg und Konstanz kann man
sich im allgemeinen Psychologie-Master auf
kognitive Neurowissenschaften spezialisieren; in
Oldenburg und München gibt es Neurocognitive
Psychology als englischsprachigen Master. Einen weiteren Trend macht Jürgen Margraf in der
Kinder- und Jugendpsychologie aus. »Bislang war
dieses Gebiet meist nur ein Teil der Klinischen
Psychologie«, sagt er. »Inzwischen kann man es
an manchen Unis schon im Bachelor als eigenen
Schwerpunkt wählen.« Zu den Anbietern zählen
unter anderem Bielefeld, Bochum und Marburg.
Eignung, Hürden, Irrtümer
Viele Studienanfänger sind überrascht, wie viel
Naturwissenschaft in einem Psychologiestudium
vorkommt. Man muss analytisch denken können,
sollte Spaß an Mathe und Statistik haben und sich
auch für Biologie interessieren. Die Stundenpläne
sind oft straff, der gefühlte Druck ist hoch. Vor
allem in den ersten zwei Semestern müssen viel
Theorie und Methodenwissen gepaukt werden.
Aber Seminare und Praktika lockern den Stoff auf,
und der Anwendungsbezug nimmt im Lauf des
Studiums zu. »Es ist schön, im Alltag Dinge
wiederzufinden, die ich im Studium gelernt
habe«, sagt Clara Japing. »Ich weiß jetzt zum
Beispiel, warum man bei einem Party-Gespräch
die Geräuschkulisse ausblenden kann, seinen
eigenen Namen aber immer heraushört.«
Ein Großteil der Fachliteratur ist auf Englisch,
auch manche Lehrveranstaltungen werden auf
Englisch gehalten. Das sei kein Grund zur Sorge,
meint Aenne Brielmann, mit der Zeit wachse man
da hinein: »Im ersten Semester erwartet keiner,
dass man die Terminologie beherrscht.«
Psychologie zu studieren heißt auch, sich mit
der eigenen Psyche auseinanderzusetzen und Erfahrungen
zu reflektieren. Es wäre jedoch falsch
zu glauben, mithilfe des Studiums eigene Probleme
lösen oder sich gar selbst therapieren zu
können ganz abgesehen davon, dass psychische
Störungen nur ein Spezialgebiet unter vielen im
Studium sind. Schwere seelische Erkrankungen
werden zudem häufig von Psychiatern behandelt,
die im Gegensatz zu Psychologen ein medizinisches
Fachstudium absolviert haben müssen.
Das Fach Psychologie ist örtlich zulassungsbeschränkt.
Für einen Studienplatz musste in der
Vergangenheit im Abi fast immer eine Eins vor
dem Komma stehen. Zulassungsvoraussetzung
für einen Master ist in der Regel eine Bachelornote
von 2,5 oder 3,0. Aber auch hier haben die
Besten die Nase vorn. Darüber hinaus können die
fachliche Orientierung im Bachelor, Auswahlgespräche
und Motivationsschreiben eine Rolle
spielen. »Leider kriegen nicht alle einen Platz an
der Uni ihrer Wahl«, sagt Jürgen Margraf. »Deswegen
ist es wichtig, räumlich flexibel zu bleiben.«
Berufsperspektiven
Gesundheitsdienst: in der eigenen Praxis, in
Kliniken, Pflegeheimen oder Beratungsstellen.
Ein wichtiges Arbeitsfeld dabei ist die Prävention.
Der zweitgrößte Teil arbeitet in der Wirtschaftspsychologie.
Wer sich zum Beispiel in Arbeits- und
Organisationspsychologie auskennt, sitzt oft
in der Personalabteilung, wählt neue Mitarbeiter
aus und entwickelt Programme, um die Kollegen
zu motivieren und zu fördern. Psychologen mit
dem Schwerpunkt Pädagogische Psychologie arbeiten
als Schulpsychologen, in sozialen Einrichtungen
oder in der Erwachsenenbildung.
Laut einer Studie des Hochschul-Informations-
Systems von 2010 waren 65 Prozent der
Absolventen nach einem Jahr regulär erwerbstätig
(Einstiegsgehalt: 31 700 Euro). Die niedrige
Quote liegt auch daran, dass viele Psychologen
eine Zusatzausbildung zum Psychotherapeuten
anschließen. Man kann die Ausbildung in Vollzeit
(drei Jahre) oder berufsbegleitend (fünf Jahre)
machen. Neben Fachärzten können nur »Psychologische
Psychotherapeuten« eine Praxis aufmachen,
die mit der Krankenkasse abrechnen
können. Voraussetzung für diese Ausbildung ist
im Moment ein Master in Psychologie, der das
Fach Klinische Psychologie einschließt.
BÜCHER UND LINKS
Celina und Wolfgang Henning: Studienführer Psychologie; 6., aktual. Aufl.; Lexika-Verlag, Eibelstadt 2010; 256 S., 15 Euro. Informationen über die Zulassung, den Ablauf des Studiums sowie Berufsperspektiven.
Andrew Stevenson: Studienbegleiter Psychologie. Der kompakte Werkzeugkoffer zum Einstieg; Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2009; 220 S., 24,95 Euro. Das Buch erklärt die wichtigsten Begriffe und Methoden.
dgps.de/studium: Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie gibt einen Überblick zu den Studienmöglichkeiten in Deutschland und zu Berufswegen.
bit.ly/zs13psycho: Der Self-Assessment-Test der Goethe-Uni in Frankfurt gibt Auskunft über die Eignung fürs Psychologiestudium. Ähnliche Tests bieten die RWTH Aachen und die Uni Mannheim auf ihren Homepages.
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