Wie ist das Studium aufgebaut?
Es ist wie bei allen naturwissenschaftlichen Studienfächern:
An den Grundlagen in Chemie, Physik
und Mathe kommen auch Bio-Studenten nicht
vorbei. Säure-Basen-Gleichgewichte, thermodynamische
Zustände und Integralrechnung all
das gehört dazu. Die Anfangssemester dienen
zudem der Basisausbildung in den biologischen
Grunddisziplinen Zoologie, Botanik, Genetik,
Zell- und Entwicklungsbiologie, Mikrobiologie
und Ökologie. Den Vorlesungsstoff prüfen die
Dozenten gewöhnlich in Klausuren. In Seminaren
werden einzelne Themen als Hausarbeit vorbereitet
und dann der Gruppe präsentiert.
Von Beginn an besteht etwa die Hälfte des
Stundenplans aus praktischen Inhalten. Oft
müssen die Studenten dafür auch während der
Semesterferien kommen, weil die meisten Unis
dann Blockveranstaltungen einplanen. Im Labor
lernen die Studenten zum Beispiel, wie man steril
arbeitet, Zellkulturen anlegt und Erbmaterial vervielfältigt.
»Es macht total viel Spaß, wenn man
theoretisches Wissen auch anwenden kann«, sagt
Loriana Blasius, 21, die im vierten Semester an der
Universität Kaiserslautern studiert. Das zoologische
Grundpraktikum, auch Schnippelkurs genannt,
gefiel ihr besonders gut. Hier schneiden die Studenten Würmer, Frösche oder Fische auf und
untersuchen deren Anatomie. »Wir haben bei
einer toten Ratte einen Luftröhrenschnitt gemacht,
ein Röhrchen hineingesteckt und da rüber
die Lungen mit dem Mund aufgepustet. Das fand
ich interessant«, berichtet Loriana Blasius. »Die
Schnecken dagegen haben so gestunken, dass wir
uns richtig zusammenreißen mussten.« Bestimmungsübungen
für Pflanzen sind ebenso Teil des
Studiums wie Mikroskopierkurse, in denen man
zum Beispiel Querschnitte von Blättern oder
Wurzeln zeichnet. Auch ein- oder mehrtägige
Exkursionen gehören dazu, sei es ins Umland, in
die Alpen oder an die Nordsee.
Ab der zweiten Studienhälfte des Bachelors
können die Biowissenschaftler eigene Schwerpunkte
setzen wobei sich die Inhalte an den
einzelnen Unis unterscheiden. In Bremen, Kiel
und Rostock gibt es zum Beispiel einen Schwerpunkt
in Meeresbiologie; Bionik wird in Bremen,
Aachen und Freiburg angeboten. »Toll ist, dass es
in der Biologie so viele Möglichkeiten gibt, sodass
jeder seine Nische finden kann«, sagt Max Stammnitz,
23, Biologiestudent im sechsten Semester an
der Uni Freiburg. Er interessiert sich besonders
für Synthetische Biologie. Dabei werden biologische
Systeme, zum Beispiel Zellen oder Organismen,
die so in der Natur nicht vorkommen,
modularisiert, modelliert und durch artfremde
Bestandteile erweitert. »Es fasziniert mich, wie
man evolutionäre Erfolgsstrategien von Mikroorganismen,
Pflanzen und Tieren mit modernen
molekularen Methoden verknüpfen kann.« Einige Unis verlangen während des Studiums ein
Berufspraktikum. Um Einblick in die Forschung
zu erhalten, gehen die Studenten spätestens im
dritten Studienjahr in Labore der Universität, zu
Forschungseinrichtungen oder in die Industrie.
»Wer später in der Industrie arbeiten will, kann
so schon Kontakte knüpfen«, sagt Alois Palmetshofer,
Karriere-Koordinator an der Fakultät für
Biologie der Uni Würzburg und Sprecher der
Konferenz Biologischer Fachbereiche.
Laut einer Studie des Hochschul-Informations-
Systems (HIS) von 2010 haben 86 Prozent
der Bachelorabsolventen einen Master angeschlossen.
Etwa 25 Unis bieten einen allgemeinen
Master in Biologie an. »Es ist wichtig, sich
die Vertiefungsrichtungen an den einzelnen Universitäten
vor der Entscheidung für ein Masterprogramm
genau anzuschauen«, sagt Hans-Jörg
Jacobsen, Professor für Molekulargenetik an der
Universität Hannover.
Dies gilt genauso für stark spezialisierte und
interdisziplinäre Masterangebote: Sie reichen von
Zell- und Molekularbiologie (etwa in Bielefeld,
Heidelberg und Marburg) über Biotechnologie
(in Aachen oder München) und Bioinformatik
(in Freiburg, Potsdam, Saarbrücken) bis hin zu
Biomedizin (wie in Erlangen oder Hannover).
Genau informieren müssen sich auch angehende
Lehrer, da jedes Bundesland das Studium unterschiedlich
organisiert.
Neue Entwicklungen
Um den Übergang zu Masterstudiengängen an
anderen Unis zu erleichtern, haben die rund 60
biologischen Fachbereiche einen gemeinsamen
Fachkanon erarbeitet. Er soll sicherstellen, dass
alle Studenten im Bachelor vergleichbare Grundkenntnisse
erwerben. »Wo Biologie draufsteht, soll
auch Biologie drin sein«, betont Alois Palmetshofer.
Ab dem Sommer können sich die Unis
selbst dazu verpflichten. Wann und inwiefern der
Fachkanon dann in die Studienpläne einfließt, ist
allerdings noch offen.
Bioinformatik und molekulare Analysetechniken
spielen inzwischen in allen Bio-Studiengängen
eine Rolle. »Ich war erstaunt, wie computerlastig
ein Fach wie Geobotanik sein kann«, sagt
Max Stammnitz. »Um etwa herauszufinden, unter
welchen Bedingungen bestimmte Pflanzenarten
am besten wachsen, muss man unglaublich viele
Daten sammeln und auswerten.«
Zunehmend Beachtung findet auch die sogenannte
Epigenetik. »Dabei geht es darum, inwieweit
Umweltbedingungen Gene an- oder abschalten und sich somit erworbene Eigenschaften
auch weitervererben können«, erklärt
Hans-Jörg Jacobsen. »Das ist mittlerweile schon
in meinen Einführungsvorlesungen Thema.«
Eignung, Hürden, Irrtümer
Die Biologie ist eine komplexe, interdisziplinäre
Wissenschaft, die mathematisches, chemisches
und physikalisches Verständnis erfordert. Viele
Studenten tun sich mit zumindest einer der naturwissenschaftlichen
Grundlagen schwer. »Ich
hatte Physik in der Oberstufe abgewählt, deshalb
war es schwierig«, sagt Loriana Blasius. »Aber ich
habe mit anderen Studenten Lerngruppen gebildet,
wir haben Zusatzübungen gemacht dann
ging es.« Immer öfter werden auch Brückenkurse
vor Studienbeginn angeboten eine gute Möglichkeit,
um fachliche Lücken zu verkleinern. Viele Bio-Studenten empfinden vor allem die
Fülle des Stoffs als Herausforderung. »Es hilft,
sich schon am Anfang des Semesters die Termine
für die Klausuren zu besorgen und bei der
Fachschaft nachzufragen, welche Prüfungen
erfahrungsgemäß die meiste Lernzeit beanspruchen
«, empfiehlt Max Stammnitz und beruhigt:
»Ab dem dritten Semester lässt der Druck nach,
und die Noten werden besser.«
An den modernen molekularen Methoden
führt kein Weg vorbei, selbst wenn jemand
zoolog ische oder botanische Schwerpunkte wählt.
»Man muss in allen Disziplinen genetisch denken
können«, betont Hans-Jörg Jacobsen. »Zu sagen:
Ich will Meeresbiologie studieren, Tiere schützen
und sonst nichts das geht nicht.« Die Labortätigkeiten
erfordern Geschick, der Umgang mit
Organismen Sorgfalt und Verantwortungsbewusstsein.
Die Arbeit mit toten Tieren kostet
manche Studenten Überwindung. Ein Großteil
der Fachliteratur i st auf Englisch, und immer
öfter wird auch auf Englisch unterrichtet. Manche
Masterprogramme laufen komplett fremdsprachig,
wie etwa Molecular Biosciences in
Heidelberg oder Life Sciences in Würzburg.
Das Bio-Studium ist überall zulassungsbeschränkt.
Die meisten Unis suchen sich ihre
Studenten hauptsächlich nach der Abiturnote
aus; Der NC lag im vergangenen Wintersemester
meist zwischen 1,5 und 2,5. Beim Master können
Bachelorabsolventen unter mehr als 500 biowissenschaftlichen
Angeboten wählen. Bundesweit
betrachtet, gibt es keinen Mangel an Studienplätzen.
Dennoch kann der Andrang an einzelnen
Standorten hoch sein. Viele Hochschulen
verlangen als Voraussetzung eine Bachelornote
von mindestens 2,5. Zum Teil werden zusätzliche
Aspekte wie eine Berufsausbildung oder ein
Motivationsschreiben berücksichtigt.
Berufsperspektiven
Der Doktortitel ist bei Biologen der Normalfall.
Bis zu drei Viertel der Masterabsolventen machen
einen Doktor, was in der Regel mindestens drei
Jahre dauert. Während der Promotionsphase
erhalten Biologen meist erst einmal eine befristete,
oft schlecht bezahlte Stelle. Entsprechend
lag auch das vom Hochschul-Informations-System
(HIS) ermittelte Einstiegsgehalt bei lediglich
25 700 Euro. Knapp 70 Prozent der Absolventen
hatten laut der HIS-Studie von 2010 ein Jahr
nach dem Abschluss eine Stelle gefunden.
Als Wachstumsbranche gilt die Biotechnologie.
»Die Zahl der Biotechfirmen ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen. Da sind auch
neue Arbeitsplätze für Biologen entstanden«, sagt
Alois Palmetshofer von der Uni Würzburg. In
mittelständischen Unternehmen leiten Absolventen
oft ein Labor und haben Personalverantwortung.
Viele arbeiten auch in der Pharmaindustrie
oder in der medizinisch orientierten Forschung,
wo sie sich etwa um die Zulassung neuer Medikamente
kümmern oder Krankheiten auf molekularer
Ebene untersuchen. Biologen sind aber
auch im Marketing, im Vertrieb und Kundendienst
tätig. Begehrt, aber selten sind Stellen im
Umweltschutz. Es gibt sie zum Beispiel bei Ämtern,
Behörden oder Naturschutzverbänden oder
bei staatlich geförderten Umweltprojekten. Häufig
ist hier nicht nur wissenschaftliche Expertise
gefragt, sondern ebenso die genaue Kenntnis von
Gesetzen und Verordnungen.
BÜCHER UND LINKS
Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland (Hrsg.): Berufsbilder von und für Biologen. 8. Auflage; VBIO, München 2012; 178 S., 10 Euro (inkl. Versand). Mit 70 Beispielen für Biologenlaufbahnen.
D. Sadava/G. H. Orians/H.C. Heller/D. Hillis/M.R. Berenbaum/J. Markl (Hrsg.): Purves Biologie. 9. Auflage; Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2012; 1860 S., 69,95 Euro. Standardlehrbuch mit zahlreichen Abbildungen, das selbst komplexe Themen und Vorgänge verständlich darstellt und Lust auf Bio macht.
studienfuehrer-bio.de: In der Datenbank finden sich alle Bio-Studiengänge im deutschsprachigen Raum.
vbio.de: Website des Verbands Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin. Infos und Links zu Studium und Beruf gibt es unter Ausbildung & Karriere.
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