KURZ-INFO Die Kommunikationswissenschaft untersucht, wie Menschen
Informationen austauschen. Die Medienwissenschaft erforscht, wie Medien unsere
Wahrnehmung prägen. In Journalistikstudiengängen übt man auch den praktischen
Redaktionsalltag. Der Numerus clausus ist überall hoch. VON SABRINA EBITSCH
Worum geht es?
Die Medienstudiengänge beschäftigen sich mit
allem, was mit Kommunikation und Medien zu
tun hat. Unter den Oberbegriff werden jedoch
verschiedene Fächer gefasst. Die Kom mu ni kations
wis sen schaft ist sozialwissenschaftlich orientiert
und untersucht, wie Medienangebote
(Nachrichten, Dokumentationen, Unterhaltungsformate)
entstehen, wie sie genutzt werden
und wirken. Im Vordergrund steht die öffentliche
Kommunikation über Massenmedien, also
Zeitung, Radio, Fernsehen und Internet.
Die Medienwissenschaft ist stärker kulturwissenschaftlich
ausgerichtet. Medienwissenschaftler
untersuchen etwa die Geschichte und Wandlung
des Films und fragen, was er für eine Gesellschaft
bedeutet. Sie analysieren Kamerabewegungen,
Ton, Schnitt und Licht, den Spannungsaufbau
sowie den Kontext, in dem ein Film steht. »Wir
fassen den Begriff Medien sehr weit«, sagt Malte
Hagener, Vorsitzender der Gesellschaft für Medienwissenschaft
und Professor an der Uni Marburg.
»Nicht nur Bücher sind Medien, die etwas mitteilen,
sondern zum Beispiel auch das Röntgen in
der Medizin oder die Videoüberwachung.«
Zwischen Medienwissenschaft und Kommunikationswissenschaft
gibt es viele Überschneidungen;
doch keiner dieser Studiengänge
bildet Journalisten aus. Das tun Verlage, Rundfunksender
und Journalistenschulen sowie
Journalistikstudiengänge. Sie haben den Anspruch,
Theorie und Praxis zu verbinden, indem
sie wissenschaftliche Erkenntnisse und praktisches
Handwerkszeug vermitteln. Des Weiteren
gibt es zahlreiche Medienstudiengänge, die technisch
(etwa Medieninformatik), wirtschaftlich
(Medienwirtschaft) oder künstlerisch (Mediengestaltung)
orientiert sind.
Wie ist das Studium aufgebaut?
Im Bachelor lernen die Studenten der Kommunikationswissenschaft
in Vorlesungen, Seminaren
und Übungen, wie Kommunikation funktioniert.
Sie befassen sich mit Theorien, die erklären, wie
eine Botschaft vom Sender zum Empfänger gelangt.
Darüber hinaus lernen sie die Mediengeschichte
von Gutenberg bis Google und erfahren,
wie das Mediensystem aufgebaut ist. Nachrichtenwerttheorien
erklären, warum für den
Zeitungsleser der Bau einer Umgehungsstraße im
Nachbarort oft wichtiger ist als ein Kampfeinsatz
der Bundeswehr im Ausland. »Uns interessiert,
warum Menschen bestimmte Medien auswählen
und wie sich dieses Verhalten ändert, wenn neue
Möglichkeiten wie Social Media auftauchen«, sagt
der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für
Publizistik und Kommunikationswissenschaft,
Klaus-Dieter
Altmeppen. Neben Grundlagen von
Medienrecht und Medienwirtschaft werden wissenschaftliche
Methoden vermittelt: Die Studenten
lernen, wie man Daten mithilfe von Statistikprogrammen
erhebt und auswertet etwa um zu
erfassen, wie die Bevölkerung zur Energiewende
steht und welchen Einfluss die Medien darauf
haben. In den höheren Semestern vertieft man
teils in eigenen kleinen Forschungsprojekten
Teilgebiete der Kommunikationswissenschaft.
»Wir haben analysiert, wie unterschiedlich Printmedien
über Armut berichten«, sagt die 19jährige
Valerie Hase, die mit 16 ihr Abitur gemacht
hat und nun im sechsten Semester Kommunikationswissenschaften
in Münster studiert.
Die Medienwissenschaften haben viele Berührungspunkte
mit der Philosophie, der Kunstgeschichte
sowie den Theater- und
Literaturwissenschaften.
Schon im ersten Semester können
Studenten Platons Begriff von Schönheit und
Kunst begegnen oder sich mit der Zentralperspektive
als symbolischer Form auseinandersetzen.
»In den ersten zwei Semestern muss man sowohl
das Grundvokabular der Film- und
Medientheorie
als auch die Klassiker der Philosophie
lernen, das finde ich absolut faszinierend«, sagt
Jorgo Narjes, 21, Student der Medienwissenschaft
im vierten Semester an der BauhausUni
Weimar.
Zentral ist die Frage der Medialität und der damit
verbundenen Wahrnehmung von Wirklichkeit:
»Die Studenten lernen, dass unsere Kultur so stark
von Medien durchdrungen ist, dass sie unser Bild
von uns selbst und der Welt ganz entscheidend
prägen«, sagt Professor Malte Hagener. Die Studenten
befassen sich auch mit der Geschichte, der
Theorie und der Ästhetik einzelner Medien. Außerdem
erlernen sie Analysetechniken, um zum
Beispiel herauszufinden, nach welchem Prinzip
ein Film erzählt ist. »Für eine Hausarbeit habe ich
den Roman Berlin Alexanderplatz mit der Fernsehserie
und der Kinoversion verglichen und
untersucht, inwieweit die Buchstruktur übertragen
wurde«, erzählt Jorgo Narjes aus Weimar.
In Praxismodulen üben die Studenten, wie
man Interviews führt oder eine Nachricht
schreibt. Sie machen eigene Radiobeiträge oder
erstellen ein Medienkonzept für eine Kulturveranstaltung.
Valerie Hase: »Ich habe mit sechs
Mitstudenten eine fiktive Werbekampagne für
eine FastFoodKette
entworfen.« Ihr gefällt,
dass man bei ihrem Studium in Werbung, PR
und Journalismus hineinschnuppern kann:
»Man bekommt von allem ein bisschen was mit
und kann Kontakte zu Praktikern knüpfen.«
Viele Studenten machen nach dem Bachelor
einen Master. Neben den zahlreichen Angeboten
in Medien- oder
Kommunikationswissenschaften
gibt es kombinierte Studiengänge wie Medieninformatik
oder Medienmanagement sowie
Studiengänge, die Schwerpunkte wie Strategische
oder Online-Kommunikation
anbieten.
In Journalistikstudiengängen lernen die Studenten
die wissenschaftlichen Grundlagen von
Mediennutzung und Medienwirkung kennen,
üben aber immer auch die journalistische Praxis.
Sie versuchen sich an Textformen wie Reportage
oder Kommentar und simulieren in Lehrredaktionen
oder Medienwerkstätten den journalistischen
Alltag. Dabei entstehen Magazine, Webseiten,
Radio- und
Fernsehsendungen. »Für
meinen Schwerpunkt Fernsehen habe ich im zweiten und dritten Semester etwa 50 Tage in
Recherche, Drehen, Schneiden und Sprechen
gesteckt«, sagt Christian Kleber, 25, der an der
TU Dortmund studiert und kurz davor ist, seinen
Bachelor in Journalistik abzuschließen. »Besonders
schön war es, eine 40-minütige Talksendung
zu konzipieren und umzusetzen.« Im fünften
Semester war er zwei Wochen für alle Sendungen
des Dortmunder Campus-TV redaktionell verantwortlich:
»Ich habe Autoren betreut, Konferenzen
geleitet und Beiträge abgenommen.«
Oft kooperieren die Hochschulen mit Verlagen
und Rundfunkanstalten, was es Journalistikstudenten
erleichtert, ein Praktikum zu bekommen.
An der TU Dortmund ist in das vierjährige
Bachelorstudium ein zwölfmonatiges Volontariat
eingebettet. Den Weg in den Journalismus können
auch passende Masterstudiengänge ebnen, etwa
an den Unis Mainz, München oder Leipzig.
Neue Entwicklungen
Das Internet hat die Medienlandschaft und die
Kommunikationsformen umgewälzt, jeder kann
heute Medieninhalte herstellen. »Aktuell setzen
wir uns zum Beispiel mit der Demokratisierung
von Wissen auseinander«, sagt Professor Malte
Hagener. In Seminaren werden Blogs oder Twitter-
Meldungen behandelt, auch Handy-Videos
können zum Forschungsobjekt werden. Die
Studenten lernen, wie man multimedial arbeitet,
Videopodcasts erstellt oder Websites gestaltet.
Die Hochschulen haben eigene Radio- und
Fernsehstudios, stellen Aufnahmegeräte und
Schnittplätze zur Verfügung. Zu einem prominenten
Thema sind Soziale Netzwerke geworden.
Forschungsfragen lauten zum Beispiel: Wie
und wofür nutzen Jugendradios und Zeitungen
Facebook? Oder: Welche Folgen hat es, sich
diesen Netzwerken zu verweigern? Untersucht
werden auch neue Geschäftsmodelle der Medien
wie etwa kostenpflichtige Online-Inhalte und
der Umgang mit neuen Anwendungen wie Apps.
Eignung, Hürden, Irrtümer
Bundesweit gibt es mehr als 200 Studienprogramme,
die »irgendwas mit Medien« anbieten.
Interessenten sollten daher genau prüfen, was der
jeweilige Studiengang bietet. Noch wichtiger ist
die Frage: Möchte ich mich wirklich wissenschaftlich
mit Kommunikation und Medien beschäftigen?
»Man muss bereit sein, sich mit Theorien
und Konzepten auseinanderzusetzen, sonst quält
man sich durchs Studium«, sagt Studentin Valerie
Hase. Praxiserfahrungen müsse man in erster
Linie nebenher sammeln vor allem, um herauszufinden,
was man beruflich machen wolle. Denn weder Kommunikations- noch Medienwissenschaftsstudiengänge
haben das Ziel, Redakteure
oder Nachrichtenmoderatoren hervorzubringen.
Diese Berufe können Absolventen zwar
ergreifen, wer jedoch Journalist werden will, ist
besser beraten mit einem Fachstudium plus Zeitungsvolontariat,
dem Besuch einer Journalistenschule
oder einem Journalistikstudiengang mit
hohem Praxisanteil. Hier sollte man genau nachhaken:
Wie viel Zeit wird dem Recherchieren,
Schreiben, Drehen eingeräumt? Ist die nötige
Ausstattung vorhanden? Unterrichten Praktiker?
Wegen der hohen Nachfrage liegt der NC in
den Medienstudiengängen oft im Einserbereich.
Wer Journalistik studieren will, muss an vielen
Hochschulen für Bachelor und Master zusätzlich
in Wissenstests und persönlichen Gesprächen
überzeugen und probehalber eine Reportage oder
einen Kommentar verfassen.
Berufsperspektiven
Die Palette ist vielfältig: Als Marktforscher oder
Mediaplaner untersuchen Kommunikationswissenschaftler,
welche Fernsehprogramme beliebt
sind. Andere entwickeln neue Sendungen, gestalten Webseiten oder Online-Auftritte. Manche
zieht es ins Marketing oder Management
eines Medienunternehmens, sie arbeiten in der
Werbung oder in der Kommunikationsberatung.
Auch Medienwissenschaftlern stehen diese Berufe
offen, sie sind jedoch häufiger in Filmproduktionen,
bei der Organisation von Festivals
oder in der Kulturarbeit tätig. Journalistikabsolventen
arbeiten oft in Redaktionen, vor allem bei
regionalen Tageszeitungen. Nach Angaben des
Deutschen Journalisten Verbands (DJV) gab es
2012 etwa 73 000 hauptberuflich tätige Journalisten,
rund 50 000 davon fest angestellt. Mindestens
23 000 verdienen ihr Geld als freie Mitarbeiter
auf einem hart umkämpften Markt mit
oft niedrigen und sogar sinkenden Honoraren.
Immer wieder entstehen neue Berufe, etwa der
des Datenjournalisten: Er recherchiert Daten
und bereitet sie für die Veröffentlichung auf.
»In den Medienberufen insgesamt sind die
Berufsaussichten nach wie vor befriedigend«, sagt
Klaus-Dieter Altmeppen, »vorausgesetzt, man ist
nicht auf einen bestimmten Job festgelegt.« Dem
Hochschul-Informations-System zufolge hatten
2010 mehr als siebzig Prozent der Absolventen
von Medienstudiengängen ein Jahr nach Abschluss
den Berufseinstieg geschafft. Sie verdienten
im Schnitt 34 000 Euro jährlich, wobei die
Unterschiede sehr groß sind. Für Journalisten
speziell sieht es derzeit eher düster aus: Laut DJV
drängen jedes Jahr 2000 Absolventen auf den
Markt, doch nur jeder zweite hat eine Aussicht
auf einen festen Arbeitsplatz wozu auch Jobs
bei Pressestellen oder in Produktionsgesellschaften
gehören.
MITARBEIT: MAREN WERNECKE
BÜCHER UND LINKS
Huberta Kritzenberger: Medienberufe. Der erfolgreiche Weg zum Ziel. Springer, Berlin 2007; 136 S., 9,95 Euro. Für alle, die »was mit Medien« machen wollen.
Huberta Kritzenberger: Medienberufe. Der erfolgreiche Weg zum Ziel. Springer, Wiesbaden 2012; 146 S., 12,95 Euro. 31 Professoren beantworten typische Fragen zum Studium.
Rudolf Stöber: Kommunikations- und Medienwissenschaften. Eine Einführung. C. H. Beck, München 2008; 271 S., 14,95 Euro. Überblick über die Fachbegriffe sowie die Theorien und Modelle, die man kennen muss.
medienstudienfuehrer.de: Enthält Medienstudiengänge in Deutschland, Job- und Praktikumsangebote.
dgpuk.de: Website der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft.
gfmedienwissenschaft.de: Website der Gesellschaft für Medienwissenschaft.