Wie ist das Studium aufgebaut?
Geowissenschaften ist ein Sammelbegriff für mehrere Disziplinen, die in unterschiedlicher Zusammensetzung zu einem Studium gebündelt werden. Fast immer sind folgende Kernfächer dabei: Geologie (Aufbau der Erde und Entstehung von Gesteinen), Paläontologie (Geschichte des Lebens und Fossilienkunde), Mineralogie (Zusammensetzung und Bildung von Mineralen und Gesteinen) und Geophysik (Physik des Erdkörpers, der Ozeane und der Atmosphäre). Die Geowissenschaften gehören zu den Naturwissenschaften: In den ersten Semestern steht deshalb eine Grundausbildung in Mathematik, Physik, Biologie und Chemie auf dem Stundenplan. Besonders wichtig ist dabei die Chemie, da die Studenten nachvollziehen müssen, welche chemischen Prozesse sich im Gestein abgespielt haben. Die Einführungsveranstaltungen bieten zudem einen Überblick über die wichtigsten Themen der Geowissenschaften: Wie ist die Erde aufgebaut? Welche Gesteinsgruppen und Lagerungsformen gibt es? Dabei geht es um große Zeiträume. »Man entwickelt eine ganz eigene Perspektive: Für einen Geowissenschaftler sind ein paar Tausend Jahre eine Kleinigkeit«, sagt Christopher Denger, 24, der im sechsten Semester an der Uni Bonn studiert. Die Grundlagen lehren die Dozenten meist in Vorlesungen, der Stoff wird am Ende jedes Semesters in Klausuren geprüft. In Übungen vertiefen die Studenten ihr Wissen, in Laborpraktika experimentieren sie und lernen Mess- und Analysemethoden kennen; etwa ein Drittel macht dieser praktische Anteil aus. Immer wieder verlassen die Studenten den Campus. »Die Ausbildung im Gelände ist für einen Geologen so fundamental wie der Kontakt mit Patienten für einen angehenden Mediziner«, sagt Hans-Jürgen Gursky, Geologieprofessor an der TU Clausthal. Die Studenten üben etwa, sich mithilfe von Kompass und Karte sowie mit dem GPS zu orientieren, oder untersuchen Gesteinsschichten und Fossilien. Wie ein Ermittler an einem Tatort sollen sie herausfinden, was genau aus geologischer Sicht an dem Exkursionsort passiert ist, ob das Gebiet zum Beispiel einmal unter Wasser stand oder ein Meteorit eingeschlagen ist. Als Leistungsnachweis verfassen sie Berichte und Protokolle, auch Präsentationen können dazugehören. »An der Uni bekommt man die Hauptgesteinstypen auf dem Silbertablett serviert, da kann man sie genau identifizieren. Im Feld sieht das ganz anders aus«, sagt Christoph Lauer, der im vierten Semester an der Uni Tübingen studiert. Bei einer Exkursion auf die Schwäbische Alb hat der 22-Jährige zum Beispiel gelernt, wie man Carbonatgestein erkennt. »Wenn man Salzsäure auf die Proben gibt und es dann anfängt zu sprudeln, ist das ein eindeutiges Zeichen.« Darüber hinaus verlangen einige Hochschulen während des Studiums ein Praktikum, etwa in einem Ingenieurbüro, im Umweltamt oder bei einem Energiekonzern. Die Inhalte des Studiums können sich in den späteren Semestern von Uni zu Uni deutlich unterscheiden. Auch das Spektrum an Wahlfächern ist verschieden: Wer etwa einen Einblick in die Meeresgeologie bekommen will, kann nach Kiel oder Bremen gehen, an der Uni Bonn gibt es einen besonderen Schwerpunkt zur Paläontologie. Hinzu kommt, dass viele interdisziplinäre Studiengänge den Begriff »Geo« nutzen. So setzt zum Beispiel die Geoökologie umweltwissenschaftliche Schwerpunkte. »Schauen Sie sich nicht nur die Verpackung an. Wenn man wirklich Geowissenschaften studieren möchte, sollten die Kernfächer in den Lehrplänen vorkommen. Außerdem sollte man sich die speziellen Vertiefungen der einzelnen Hochschulen ansehen«, rät Hans-Jürgen Gursky allen Geobegeisterten. Einen guten Überblick über die Inhalte der Studiengänge findet man auf den Internetseiten der Hochschulen; auch Studenten, Fachschaftsvertreter oder Dozenten kann man dazu befragen. Fast alle Bachelorabsolventen setzen ihr Studium mit dem Master fort. Wer schlicht Geowissenschaften weiterstudiert, wählt in der Regel Schwerpunkte wie Geochemie, Ressourcen, Paläontologie, Sedimentologie oder Mineralogie die Ausbildung ist nach wie vor breit angelegt. Andere Studiengänge hingegen sind stärker spezialisiert und geben eine Richtung vor: etwa Hydrogeology and Environmental Geoscience in Göttingen oder Biogeowissenschaften in Jena.
Neue Entwicklungen
Angesichts des wachsenden Energiehungers der Menschheit bei gleichzeitig knapper werdenden Ressourcen haben die Themen Energie- und Rohstoffgewinnung sowie Nachhaltigkeit an Bedeutung gewonnen. Teils wurden dazu spezielle Studiengänge entwickelt. Die Uni Freiburg etwa bietet den englischsprachigen Master Renewable Energy Management an, der sich unter anderem mit Bioenergie, Geothermie und Solarenergie befasst; an der Uni Tübingen kann man Applied Environmental Geosciences studieren, um sich mit Umweltproblemen und technischen Lösungsmöglichkeiten auseinanderzusetzen. Immer bedeutender wird auch die Geoinformatik. Im Berufsleben kommen Geowissenschaftler kaum noch an Simulations- und Modellierungsprogrammen vorbei, mit denen sie unter anderem vorhersagen können, an welchen Stellen sich neue Erdölvorkommen befinden. Im Studium kommt die Geoinformatik aber meist erst im Masterstudium vor.
Eignung, Hürden, Irrtümer
Das Lernpensum in Chemie, Physik und Mathematik überrascht anfangs viele. »Ich bin wirklich kein Mathe-Talent, besonders das zweite Semester war hart«, sagt Christoph Lauer. Dem Tübinger Studenten haben vor allem die Lerngruppen geholfen, in denen er sich mit Kommilitonen austauschen konnte. Überhaupt sei das Klima bei den Geowissenschaften sehr familiär. »Da kennt jeder jeden. Das gilt auch für die älteren Kommilitonen und die Professoren«, sagt er. Für die größtenteils englische Fachliteratur braucht man gute Sprachkenntnisse. »Eigentlich ist Englisch selbstverständlich. Eine Zweitsprache wie etwa Französisch, Spanisch oder gar Chinesisch ist eine gute Zusatzqualifikation«, sagt Professor Hans-Jürgen Gursky. Für die Ausflüge ins Feld sind Ausdauer und eine gewisse körperliche Fitness wichtig, schließlich arbeitet man oft mehrere Stunden unter freiem Himmel egal ob bei Regen, Kälte oder Hitze. Manchmal wird auch gezeltet. Wer die Arbeit im Gelände nur als notwendiges Übel ansieht oder Angst hat, sich dreckig zu machen, ist in den Geowissenschaften falsch. Für die Exkursionen müssen die Studenten zum Teil auch bezahlen, innerhalb Deutschlands sind dies jedoch in der Regel weniger als 100 Euro. Eine Zulassungsbeschränkung für den Bachelor gibt es nur selten. Auch beim Master lassen die meisten Hochschulen alle Bewerber zu und setzen lediglich ein abgeschlossenes Geo- Bachelorstudium mit einer Mindestnote von 2,5 voraus, manchmal reicht auch eine 3. Einige Unis, wie etwa Göttingen oder Hannover, haben einen NC für den Master. Auch die fachliche Eignung kann eine Rolle spielen.
Berufsperspektiven
Mit ihren Kenntnissen in Chemie, Physik und Informatik sind Geowissenschaftler vielfältig einsetzbar entsprechend uneinheitlich ist das Berufsbild. »Geoberufe sind stark vom Branchenbedarf und von der Konjunktur abhängig. Da lohnt es sich, inhaltlich und räumlich flexibel zu sein«, sagt Hans-Jürgen Gursky. Christopher Denger, der Student aus Bonn, suchte sich einen Praktikumsplatz in Kanada, um Berufserfahrungen zu sammeln. »Ich interessiere mich für Lagerstättenkunde gerade in diesem Bereich sollte man sich darauf einstellen, später im Ausland zu arbeiten.« Nach einer Studie des Hochschul-Informations- Systems von 2010 haben 75 Prozent der Absolventen innerhalb eines Jahres den Berufseinstieg geschafft. Ihr Einstiegsgehalt lag bei 32 800 Euro. Etwa die Hälfte aller Geowissenschaftler arbeitet als Hydro- und Ingenieurgeologe, die meisten davon in Beratungs- oder Ingenieurbüros. Hydrogeologen stehen Wasserwerken und Unternehmen zur Seite, etwa wenn geklärt werden muss, welche Pumpleistung ein Brunnen verkraftet, ohne dass er austrocknet. Ingenieurgeologen berechnen unter anderem, wie stabil ein Untergrund ist, bevor darauf gebaut wird. Weitere Arbeitsfelder für Geowissenschaftler sind die Rohstoff- und Energieversorgung sowie der Umweltschutz. Auch in Behörden werden Geowissenschaftler gebraucht, allen voran bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover, ebenso bei Umwelt-, Wasser- und Tiefbauämtern sowie bei geologischen Landesämtern.
MITARBEIT: LISA SRIKIOW
BÜCHER UND LINKS
Gerold Wefer (Hrsg.): Expedition Erde. Wissenswertes und Spannendes aus den Geowissenschaften. 3., überarbeitete Auflage, Marum-Institut Bremen, Bremen 2010; 461 S., 8 Euro plus Porto, erhältlich im Online-Shop unter www.marum.de. Stellt neue Erkenntnisse der geowissenschaftlichen Forschung vor.
Tamara Fahry-Seelig, Ulrike Mattig, Hans-Jürgen Weyer (Hrsg.): Geowissenschaftler im Beruf. WBG, Darmstadt 2012; 130 S., 16,90 Euro. Das Buch gibt einen Überblick, in welchen Branchen und Berufen Geowissenschaftler arbeiten vom Umweltschutz bis Geotourismus. Dazu gibt es Infos über den aktuellen Arbeitsmarkt.
dgg.de: Auf der Website der Deutschen Gesellschaft für Geowissenschaften werden alle fündig, die wissen wollen, was sich aktuell in der Branche tut.
geoberuf.de: Der Berufsverband Deutscher Geowissenschaftler gibt einen Überblick zu geowissenschaftlichen Studiengängen im deutschsprachigen Raum.