Wie ist das Jura-Studium aufgebaut?
Das klassische Jurastudium vermittelt Kenntnisse
in den drei Hauptgebieten des Rechts:
Strafrecht, Zivilrecht und Öffentliches Recht.
Strafrecht bezeichnet Rechtsnormen (Gesetze),
die bestimmte Handlungen verbieten und mit
einer Geld- oder Freiheitsstrafe belegen. Das
Zivilrecht regelt das Verhältnis von Bürger zu
Bürger, während sich das Öffentliche Recht auf
das Verhältnis von Bürger und Staat sowie das der
Staaten untereinander bezieht. Hinzu kommen
Grundlagen wie Rechtsgeschichte oder Rechtsphilosophie.
»Ich finde Zivilrecht besonders spannend, weil es den Alltag von uns allen betrifft
«, sagt Sven Jürgensen, 22, der in Düsseldorf
Jura studiert. Um zum Hauptstudium zugelassen
zu werden, schreibt man in manchen Bundesländern eine Prüfung. In anderen braucht man dafür
eine bestimmte Zahl an Leistungspunkten, die für
Klausuren und Hausarbeiten vergeben werden.
Im Hauptstudium werden die drei Hauptgebiete
weiter vertieft. Außerdem wählt jeder
einen Schwerpunkt (zum Beispiel Europa-, Umwelt-
oder Medienrecht). Bis zum Examen muss
man eine Fremdsprache nachweisen und zwei
Praktika machen. Sven Jürgensen hat sein sechswöchiges
Verwaltungspraktikum aufgeteilt: Drei
Wochen arbeitete er einem Referenten in der
SPD-Fraktion im nordrhein-westfälischen Landtag
zu. »Danach war ich in der Stadtverwaltung
in München, unter anderem in der Kampfhunde-
Abteilung und der KFZ-Zulassungsstelle.«
Am Ende des Studiums steht die Erste Juristische
Prüfung. 30 Prozent der Note machen die
Zensuren im Schwerpunktbereich aus. Die anderen
70 Prozent entfallen auf ein Staatsexamen, das
in den Bundesländern zentral abgenommen wird.
Es setzt sich aus mehreren Klausuren und einer
mündlichen Prüfung zusammen. Wer besteht,
darf ins Referendariat, kann aber auch einen
Master anschließen oder promovieren.
Über die Zulassung zum Jura-Master, dem
LL.M. (Master of Laws), entscheiden die Unis.
Viele Studenten absolvieren ihn im Ausland, doch
auch in Deutschland bieten mehr als 50 Hochschulen
solche Programme. Oft konzentrieren sie
sich auf einen bestimmten Bereich. Die Europa
Universität Viadrina in Frankfurt/Oder etwa
bietet einen Master of International Human
Rights and Humanitarian Law an.
Im Referendariat arbeiten die angehenden
Juristen mehrere Monate lang in den verschiedenen
Rechtsgebieten: im Zivilrecht sind sie bei
einem Amts- oder Landgericht tätig, im Strafrecht
bei einer Staatsanwaltschaft oder einem Strafgericht,
und im Öffentlichen Recht arbeiten sie
bei einem Verwaltungsgericht oder in einer Behörde.
Schließlich folgt die »Anwaltsstation« in
einer Kanzlei. Eine weitere Station können die
Referendare frei wählen, manche gehen dabei zu
internationalen Organisationen. Das Referendariat
endet mit der Zweiten Juristischen Staatsprüfung.
Wer sie besteht, kann die Zulassung als
Anwalt beantragen oder sich um eine Stelle als
Staatsanwalt oder Richter bewerben.
Jura kann man auch an zwei privaten Hochschulen
studieren: an der Hamburger Bucerius
Law School sowie an der European Business
School in Wiesbaden (EBS). Dort erwerben die
Studenten nach drei Jahren den Bachelor of Laws
(LL.B.) und absolvieren nach vier Jahren die Erste Juristische Prüfung. Kosten: 3700 bis
4000 Euro pro Trimester. Es gibt die Möglichkeit,
Stipendien zu bekommen.
Jura studieren: Neue Entwicklungen
Die Juristenausbildung soll praxisnäher werden.
Einige Unis haben sogenannte Legal Clinics
eingeführt, bei denen Studenten ihre Kommilitonen
aus anderen Fächern in Rechtsfragen beraten.
Außerdem soll der Stoff besser vermittelt
werden als bisher dazu sollen geeignete didaktische
Methoden entwickelt werden.
Einen Aufschwung hat in den vergangenen
zehn Jahren das Fach »Wirtschaftsrecht« erlebt.
Es wird inzwischen von rund 12 000 Studenten
an etwa 30 Unis und FHs studiert. »Durch dieses
Studium vermeiden wir den rechtsblinden Betriebswirt
genauso wie den kaufmännisch unbedarften
Juristen«, sagt Peter Kiel, Professor an der
Hochschule Wismar. BWL und VWL stehen
genauso auf dem Lehrplan wie Rechts gebiete, die
für die Arbeit in Unternehmen bedeutsam sind,
etwa Arbeitsund
Sozialrecht, Steuerrecht, Insolvenzrecht
oder internationales Handelsrecht. »Das Tolle an Wirtschaftsrecht ist, dass es sehr
praxisnah ist, weil es sich direkt auf die Unternehmen
bezieht«, findet Hannah Witschkowski, 23,
die an der HTW Berlin studiert.
Eignung, Hürden, Irrtümer
Die Rechtswissenschaften setzen eine spezielle
Denkweise voraus, mit der sich nicht jeder anfreunden
kann. Komme man mit Mathe gut klar,
sei die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man auch
einen guten Zugang zur Rechtswissenschaft
finde, sagt Henning Radtke. »Aber fast genauso
wichtig sind sprachliche und rhetorische Fähigkeiten
und ein grundlegendes Interesse an philosophischen
und ethischen Fragen.« Gesetze und
Kommentare sind kompliziert formuliert, und
die Studenten müssen erst lernen, sie zu begreifen.
Trotzdem hatte sich Sven Jürgensen das Jurastudium
trockener vorgestellt: »Gerade zivilrechtliche
Fälle wie Nachbarschaftsstreits oder Autounfälle
machen das Studium sehr anschaulich.«
Jurastudenten müssen diszipliniert sein. Bis
zu eineinhalb Jahre steten Lernens für das Examen
sind die Regel, im Extremfall sind Studenten
damit schon mal 16 Stunden am Tag beschäftigt.
Viele lassen sich für 100 bis 250 Euro pro Monat
von privaten Nachhilfelehrern, sogenannten
»Repetitoren«, helfen. Auch die Universitäten bieten kostenlose Examensvorbereitungskurse
an; dennoch liegt die Durchfallquote bei der
Ersten Juristischen Prüfung je nach Bundesland
zwischen 18 und 31 Prozent. Vier bis fünf
Monate nach den Klausuren folgt die mündliche
Prüfung, meist in Kleingruppen.
Meldet man sich bereits im achten Semester
zum Examen, hat man drei Versuche. Der erste
Versuch zählt dann als »Freischuss«. Bei späterer
Anmeldung muss es spätestens beim zweiten Mal
klappen, sonst steht man ohne Abschluss da. Mit
einer guten Zeitplanung lässt sich jedoch viel
Druck aus dem Studium nehmen. Henning
Radtke rät, von Anfang an einen achtstündigen
Studientag zu planen: »Wer diesen Rhythmus
durchhält, kommt gut durch die Examen, ohne
Nächte in der Bibliothek zu verbringen.«
Berufsperspektiven für Jura-Studenten
In kaum einer Branche ist die Abschlussnote so
entscheidend wie bei den Juristen. Wer beide
Juristischen Prüfungen mit Prädikat (zweimal
mindestens »voll befriedigend«) bestanden hat,
ist begehrt. Nur überdurchschnittlich gute Volljuristen
haben Chancen auf eine Stelle als Richter
oder Staatsanwalt. Auch Behörden wie das
Auswärtige Amt, internationale Organisationen
sowie Parteien und Verbände setzen meist ein
Prädikatsexamen voraus. Richtern und Staatsanwälten
(rund 25.000 volle Stellen) stehen derzeit
etwa sechs Mal so viele Rechtsanwälte gegenüber
die Konkurrenz ist groß. Im Gegensatz
zu den Spitzenabsolventen, um die Großkanzleien
mit enormen Einstiegsgehältern buhlen, verdienen
»normale« Junganwälte in kleinen Kanzleien
nach einer Befragung des Soldan-Instituts
durchschnittlich 30 000 Euro im Jahr; viele, die
eine Kanzlei gründen, können zunächst nicht
von ihren Honoraren leben.
Eine Alternative sind Jobs in größeren Unternehmen
oder im öffentlichen Dienst. Dort sind
zunehmend auch Wirtschaftsjuristen gefragt.
Diese können sich grundsätzlich bereits mit dem
Bachelor bewerben, die Chancen sind aber mit
einem Master meist besser.
MITARBEIT: MEIKE FRIES
BÜCHER UND LINKS
Christof Gramm/Heinrich Amadeus Wolff: Jura - erfolgreich studieren. Für Schüler und Studenten; 6. Auflage; Beck im dtv, München 2012; 288 S., 14,90 Euro. Beschreibung der Anforderungen, Arbeitsweisen im Jurastudium. Gut, um die eigene Eignung zu überprüfen.
Michael Hies (Hrsg.): Perspektiven für Juristen 2013. Das Expertenbuch für Einsteiger; 4. erw. Aufl.; e-fellows.net, München 2012; 336 S., 19,90 Euro. Überblick über Berufsbilder mit Tipps für die Studien- und Karriereplanung.
djft.de: Liste der Bachelor- und Masterangebote der Jurafakultäten in Deutschland mit Übersicht über wirtschaftsrechtliche oder internationale Spezialisierungen (»Komplementärstudiengänge«).
juraexamen.info: Onlinezeitschrift mit Examensklausuren, Lerntipps, aktuellen Urteilen. In Interviews erzählen bekannte Juristen von ihrem Studium.
wirtschaftsrecht-studieren.com: Infos über Studium und Berufsperspektiven, Berichte von Studenten und Absolventen sowie eine Liste aller Studiengänge.
lawblog.de: Ein Düsseldorfer Anwalt berichtet, oft sehr unterhaltsam, aus seinem Alltag als Strafverteidiger.